Ein Unglück kommt selten allein

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Potsdamer Theater Poetenpack hat im Konzerthaus Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“ aufgeführt.
Potsdamer Theater Poetenpack hat im Konzerthaus Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“ aufgeführt. (Foto: Babette Caesar)
Schwäbische Zeitung
Babette Caesar

Kein glückliches Ende der Liebe zwischen Minna und dem Major haben die Zuschauer am Samstagabend im halb ausgebuchten Ravensburger Konzerthaussaal erlebt. Das Potsdamer Theater Poetenpack unter der Regie von Michael Neuwirth hat Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“ darstellerisch in die Jetztzeit gerückt, es kräftig aufgepeppt und ihm einen tragischen Ausgang verpasst. Der kam überraschend, aber nicht grundlos.

Nichts an Bühnenbild und Kostümen hätte eine traditionelle Inszenierung erwarten lassen, die vor dem gerade zu Ende gegangenen Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen und Sachsen spielte. Zwei Liegestühle unter einem Sonnenschirm, dahinter eine große Veranda mit einem Strandhaus. Wildes aufgebrachtes Gegacker, mit dem das Fräulein von Barnhelm (Sophie Lochmann) und ihre Kammerjungfer Franziska (Simone Kabst) die Bühne erobern.

Major von Tellheims harte Prüfung

Ausgelassen feiernd ziehen sie die Rollköfferchen hinter sich her, um sich beim Wirt (Wolfram Grüsser) einzuquartieren. Der Herr Wirt in Schlabberhose und Unterhemd verkörpert das Abziehbild von gemeinem Schnüffler, der seine Nase überall hinein steckt. Wenn sich Minna und der Major von Tellheim (Andreas Hueck) zum ersten Mal wieder begegnen, nimmt Franziska den Gaffer kurzerhand Huckepack, um ihn hinaus zu befördern.

So wie solche Momente die Zuschauer amüsiert haben, gab der Major vom ersten Akt an den Gekränkten und Entehrten. Sein im Krieg erlittenes körperliches Leiden ist mehr als eine Armverletzung wie in Lessings 1767 in Hamburg uraufgeführter Komödie. Neuwirth hat Tellheim in einen Rollstuhl gesetzt. Als Krüppel und Bettler klagt er sich an, nimmt, obwohl er pleite ist, partout keinen einzigen Gulden von seinem früheren Kampfgefährten Wachtmeister Paul Werner (Reiner Gabriel) an und verweigert sich trotzig den Liebesbekundungen seiner Verlobten.

Minna ist eine junge schöne Frau als modisches Abbild heutiger luxusverwöhnter Spaßgesellschaften. Sie flippt förmlich aus vor Freude über den wiedergefundenen Major und wird zum wütenden Kleinkind gegenüber der vernunftgeprägten Franziska, die sich einfach nicht untertänigst mitfreut.

Womit Neuwirth seine neuzeitliche Fassung konfrontiert, ist die Sprache Lessings. Die bleibt erhalten von der ersten Szene an, in der Tellheims Diener Just (Felix Isenbügel) als übernächtigter Typ aus seinem Rausch erwacht: „Schurke von einem Wirte! Du, uns? – Frisch, Bruder! – Schlag zu, Bruder!“, verflucht er den Wirt, der seinen Major aus dem „vermaledeiten Haus“ geworfen hat. Dieser Kontrast zeigt, wie modern Lessing einst gedacht hat. Nur dass sein Spiel mit einer Doppelhochzeit glücklich endet und das von Neuwirth in einem Drama ausgeht.

Ein gewagtes Spiel

„Das stehen wir jetzt auch noch durch!“, war in der Pause zu hören. Vielleicht angesichts der zeitgenössischen Aufführungspraxis, nur war Lessing damals auch auf der Höhe seiner Zeit und Minnas List mit dem vertauschten Verlobungsring ein gewagtes Spiel.

In Neuwirths Inszenierung überspannt sie den Bogen und ist schließlich außerstande, dem tragischen Geschehen Einhalt zu gebieten. Während Tellheim sich triebfederartig vom Ehrlosen zum euphorisch Verliebten wandelt, der ohne seine Minna nicht mehr sein will, erteilt sie ihm eine empfindliche Lektion in Sachen Verweigerung. Eigentlich hätte alles gut enden können, hätte sie seine Bitte um Vergebung akzeptiert. Bloß wie, in einer solchen verfahrenen Ausgangslage.

Neuwirth spart sich den Auftritt des Oheims Graf von Bruchsall, der bei Lessing den Paaren zu ihrem Glück verhilft. So verhallten am Abend Franziskas warnende Rufe im Nichts und Minna lag getroffen von Tellheims Revolverkugel sterbend am Boden. Die unglückselige Prophezeiung hatte sich damit erfüllt.

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