FDP-Stadtrat legt Mandat nieder

Lesedauer: 8 Min

Roland Dieterich mag Kunst, Mode und Architektur. Der FDP-Stadtrat gibt sein Mandat im Ravensburger Gemeinderat auf.
Roland Dieterich mag Kunst, Mode und Architektur. Der FDP-Stadtrat gibt sein Mandat im Ravensburger Gemeinderat auf. (Foto: Annette Vincenz)

Einer der schillerndsten Stadträte im Ravensburger Gemeinderat legt sein Mandat nieder: Roland Dieterich (FDP) hört im Mai mit der Kommunalpolitik auf. Der 74-jährige frühere Fraktionschef der Liberalen will sich zwar weiterhin ehrenamtlich engagieren, aber eher in der Betreuung von Menschen, die nicht mehr selbst über ihr Leben entscheiden können, oder in der Schuldnerberatung. Denn obwohl dem früheren Notar und Rechtsanwalt viele nachsagen, dass er im Gemeinderat oft Klientelpolitik für Bauträger und reiche Investoren betrieben habe, hat Dieterich auch eine soziale Ader.

Als junger Mann sogar eine sozialistische. 1944 in Biberach geboren, wuchs er mit seiner Mutter und zwei Geschwistern auf. Der Vater war im Krieg gefallen, und die Mutter musste sich als Unternehmerin mit einer Tankstelle durchschlagen. 1961 nach dem Bau der Mauer trat Dieterich – damals schon rebellisch und „aufmüpfig“, wie er selber sagt – in die SPD ein. „Ich wollte verhindern, dass Konrad Adenauer wiedergewählt wird.“ Warum, weiß er heute gar nicht mehr so genau. „Wahrscheinlich, weil er einfach zu lang an der Macht war.“ Dieterich entwarf Flugblätter gegen die CDU und wurde dafür von der Mutter heftig getadelt, deren Kunden im rabenschwarzen Biberach nicht begeistert über Dieterichs Aktivitäten waren. Allzu erfolgreich war der Beginn seiner politischen Karriere dann auch nicht: „Die CDU legte damals in Biberach sogar noch um ein Prozent zu“, erinnert sich der 74-Jährige und lacht.

Das Jurastudium an der Freien Universität Berlin finanzierte er sich damit, Bier auszufahren oder Regale im Supermarkt einzuräumen. Da er lieber mit dem SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, herumhing und über freie Liebe, Kommunen und die Abschaffung des Strafrechts diskutierte als studierte, war auch der Beginn seiner akademischen Laufbahn nicht besonders erfolgreich. Gleichzeitig begann er aber auch, sich für Liberalismus zu interessieren. 1964 trat er daher aus der SPD wieder aus und setzte sein Studium in Tübingen fort. Ernsthaft und eifrig diesmal.

1968 schloss Dieterich sein Jurastudium mit dem besten Examen landesweit ab, sein Referendariat verschlug ihn nach Ravensburg. „Damals habe ich die Stadt kennengelernt und mich gleich wohl gefühlt.“ Als einer der besten Jungjuristen hätte er in den Staatsdienst oder sogar ins Justizministerium gehen können. „Aber ich wollte nicht so weisungsabhängig sein, wollte selbst entscheiden und Risiken eingehen.“ Er trat also in die Kanzlei von Helmut Wagner ein, einem Ravensburger Wirtschaftsanwalt, der Unternehmen wie Liebherr, Vetter, Ako vertrat – die großen Unternehmerpersönlichkeiten der oberschwäbischen Wirtschaft. 1971 wurde er Partner und konzentrierte sich auf Zivilrecht und öffentliches Recht. „Ein einziges Mal habe ich auch einen Strafrechtsfall verhandelt. Mit Riesenplädoyer und allem. Leider wanderte mein Mandant daraufhin schnurstracks wegen Betrugs ins Gefängnis. Ich hatte ihn aber wirklich für unschuldig gehalten.“ Dieterichs Ausflug ins Strafrecht war beendet.

Überaus erfolgreich war er dafür als Notar. Erfolgreich und bekannt. Als er mit Werner Fricker 1986 die damals im Dornröschenschlaf versunkenen Freien Wähler wiederbelebte, kam er in den Ortschaftsrat Eschach und Fricker in den Gemeinderat. Nach seinem Umzug nach Wangen musste Dieterich das Mandat allerdings aufgeben, später trat er auch bei den Freien Wählern aus und den Freien Demokraten ein. Erst nach seinem erneuten Umzug nach Ravensburg konnte er wieder in der Kommunalpolitik mitmischen und wurde 2009 und 2014 in den Stadrat gewählt.

Haushaltspolitik und die Schaffung von neuem Wohnraum waren Dieterichs Hauptanliegen. „Die Entschuldung der Stadt ist mithilfe der Haushaltsstrukturkommission auch ganz gut gelungen“, findet er. „Auch wenn heute wieder Begehrlichkeiten entstanden sind und viele unsinnige Projekte finanziert werden wie der Integrationsmanager“, findet Dieterich. Bei Abstimmungen schwamm er oft gegen den Strom, stimmte auch schon mal als einziger gegen einen Beschlussvorschlag und hatte mitunter verrückte Ideen: Zum Beispiel regte er einmal an, die defizitäre Oberschwabenhalle abzureißen und dort stattdessen einen Ikea-Mark anzusiedeln. Oder er würde gern die östliche Vorstadt mittels einer Gondel mit der Innenstadt verbinden. Sein Individualismus drückt sich auch in seiner Kleidung aus. Dieterich gibt zu, dass er einen Modetick hat, und bevorzugt ausgefallene Farbkombinationen. „Ich liebe Mode, Architektur und Kunst.“

Stets warb er für neue Wohngebiete – auch wenn sie ökologisch bedenklich waren – wetterte gegen seiner Meinung nach zu strenge Vorschriften beim Planen und Bauen, und hält das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum nach wie vor für „populistischen Unsinn“, weil dadurch „kein Bauträger weniger Gewinn macht, sondern die niedrigeren Mieteinnahmen den Käufern der regulären Eigentumswohnungen auf den Kaufpreis draufschlägt“. Der häufig gehörte Vorwurf, Dieterich würde seinen alten Buddys aus der Baubranche nach dem Mund reden und Lobbyismus für Architekten und Investoren betreiben, schmerzt ihn. Warum? „Weil das nicht zutrifft. Ich bin einfach sachkundig gewesen als Rechtsanwalt und Notar.“

Dieterich wird in der nächsten Ratssitzung am 7. Mai verabschiedet, für ihn rückt Thomas Gihring nach. Der 74-Jährige will mit seiner dritten Frau noch mehr reisen als jetzt und sich ehrenamtlich engagieren für Menschen, die in Not geraten sind. Der geschäftstüchtige frühere Notar, der im Ruhestand selbst einige Bauvorhaben verwirklicht hat, hat nämlich auch eine andere Seite: Der Vater von vier Kindern ist in der evangelischen Kirche aktiv und tief gläubig. „Wenn man so ein begnadetes Leben geführt hat wie ich, ist man verpflichtet, sich für die Allgemeinheit zu engagieren.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen