„Facebook erstellt aus den Daten der Nutzer ohnehin Profile“

Lesedauer: 5 Min

Wolfgang Schweiger
Wolfgang Schweiger (Foto: Privat/ Jan Winkler)
Schwäbische Zeitung

In Deutschland sind rund 310 000 Nutzer vom Datendiebstahl auf Facebook betroffen. Ursprünglich hatten 65 Nutzer an einer App-Umfrage teilgenommen, es wurden jedoch auch Daten von deren Facebook-Freunden ausgespäht. Wolfgang Schweiger, Professor für Onlinekommunikation an der Uni Hohenheim (Foto: Jan Winkler/oh) , hat mit Maike Woydt über den Datenskandal und dessen Folgen gesprochen.

Herr Schweiger, in Deutschland hatten gerade einmal 65 Facebook-Nutzer an der Umfrage teilgenommen, doch nun sind viel mehr betroffen. Wie konnte die App die Daten ausspähen?

Über die Umfrageteilnehmer hat das Tool alle Informationen herausgezogen, die es von ihnen bekommen konnte. Zusätzlich konnte es auf Informationen über die Freundeslisten der Teilnehmer zugreifen und so wiederum deren Daten herunterladen. Ich denke, das haben unzählige andere auch gemacht. Allerdings verstehe ich nicht, weshalb sich alle aufregen. Facebook erstellt aus den Daten der Nutzer ohnehin Profile und verkauft diese als Dienstleistung an Werbekunden. Diese nutzen die Profile, um Facebook-Nutzer mit maßgeschneiderter Werbung zu erreichen. Dem stimmt man als Nutzer mit den Geschäftsbedingungen ohnehin zu. Zudem ist ein Großteil der Nutzerdaten auf Facebook ohnehin öffentlich zugänglich, und kann von Unternehmen auch ohne die Zustimmung von Facebook oder Nutzern abgegriffen werden. Allerdings ist das aufwändig und teuer und wird deshalb selten gemacht.

Die Daten wurden vom Entwickler der App an die Analysefirma Cambridge Analytica weitergegeben. Wie genau geht die Analysefirma vor? Was passiert mit den gesammelten Informationen?

Cambridge Analytica macht das, was viele Online-Marketing-Firmen machen. Sie erstellen Kundenprofile, um präzise Werbung zu schalten. In erster Linie aber macht dieses etwas zweifelhafte Unternehmen erfolgreiche Eigen-PR. Etwa als sie öffentlich behauptet haben, mit ihrer Technik Donald Trump zum US-Präsidenten gemacht zu haben. Entsprechend groß ist jetzt der Aufschrei, dass ausgerechnet diese Firma auf schrägen Pfaden die Daten von Millionen Facebook-Nutzern abgegriffen hat. Allerdings hat Facebook heute zugegeben, dass es über ein unentdecktes Leck in der Daten-Schnittstelle bislang nahezu jedem möglich war, Nutzerdaten aus dem System zu ziehen. Ich denke, das haben unzählige andere auch gemacht.

Zuckerberg sagte, dass man aus Fehler lernen müsse, sich diese aber beim Aufbau eines solchen Sozialen Netzwerks nicht vermeiden ließen. Halten Sie die anklingende Reue für echt?

Ja, ich glaube, Zuckerberg wollte nie etwas Böses mit Facebook. Aber er ist ein IT-Mensch durch und durch. Er ist der festen Überzeugung, dass man alle Probleme mit einem neuen System oder einem neuen Algorithmus lösen kann.

Wegen des Skandals will Facebook nun besser auf den Datenschutz achten. Ändert sich dadurch wirklich was?

Definitiv nicht. Es wird eine Schusterei bleiben, die zur Besänftigung der Öffentlichkeit dient. Das Geschäftsmodell von Facebook bleibt aber das gleiche.

Was kann man jetzt schon dagegen tun?

Man kann den Nutzern nur empfehlen, auf Facebook oder Instagram, das auch zum Unternehmen gehört, so wenige Daten wie möglich preiszugeben und in die eigenen Einstellungen zu schauen. Facebook hatte mitgeteilt, dass diese künftig aufgeräumter und verständlicher sein sollen. Mal schauen. Ich denke aber, durch den Vorfall sind die Menschen schon sensibilisierter für den Schutz ihrer privaten Daten und achten mehr darauf.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen