Finalisten beweisen ihre Sprachkünste

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Daniel Wagner (Mitte) hatte die Gunst des Publikums. Er wurde beim Ravensburger Poetry-Slam-Jahresfinale zum Sieger gekürt. Moderiert wurde die Veranstaltung am Samstag von Wolfgang (ganz links) und Holger Heyer (ganz rechts). (Foto: Mara-Lina Langbehn)
Schwäbische Zeitung
Mara-Lina Langbehn

Beim Poetry-Slam-Jahresfinale am Samstagabend haben elf Sieger und Finalisten des Jahres 2013 vier Stunden lang bewiesen, dass sie zurecht im Finale des jeweiligen Slams standen. Die Veranstaltung fand im Eventwerk Studio 104 in der Ravensburger Südstadt statt und die knapp 20 Meter lange Schlange auf dem Parkplatz davor ließ bereits erahnen, was die Gäste im Innern erwartete.

Vor der Bühne im hinteren Ende des Veranstaltungsorts saßen die Zuschauer eng nebeneinander auf rund 15 Bierbänken und -tischen und verteilten sich auf zahlreiche Barhocker, Sitzwürfel und Stehtische. Selbst kleine Wandvorsprünge wurden dankbar in Anspruch genommen, sofern sie auch nur im Entferntesten Sitzfläche boten. Bunte Deckenstrahler, eine Diskokugel und Musik vom DJ Pult schufen in den letzten Minuten vor dem Startschuss eine Club-Atmosphäre, die sich mit knisternder Spannung und den angeregten Gesprächen slambegeisterter Sitznachbarn mischte.

Slammer aus drei Ländern zu Gast

Und dann war es soweit – um 20.15 Uhr betraten die Brüder Wolfgang und Holger Heyer zu „Die Sendung mit der Maus“-Musik die Bühne und hießen das Publikum zum zweiten Ravensburger Highlight-Slam willkommen. Seit September 2011 veranstalten die beiden regelmäßig sogenannte Poetry Slams, also Dichterwettstreite, bei denen Sprachkünstler, Wortakrobaten und Geschichtenerzähler mit selbstverfassten Texten gegeneinander antreten. Jeder Slammer hat dabei sechs Minuten Zeit, die Zuschauer so von sich zu begeistern, dass sie von diesen ins Finale gewählt werden.

Beim Jahresfinale kamen Sieger und Finalisten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zusammen und das Publikum bestimmte mit Hilfe von Wertungstafeln und Applaus den Jahressieger.

Eröffnet wurde der Wettbewerb von Olga Lakritz. Das zierliche, blondgelockte Mädchen überzeugte mit einem Text über Männer und Frauen, Vorurteile und Feminismus. Nach ihr betrat Philipp Herold die Bühne und erzählte von Fernweh, Verantwortung und Sehnsucht. Es folgten Gregor Stäheli mit seinem Text „Mama ist die Beste oder Ode an den Uterus“ und Gabriele Busse, die ebenfalls von der Beziehung zu ihrer Mutter erzählte.

Als nächstes präsentierte Alexander Simm seine traurige Ballade von Ilse, der fleischfressenden Pflanze, die Vegetarierin werden wollte. Er verpackte Missstände in der Massentierhaltung und Fleischproduktion gekonnt in Metaphern und sorgte mit einem Text voll von Wortneuschöpfungen, sarkastischen Wortspielen und dem Kontrast von grotesk verzerrtem Humor und tragisch realistischem Hintergrund für betretenes Schweigen im Publikum.

Es folgte Eike Brettschneider, der vor allem durch seine Vortragsweise beeindruckte. In einer Art rhythmischem Sprechgesang steigerte er sich bis hin zur völligen Ekstase, was ihm vom Publikum die bisherige Höchstpunktzahl von 59 Punkten einbrachte. Biggi Rohm betrat nach ihm die Bühne und faszinierte mit einzigartiger Wortakrobatik und perfekten Reimen.

Kritik an Lebensmittelindustrie

Der nächste Poet war Elwood Loud. Mit Wiener Dialekt und herrlich überzogener Langsamkeit eines klischeehaften Österreichers bot er den Gästen eine Vorstellung, um die ihn einige große Comedians beneiden würden. Mit vor Lachen tränenden Augen bejubelte das Publikum seine Filmkritik zu „Snow White and the Huntsman“ und genoss nach einigen sehr inhaltsschweren Vorträgen seinen erfrischenden Humor.

Als nächstes betrat Daniel Wagner die Bühne und kritisierte in ironischer Manier Missstände in Menschenrecht, Tierschutz und der Lebensmittelindustrie. Etwas leichtere Kost tischten Interrobang mit ihrem Synchron-Rap über Käsefondue, einem Fondue-Blues mit schweizerischem Dialekt und einem abschließenden „Fondue Unser“-Gebet auf und erhielten dafür mit 60 Punkten die maximale Punktzahl und damit die Höchstwertung des Abends. Der letzte Kandidat der Vorrunde war Mario Tomic, der es nach der Vorlage des Schweizer Duos nicht leicht hatte, aber dennoch 53 erreichte.

Im Finale standen sich Philipp Herold, Eike Brettschneider, Interrobang und Daniel Wagner gegenüber und nach weiteren vier brillant wortgewandten und ausdrucksstarken Vorträgen der Slammer wurde letzterer vom Publikum zum Sieger des Abends gekürt.

Als Verlierer ging an diesem Abend aber keiner nach Hause. Denn für sich konnte jeder etwas mitnehmen aus einer Veranstaltung voller Professionalität, Qualität und rhetorischer Gewandtheit. Ob Prosagedicht, Kurzgeschichte oder Anekdote, Komödie oder Tragödie, gehaltvoll oder erfrischend, es war für jeden etwas dabei.

Informationen und Fotos des Abends gibt es auf der „Ravensburg slammt“-Homepage oder auf Facebook unter Knockout Art by Katie O’Neill , der offiziellen Ravensburger Poetry-Slam-Fotografin. Das nächste Poetry Slam in Ravensburg findet am 25. Januar in der Zehntscheuer statt.

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