Eindrucksvolle Vielfalt oberschwäbischer Sakralmusik

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 Der über 60 Stimmen zählende Oratorienchor Liederkranz führte unter der Leitung von Gregor Simon zusammen mit der Kammerphilhar
Der über 60 Stimmen zählende Oratorienchor Liederkranz führte unter der Leitung von Gregor Simon zusammen mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und den Solisten oberschwäbische Sakralmusik und Werke von Gregor Simon auf. (Foto: Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Am Samstag hatte dasselbe Ensemble bereits in Obermarchtal mit diesem Konzert Premiere gefeiert. Wegen der fast zweistündigen Aufführungsdauer entschloss sich Gregor Simon jedoch zur Streichung von einigen instrumentalen Zwischenspielen an der Truhenorgel, denn in der noch winterkalten Kirche der Weißenau wird es jedem nach einer Stunde auch in warmer Kleidung fröstelig. Was folgte war ein gelungener musikalischer Abend, der mit einem glänzend aufgelegten Oratorienchor Liederkranz, einer sensibel begleitenden Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und vier Solisten einen hervorragenden Einblick in die oberschwäbische Sakralmusik des späten 18. Jahrhunderts gab.

Das vielschichtige Programm umfasste Werke der Zeitgenossen Nikolaus Betscher, Franz Josef Fehr und Justinus Heinrich Knecht, die als Abt in Rot an der Rot, als Organist und Klavierbauer in Ravensburg und als evangelischer Musikdirektor in Biberach wirkten. Die Werke stammten aus dem Zeitraum 1775 bis 1797, mithin als „oberschwäbische Klassik“ bezeichnet. Mit dem jüngsten Komponisten, Justinus Heinrich Knecht aus Biberach, und zwei Psalmkantaten „Wohl dem Manne“ und „Herr! Straf mich nicht!“ in mehreren Teilen, begann der Abend gleich gesanglich überwältigend. Liedhaft komponiert für den Chor wie für das Quartett der vier Solisten und in den zwei Fuga-Teilen schlaggenau rhythmisiert, war die erste Kantate schon eine Freude. Und das steigerte sich eindrücklich in der zweiten im Largo und seinem Endvers „Ah, wie lange noch!“, den der Chor zwei Mal in einer fantastisch präzisen Steigerung vorsichtig aufbaute. So etwas bleibt im Ohr, auch wenn man es vorher noch nie gehört hat.

Als Zwischenspiel passten Gregor Simons „Benediktus-Messe 'à la classique'“, 2017 uraufgeführt, und der Zwischenteil seines Flötenquartetts mit einem Andante für die hellen Streicher, sehr gut. Die harmonisch beginnende deutsche Messe, ein Auftragswerk für den Kirchenchor St. Georg in Ochsenhausen, ist in ihren dynamischen Akzenten und Kontrasten und ihrem hier uraufgeführten Credo-Teil, der in einem Sprechgesang des Quartetts besteht und nur von der Truhenorgel begleitet wird, ein sowohl eingängiges, wie inspiriertes Werk. Und Gregor Simon, Chorleiter in Obermarchtal und Ravensburg sowie Komponist, leitete die Aufführung so dynamisch von einem winzigen Podest aus, dass man seine Körperbalance immer wieder bewundern musste.

Sie war auch weiterhin gefordert, denn ein Hauptwerk des Abends kam danach mit Franz Josef Fehrs 1791 in Ravensburg verfasstem „Te Deum“, aus dessen in Lindau aufbewahrter Handschrift Gregor Simon eine digitale Partitur generiert hatte. Es stellte sich in seiner ersten Wiederaufführung als ein Gotteslob von heiterer Gemütsart dar, mit einem a cappella-Teil für den Chor und einem großen Tutti am Schluss. Danach zwei Werke des ältesten der Komponisten, des Prämonstratensermönchs Nikolaus Betscher, mit seinem „Magnificat“ von 1775 und dem „Te Deum“ von 1797, dazwischen schuf Lisa Hummel an der Truhenorgel mit Knechts „Cantabile a-moll“ einen kleinen Besinnungsmoment. Beides verhältnismäßig kurze, aber sehr schöne Stücke, die besonders Leila Trenkmanns sicher tragenden Sopran, aber auch die drei anderen Stimmen in den Vordergrund hoben, jedoch auch dem bestens ausbalancierten Chor große Auftritte ermöglichten. Anhaltender Applaus von fast 300 Gästen, ein prächtiger Eindruck einer Epoche, musikalisch umfassend tadellos gelungen.

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