Ein Vorhang blickt auf zehn Jahre Zirkus zurück

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Der Samtvorhang des Ravensburger Weihnachtscircus’ (Symbolbild).
Der Samtvorhang des Ravensburger Weihnachtscircus’ (Symbolbild). (Foto: Wohlhaupter)
Schwäbische Zeitung

Ich bin ja schwer entflammbar. Aber für den Zirkus brenne ich. Seit zehn Jahren hänge ich jeden Winter direkt vor dem „sehr verehrten Publikum“, wie der Direktor immer sagt, zwischen Artisten, Tieren und Clowns herum. Das ist ein harter Job für einen Samtvorhang. Tagelang pfeift mir der eisige Wind am Allerwertesten vorbei. Und vorne blendet der Spot. Aber mir macht das ja nichts aus. Nein, wirklich! Im Gegenteil: Wer im Zirkus arbeitet, brennt auch dafür. Ist so. Bei allen. Auch beim Vorhang. Jeden Winter, 14 Tage, 30 Vorstellungen: Auf. Zu. Auf. Zu. Auf. Zu. Das zieht sich… ich meine da zieht’s mich. In die Länge. Und nicht nur das: Manchmal wird’s sogar gefährlich für edle Vorhänge.

In meinem ersten Jahr vor der Oberschwabenhalle lagen draußen 15 Zentimeter Neuschnee. Jongleure, Requisiteure, Stallburschen, alle kamen von draußen rein und klopften sich lustig den Schnee ab. Das hätte Flecken geben können – wir Samtvorhänge sind empfindlich! Noch mehr gezittert hab ich aber bei den riesigen, scharfkantigen Requisiten. Das Todesrad zum Beispiel hätte mir fast einen großen Ritz geschlitzt. Da hat der Zirkusdirektor mal getobt… meine Herrn! Hat schon gewusst, was ich wert bin. Ich maßgeschneiderter Theatervorhang. So schwer, mit Blei im Saum, mit Gold bestickt, adrett gerafft.

Direktor stellt Clown ein Bein

Und dann kommen Clowns mit ihren großen Schuhen und ihrem tölpelhaften Gang daher. Mit ihrer fettigen Schminke im Gesicht. Wenigstens haben die Handschuhe an. Einer ist ja mal direkt vor mir auf seine rote Nase gefallen – und das war gar nicht Teil des Programms. Unter uns: Der Direktor hat ihm ein Bein gestellt. Ehrlich. Glaubt man kaum, oder? In der Manege wirkt er ja immer so charmant. Im Inneren ist das ein Lausbub, der feine Herr Direktor. Der Clown fand das gar nicht lustig. Drei Tage lang hat er nicht mehr mit dem Direktor geredet.

Da war der Stallmeister und Moderator Paschke schon gelassener in seiner wirklich misslichen Lage. Der saß mal auf einer Palette fest. Die Techniker hatten ihn für eine spezielle Nummer mit einem Motor nach oben gefahren. Zack – Kurzschluss. Aus die Maus. Die Hydraulik machte keinen Mucks. Ganze 28 Minuten stand er in luftiger Höhe in seiner weißen Reithose wie auf dem Präsentierteller. Der arme Kerl tat mir richtig leid. Der ist nämlich sehr nett. Und nur ein kleines bisschen verrückt. Nicht so, wie die ganzen Artisten, die sich Show für Show lebensmüde über dünne Seile schleichen oder sich gegenseitig durch die Luft werfen. Ohne Netz. Voll gefährlich.

Artist kugelt sich die Schulter aus

Den einen, vom Katapult damals, den hat’s ja dann auch richtig erwischt: Der wollte mit einem Schleuderbrett von einem Elefanten auf den anderen. Ging voll daneben: Hat sich die Schulter ausgekugelt. Da war hinter mir und vor mir und eigentlich überall um mich herum plötzlich richtig was los. Hab ich natürlich schön Platz gemacht für den Notarzt. Ich weiß ja was sich gehört. Nicht wie bei der Tierschau in der Pause in den ersten Jahren, wo unzählige Gäste einfach achtlos an mir vorbei gegangen sind nach hinten. Da hätt’ ich mal fast dicht gemacht. Hat dann aber der Direktor übernommen. Zu viel Stress für die Tiere. Für mich übrigens auch. Ekelhaft. Jeder hat da mit seinen klebrigen Popcornfingern an mir rumgefummelt. Bah.

Die filigranen Händchen der vier Ballett-Tänzerinnen waren da schon angenehmer. Ach… was für eine Grazie. Was für eine Anmut. Das fanden die Requisiteure übrigens auch. Haben ein Loch in ihren Anhänger gebohrt und ihnen beim Umziehen zugeschaut. Das gab Riesenärger. Sind alle rausgeflogen. Da ist er streng, der Herr Direktor. Früher hat er ja viel geschrien. Heute kommt die Kritik eher leise daher. Aber umso schärfer. Trifft aber trotzdem ins Mark. Zum Beispiel die Artisten, die den Requisiteur Jimmy so mies behandelt haben. Das kann er ja gar nicht leiden, der Direktor Kretz. Wenn man keinen Respekt hat.

92-Jährige kommt extra von Friedrichshafen

Vor mir hat ja niemand wirklich Respekt. Vor allem die Tiere nicht. Jedes Mal, wenn die Hengste in die Manege galoppieren, streifen sie mit ihrem schneeweißen Fell direkt an meinen edlen Kanten entlang. Die Kühe waren auch nicht besser – nur langsamer. Die Zebras sind sogar mir ihren Hufen an mir hängengeblieben. Und das Kamel hat mich angeschlabbert. Igitt. Aber mir macht das ja nichts aus. Wenn Vorstellung ist, geht’s einfach hektisch zu. Und das in allen möglichen Sprachen: Russisch, Französisch, Spanisch, Bulgarisch, Chinesisch, Schweizerdeutsch, Polnisch, Allgäuerisch. Nur kurz bevor es losgeht, ist es mucksmäuschenstill. Dann höre ich, wie hinter mir die Herzen schneller klopfen. Sie nennen es Lampenfieber. Obwohl das eigentlich ja alles Profis sind. In die Stille bricht dann irgendwann ein „Wir fangen an!“. Es folgt ein „Dim, dim, didi, didi, dim, dim, di, diiii“ vom großen Live-Orchester. Das föhnt richtig, yeah! Da spür’ ich die Musik – herrlich.

Zwei Stunden lang mach ich dann auf und zu. Alle fünf Minuten. Da ist nichts mit lässig Rumhängen. Ne, neee…. da bin ich auf Zack. So lange, bis es heißt „Dankeeeeeeeeeee, Ravensburg!“ und das „sehr verehrte Publikum“ das Zelt verlässt. Dann höre ich nur noch das Mampfen der Pferde, die auf dem Heu herumkauen draußen in den Stallzelten. Normal ist da keiner mehr. Nur an einem Nachmittag saß da noch eine alte Frau in ihrem Mantel auf einem der Sitze. Die 92-Jährige hatte sich extra aus Friedrichshafen nach Ravensburg fahren lassen. Sie war bis zu diesem Tag noch nie in einem Zirkus gewesen. Der Direktor ist zu ihr hin, hat sie gefragt, ob er helfen kann. Da hat sie ihn angelächelt und gesagt: „Ich wusste ja nicht, dass es so schön ist.“ Das hat den Direktor glaube ich sehr berührt. Aber der ist ja auch leicht entflammbar. Jedenfalls, so lange es um Zirkus geht.

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