Eine große alte Geschichte mit starker Musik für heute

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Michael Moravek und die Electric-Traveling-Show waren am Samstagabend Gäste in der Ravensburger Zehntscheuer. Sie brachten ein z
Michael Moravek und die Electric-Traveling-Show waren am Samstagabend Gäste in der Ravensburger Zehntscheuer. Sie brachten ein zeitloses und hochaktuelles Thema auf die Bühne. (Foto: Hans Bürkle)
Wolfram Frommlet

Unangekündigt, wie von einem Geisterschiff an Land geseilt, beginnt Bernd Wengert den Abend, als Walfänger vor langer Zeit, und erzählt auf seine magische Art, als entstünden die Erinnerungen live in ihm, aus dem mit Michael Moravek gemeinsam entwickelten Programm „November In My Soul“. Michael Moravek und die Electric-Traveling-Show gastierten am Samstagabend in der Ravensburger Zehntscheuer.

Es sind ein Roman und sein Autor, die Michael Moravek seit Jahren nicht loslassen, ihn inspirierten zu Lyrik und Songs in fabelhaftem Englisch: der 1851 in London und New York erschiene Roman „Moby Dick or The Whale“ des Sozial-Utopisten, Kultur- und Religionsskeptikers Herman Melville.

Der Roman besteht aus zahllosen kleinen Themen, die sich seit Melvilles Amerika und Europa gewandelt haben, die zentralen Figuren aber sind für Moravek heutige, die globale Allegorien, die er, ohne direkte Politisierung, an sein Publikum weitergeben möchte. Moby Dick kann mal vielfach, hochaktuell auch, deuten. Der weiße Wal als personifizierte Natur, die sich rächt, sich wehrt gegen die planetarische Unterwerfung, oder die weiße Ausbeutung der Ozeane? Der Prophet Jonas als Befreiung von Gott oder Göttern, die rationale Wissenschaft? Der einbeinige Kapitän Ahab, Synonym für Konzerne, für fundamentalistischen Wahnsinn globaler Ideologien. Die Schiffe von Ahab, von Gier zerfressen, seine Mannschaften, die Opfer des Fortschritts, schöngeredet, in Moraveks Songs auf winzige moderne Allegorien reduziert.

Dies ist von philosophischer Tiefe und einem ganz eigenem, mitreißenden Drive einer Musik, die eine radikale Leidenschaft, Unruhe und Verletzlichkeit hat, wie Menschen weltweit, die mit Wut und mit Tränen vor den gestrandeten Walen stehen, die an unser aller Plastik ersticken, deren Meeresgesänge zerplatzen unter den tödlichen Elektronik-Wellen der schwimmenden Schlachthäuser und Rüstungsmonster. Alles, was Melville in seiner zeitlos-visionären Literatur, auch in den anderen Arbeiten, so bedrohlich, so drängend und dringlich macht, ist in der Musik dieses neuen Programms faszinierend „heutig“ umgesetzt.

In den Kompositionen, den Stimmungen, den ebenso kollektiven wie individuellen Reaktionen auf seine Songs. „Lifting my head tot he brighty sky / all I see is truth turning to lie“ Aus den leisen, seelenvollen Momenten, aus den Ernüchterungen oder Resignationen, die anklingen – „tired of a world going into war / and every song a creature sings / it has been sung before, aus der „darkness of the cold black sea“ – bricht eine Wut aus den fünf Musikern, die mit ihm harmonieren – hört man selten: William Widman am Schlagzeug, Ayu Tupac Requene-Fuentes an Klavier und Trompete, William Kollmar Bassgi-tarre, Andrej Polansky, Viola. Starke Individuen und eine Einheit mit Moraeks enormer stimmlicher Sensibilität und Dynamik an den Gitarren.

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