Eine Tonne Erde vor dem Altar

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 Der Krippenbauer Martin Spöttle im Altarraum der Dreifaltigkeitskirche in der Weststadt.
Der Krippenbauer Martin Spöttle im Altarraum der Dreifaltigkeitskirche in der Weststadt. (Foto: Martina Kruska)
Martina Kruska

Die Krippe in der Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in der Weststadt kann noch bis 26. Januar besichtigt werden. Notfalls im Pfarrbüro melden: Schwalbenweg 5, 88213 Ravensburg/Weststadt, Telefon 0751 / 7912430.

Alljährlich wächst sie Bild um Bild, die „wachsende Krippe“ direkt neben dem Altar der Dreifaltigkeitskirche. Wo am Anfang nur Erde zu einem Hügel aufgetürmt ist, entsteht aus fünf Bildern ein eindrucksvolles Ganzes, dieses Mal unter dem Motto „Lichtblicke im Ewigen“. Martin Spöttle, Orthopädiemeister und Gemeindemitglied, erfährt jeweils Ende Oktober vom Pastoralteam das Thema der Predigtreihe für die Adventssonntage. Seine Aufgabe ist es, das Ganze bildhaft in Form einer wachsenden Krippe umzusetzen und so die Predigtreihe zu begleiten. Spöttle entwickelt schnell ein Bild im Kopf. „Ich brauche keine Zeichnung, ich habe die Vorstellung hier“, sagt er und zeigt lächelnd auf Herz und Kopf.

Zuerst stöbert der begnadete Hobbykrippenbauer in seinen Vorräten an Steinen, Kies, Holz, die teils im Turm der Kirche lagern, und holt die Kellenrieder Krippenfiguren hervor. Am ersten Adventssonntag wirkt die Krippe noch recht kahl. Eine Tonne Erde, direkt an den Altar geschmiegt, darunter diesmal ein an seinem Schreibtisch sitzender Gelehrter mit Brille: Die erste Predigt der Reihe „Lichtblicke im Ewigen“ handelt unter anderem von Hugo Wolf, einem streitbaren Professor für Kirchengeschichte der Universität Münster, der sich kritisch mit der Situation der römisch-katholischen Kirche auseinandersetzt. Laut Pfarrer Reinhold Hübschle ein wahrer Lichtblick der Gegenwart.

Parallel zu den Predigttexten im Advent wächst die Krippe um ein weiteres Bild. So musste Spöttle vor dem zweiten Advent die Klimaaktivistin Greta Thunberg in Szene setzen. Als Kellenrieder Wachsfigur mit Zöpfen und heutiger Kleidung steht sie, umringt von Protestschildern, vor dem Stockholmer Reichstag. Dazu mussten Kleider und T-Shirts genäht werden und vor allem der Reichstag in Stockholm aus Pappe entstehen. Für Spöttle kein Problem. „Ja, ein Lichtblick ist Greta Thunberg“, fasst er die entsprechende Predigt von Pastoralreferentin Angelika Böhm zusammen, „ und ein Beispiel dafür, hinzusehen und etwas zu verändern, nicht nur zu reden, sondern zu handeln“. Das kritische Auftreten der jungen Schwedin überträgt Spöttle als aktiver Christ auch auf das Verhalten der Menschen ihrer Kirche gegenüber. „Seid kritisch, diskutiert, schaut nicht weg, auch die Dogmen der Kirche sind nicht in Stein gemeißelt. Auftreten statt austreten!“

Am dritten Advent wird der Prophet Jesaja ins Bild gesetzt als Gestalt, die den Mächtigen ins Gewissen redet. Er steht als Retter vor dem Tor von Jerusalem und verspricht, aus der Wüste blühende Landschaften zu machen. Die Krippe wächst, Pflanzen und ein kleiner Wasserlauf zeugen von der Schönheit der Natur.

Ein weiterer Lichtblick – am vierten Advent – gilt der Diakonin Phoebe aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Sie war Gemeindeleiterin mit allen Befugnissen. Wenn man bedenkt, welch untergeordnete Rolle die Frauen in der Kirche heute spielen, ist diese Phoebe ein wahrer Lichtblick.

Alle Wege der Krippe, mit Kies, Moos oder Steinen belegt, führen hin zum Stall in Bethlehem. Er wird eingefasst von weißen Weihnachtssternen und ist mit Josef, Maria und dem Kind in der Krippe der allerhöchste Lichtblick. Sein Platz ist direkt neben dem Altar, für alle sichtbar.

Martin Spöttle schaut zufrieden auf sein Werk. Es scheint, als sei er in Gedanken schon bei seiner nächsten Krippe, aber das Thema lässt auf sich warten – bis Ende Oktober. Gereicht hat ihm die Zeit noch immer.

Die Krippe in der Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in der Weststadt kann noch bis 26. Januar besichtigt werden. Notfalls im Pfarrbüro melden: Schwalbenweg 5, 88213 Ravensburg/Weststadt, Telefon 0751 / 7912430.

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