Eva-Maria Lohrs stellt Engel aus alten Ziegeln des Grünen Turms her

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 Die Bad Waldseer Künstlerin Eva-Maria Lohr (links) mit einigen ihrer stark gefragten Engelsfiguren, die im Lädele der Museumsge
Die Bad Waldseer Künstlerin Eva-Maria Lohr (links) mit einigen ihrer stark gefragten Engelsfiguren, die im Lädele der Museumsgesellschaft Ravensburg in der Oberstadt am Rivoliplatz verkauft wurden. Ladnerin Elsbeth Rieke (rechts) muss allerdings derzeit Interessenten vertrösten, denn Lohr geht das Material aus uralten Ziegeln vom Grünen Turm langsam aus. (Foto: Peitz)
Günter Peitz

Bei vielen Kunden im Laden „Trödel & Antik“ der Museumsgesellschaft Ravensburg in der Oberstadt am Rivoliplatz ist es „Liebe auf den ersten Blick“: Den im Schaufenster ausgestellten Engelsfiguren, geschaffen von der Bad Waldseer Künstlerin Eva-Maria Lohr aus jahrhundertealten Ziegeln vom Grünen Turm, können sie einfach nicht widerstehen.

Seit rund 20 Jahren fertigt Lohr diese kleinen Kunstwerke und stiftet sie der Museumsgesellschaft, deren Mitglied sie ist, für den Verkauf. Warum berechnet sie dafür keinen Cent? „Ich mag das nicht, wenn man nur hinter dem Geld her ist“, lautet ihre Antwort. Einnahmen von insgesamt etwa 50 000 Euro hat sie der Museumsgesellschaft so schon verschafft, überschlägt Elsbeth Rieke, die Chefin im Museumsladen.

Kunden im In- und Ausland

Die Nachfrage nach den Himmelsboten ist nach wie vor groß. Sogar schon nach Australien habe sie einen verschickt, erzählt Ladnerin Cordula Jans. Kunden im In- und Ausland verschenken die „Ziegelengel“ mit ihren Flügeln aus Treibholz gern zur Taufe, an Kranke, als Haus- oder Schutzengel. Doch zur Zeit müssen Interessenten im Museumsshop vertröstet werden und mit einem Platz auf der Warteliste vorlieb nehmen.

Eva Maria Lohr geht das Material allmählich aus. Das war vor rund zwei Jahrzehnten, als sie damit begann, anders. In den Jahren 1988/89 wurde der Grüne Turm, seit dem 15. Jahrhundert bis 1943 als Gefängnis genutzt, wo auch Opfer von Hexenprozessen verhört, gefoltert und gefangen gehalten wurden, umgedeckt. Von den 10 630 überwiegend grün, zum Teil auch gelb, braun und oliv glasierten Ziegeln, der älteste von 1476, mussten viele ausgetauscht werden, weil der Zahn der Zeit schon zu stark an ihnen genagt hatte.

Die maroden Ziegel wurden jedoch keinesfalls weggeworfen, sondern von Frauen der Museumsgesellschaft „g’wäscha“, erinnert sich Elsbeth Rieke. Das sei eine Sauarbeit gewesen, bei der man den ganzen Innenhof unter Wasser gesetzt habe. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Soweit möglich, wurden die uralten Ziegel mit enorm viel Patina als Ganze verkauft. Die Scherben bekam Lohr, die schon immer alte, gebrauchte Materialien und kaputte Dinge liebte, auch bereits in ihrer nun schon lange zurückliegenden Zeit in Neuseeland, wo sie mit ihrem Mann, einem Tierarzt, mehrere Jahre lebte und wo auch ihre beiden längst erwachsenen Kinder geboren wurden.

Abfall wird zu Flügeln

Mit viel Kreativität und etwas Farbe verleiht sie, seit 40 Jahren in Bad Waldsee zu Hause, wo sie auch schon ausgestellt hat, jedem ihrer Engel ein Gesicht. Ein Stück Holz oder Metallabfall werden zu Flügeln. Die Engel, von denen keiner dem anderen genau gleicht, erinnern an alte, geheimnisvolle Ikonen, schrieb SZ-Mitarbeiterin Dagmar Brauchle über eine Ausstellung 2006 im Museum im Kornhaus in Bad Waldsee.

In Ravensburg hat früher auch die Galerie Hölder ihre Himmelsboten verkauft und den Erlös komplett an die Museumsgesellschaft abgeführt, außerdem die Galerie Kreeb in Meersburg. Kreativ ist Eva-Maria Lohr aber auch in anderer Hinsicht: Im Laden der Museumsgesellschaft sind von ihr auch historische Ravensburger Gebäude im Miniaturformat erhältlich, geschaffen ebenfalls aus Bruchstücken alter Ziegel vom Grünen Turm. Als Beigaben in Geschenkpäckle, die in alle Welt verschickt werden, lösen sie regelrechte „Heimweh-Schübe“ aus, ist im Lädele zu erfahren.

Nicht dort, wohl aber an der Kasse des Museums Humpisquartier ist ein von Eva-Maria Lohr gestaltetes Ausmalbuch für Kinder zur Ravensburger Stadtgeschichte erhältlich. Das Malen hat die Künstlerin allerdings eingestellt. „Dabei hat Frau Lohr früher ganz bezaubernd schöne Bilder gemacht“, bedauert Elsbeth Rieke. Im Übrigen wäre es ihr ganz recht, müsste der Grüne Turm erneut umgedeckt werden. „Denn dann gäb’s wieder genug ausrangierte Ziegel für Frau Lohr...“

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