Erste Hilfe für die Seele

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Der Kriseninterventionsdienst hilft Angehörigen nach Unfällen oder Verbrechen, mit dem Verlust eines geliebten Menschen klarzuk
Der Kriseninterventionsdienst hilft Angehörigen nach Unfällen oder Verbrechen, mit dem Verlust eines geliebten Menschen klarzukommen. (Foto: Archiv)

Ob ein Verkehrsunfall, ein Verbrechen oder ein Herzstillstand – wenn ein Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen wird, ist es für die Angehörigen besonders schwer, den Verlust zu greifen und zu verarbeiten. Von einer Minute auf die andere werden sie völlig unvorbereitet aus der Normalität ihres Alltags herausgerissen. Speziell geschulte Ehrenamtliche des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) oder des Malteser Hilfsdiensts werden dann hinzugerufen, um den Angehörigen in den ersten Stunden nach dem Verlust Halt zu geben und Trost zu spenden.

Wenn Eltern durch das plötzliche Versterben ihres Kindes wie gelähmt sind, die Polizei nach einem schweren Unfall der Familie die Nachricht über den Tod eines Familienmitglieds überbringen muss oder Menschen mit dem Suizid eines nahen Angehörigen oder Freundes zurechtkommen müssen, wird die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) des Deutschen Roten Kreuzes oder das Kriseninterventions-Team (Kit) der Malteser eingesetzt. „Die schlimmsten Einsätze sind die, wenn Kinder betroffen sind“, sagt Anneliese Heinz. Die 67-jährige Aulendorferin leitet die PSNV-Gruppe und ist schon seit der Gründung vor 15 Jahren ehrenamtlich engagiert. „Wie soll ein Kind begreifen, dass der Vater oder die Mutter nun nicht mehr nach Hause kommen? Kinder trauern ganz anders als Erwachsene“, erklärt Anneliese Heinz.

Überraschung erschüttert

„Hinter jedem Einsatz steckt ein schlimmes Schicksal. Wenn man an die Unschuld eines Kindes denkt, geht einem das schon nahe“, sagt Gertrude Rößler, Leiterin des Kit. Bei der Familientragödie Anfang Juli in Untereschach, als ein 53-Jähriger seine Frau und seine beiden Stieftöchter mit einem Beil und einem Messer getötet haben soll, war sie vor Ort und kümmerte sich um das hinterbliebene fünfjährige Mädchen. „Das war ein außergewöhnlicher Einsatz, und ich war froh, dass ich spezielle Zusatzschulungen absolviert hatte“, berichtet Rößler. Dazu zählen Schulungen für Einsätze nach Gewaltanwendungen, Amok-Attacken oder wenn behinderte Menschen betroffen sind. Wie sie erzählt, hat sie in der Tatnacht viel mit dem Mädchen gesprochen. „Sie ist in eine gute Pflegefamilie gekommen und es geht ihr den Umständen entsprechend gut“, so Rößler.

Erschütternd sei für die Betroffenen immer, wenn sie von dem Todesfall überrascht werden. „Arbeitsunfälle sind dramatisch. Der geliebte Mensch geht morgens aus dem Haus und kommt abends nicht mehr heim. Und plötzlich steht die Polizei und das Rote Kreuz vor der Türe“, schildert Anneliese Heinz. Überhaupt sei die Überbringung von Todesnachrichten sehr schlimm. „Wir treffen uns dann entweder mit der Polizei auf dem Revier oder ein paar Meter von der Haustüre entfernt, um erst mal alles zu besprechen und festzulegen, wer die Nachricht überbringt.“

Häufig werden die Ehrenamtlichen auch zu erfolglosen Reanimationen gerufen. „Der Angehörige steht daneben und weiß nicht, wie ihm geschieht“, berichtet Heinz. Deswegen werden die Ehrenamtlichen dazu geholt, um die Betroffenen in der Situation nicht alleine zu lassen. „Wir kommen auch mit ins Krankenhaus, bleiben da, solange es erforderlich ist und von den Angehörigen gewünscht wird.“

Alarmiert werden die Ehrenamtlichen über die integrierte Rettungsleitstelle Oberschwaben des DRK, erläutert Heinz. „Wir gehen immer zu zweit zu einem Einsatz. Wenn er vorbei ist, reden wir danach miteinander, um das Erlebte gleich zu verarbeiten. Ganz egal, wie viel Uhr es ist.“ Eine gute Psychohygiene sei bei dieser Arbeit sehr wichtig. „Ich brauche danach Ruhe in einem separaten Zimmer oder ich gehe in der Garten. Andere wollen Sport machen oder in der Badewanne ein Buch lesen, da ist jeder anders“, sagt Heinz. Gesprächsrunden mit anderen Menschen, die im Berufsleben ähnliche Erlebnisse haben (beispielsweise mit Krankenschwestern auf Intensivstationen oder Ärzte), sind beispielsweise für Gertrude Rößler hilfreich, um die Einsätze gut zu verarbeiten.

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