„Ein extrem wichtiges Fest“

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Kommt jedes Jahr gern zum Rutenfest zurück in seine Heimatstadt: Schauspieler Ulrich Gebauer.
Kommt jedes Jahr gern zum Rutenfest zurück in seine Heimatstadt: Schauspieler Ulrich Gebauer. (Foto: DerDrehmel (oh))
Schwäbische Zeitung

Kaum zu glauben, aber wahr: Seinen ersten Auftritt hatte Schauspieler Ulrich Gebauer, bekannt aus „Tatort“, „Soko“ oder „Der Landarzt“, beim Ravensburger Rutentheater. Und noch immer kommt der 58-Jährige wenn es sich irgendwie einrichten lässt, übers Rutenfest heim nach Ravensburg. Ruth Auchter hat ihn gefragt, was ihn lockt.

Herr Gebauer, wie kam’s, dass Sie im Rutentheater mitgespielt haben?

Eigentlich wollte ich gar nicht – möglicherweise war das 1971 zu uncool. Aber mein damaliger Deutschlehrer hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder ich mache mit – oder meine Note sackt von einer 2,5 runter auf eine 4. Da hab ich dann in „Dornröschen“ mitgespielt. Und 1972 gleich nochmal im „Schweinehirt“. 1973 übernahm ich mit Rosemarie Lamprecht die Regie bei „Die Kleine Hexe“.

Und das hat Ihnen so gut gefallen, dass Sie beschlossen, Schauspieler zu werden?

Naja. 1972 hat Wolfgang Spielvogel, der Dramaturg am Landestheater Tübingen war, den „Schweinehirten“ inszeniert. Und der sagte mir, „Uli, du müsstest dich mal an einer Schauspielschule bewerben“. Ich wusste damals ja gar nicht, dass es so was gibt, habe mich dann aber an drei Schauspielschulen beworben. Und bin an der Hochschule der Künste in Berlin genommen worden. Für mich war klar: Entweder ich komme mit der Schauspielerei in die erste Reihe, oder ich lass es ganz. Ich kann auch andere Sachen – Schränke zusammenbauen zum Beispiel. Außerdem wäre ich auch unglaublich gern Chirurg oder Pilot geworden.

Offensichtlich hat das mit „ersten Reihe“ ganz gut geklappt...

Das Problem ist: Die Schauspielerei ist nicht steuerbar. Es braucht auch das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort mit den richtigen Menschen zusammen zu treffen. Wir wollten damals nicht unbedingt berühmt, sondern gute Schauspieler werden und in dem Rahmen, in dem es möglich ist, etwas bewegen.

Was kann ein Schauspieler denn bewegen?

Im Fernsehen hat man weniger Einfluss, aber im Theater kannst du die Welt immer als veränderbar zeigen. Wir können eine glückliche Anwesenheit schaffen – schließlich geht es meiner Überzeugung nach darum, wach und aufmerksam zu bleiben. Damit wir das Glück, das um uns ist, wahrnehmen können. Wir brauchen ihm nicht nachzujagen.

Apropos „glückliche Anwesenheit“: Kommen Sie immer noch zum Rutenfest?

Ja, wenn es irgendwie geht, gucke ich, dass ich zum Rutenfest da bin. Das ist für mich ein extrem wichtiges Fest. Diesmal klappt es leider nur übers Wochenende, das ist eigentlich zu wenig.

Was ist so toll am Rutenfest?

Eine wirkliche Erklärung gibt es dafür nicht, aber ein paar sinnvolle Begründungen: Die Stadt hat genau die richtige Größe und die richtige Anzahl von Leuten, um so ein Fest zu feiern – und sie alle lassen vier Tage lang die Zeit stehen. Außerdem werden schon die Kinder eingebunden. Wenn die dann älter werden, geben sie ihre Begeisterung an den Nachwuchs weiter. Dazu kommt die Lage: In Ravensburg wird es schon mediterran. Das ist der Hammer. Ich freu mich jedenfalls immer total darauf, beim Rutenfest unglaublich viele Bekannte zu treffen.

Wie läuft der typische Gebauer-Rutenfest-Besuch ab?

Ich wohne bei zwei extrem guten Freunden, verabrede mich dann mit ein paar andern wichtigen Freunden und treffe ansonsten mehr oder weniger zufällig Bekannte im Bärengarten. Da kommt zum Beispiel ein Jürgen zu mir an den Tisch und sagt, „hey, wir waren doch zusammen in der zweiten Klasse, wie geht’s dir?“. Es ist spannend, gemeinsam die Fäden der Vergangenheit zu spinnen - Ravensburg ist ja Teil meiner Geschichte. Die Leute hier lassen mich so sein, wie ich bin, wir können ganz normal ein Bier miteinander trinken und uns unterhalten. Keiner kommt mir auf die Tour: „Du bist was Besseres.“

Sie sind zur Realschule gegangen - waren Sie auch bei den Schütros?

Ja, klar. Jedenfalls hab ich mitgeprobt. Leider hat mir der Rektor ein paar Tage vor dem Rutenfest dann wegen eines blöden Zwischenfalls verboten, mit zu trommeln. Wirklich übel war, dass ich dadurch keinen Hut hatte. Aber dann wurde ich 2001 zum Ehrenschützentrommler ernannt, und jetzt hab ich doch noch einen Hut.

Und Schwäbisch können Sie auch noch!

Das schwätze ich, sobald ich die Stadtgrenze passiert habe. Dabei war es eine der schwierigsten Aufgaben an der Schauspielschule, bestimmte sprachliche Verschiebungen ins Lot zu bringen.

Sind Sie eigentlich in Ravensburg geboren?

Nein, in Oberbayern. Aber als ich acht Tage alt war, ist meine Familie nach Ravensburg gezogen. Daher empfinde ich mich als Ravensburger und Schwabe.

Da passt es ja ganz gut, dass Sie grade den zweiten Teil des Kinofilms „Die Kirche bleibt im Dorf“ drehen, oder?

Ja, das ist klasse. Weil da natürlich auch Kollegen dabei sind, die Stuttgarter Schwäbisch sprechen, müssen wir uns halt einigen, ob wir „it“ oder „net“ sagen und solche Sachen. Wir drehen den Film ja zur Hälfte in Hamburg, wo ich heute lebe. Und es macht rieisgen Spaß, mitten in Hamburg mit einer Combo zu arbeiten, in der alle schwäbisch schwätzen.

Ulrich Gebauer, Jahrgang 1956, spielte nach seiner Ausbildung unter dem Intendanten Claus Peymann zunächst am Stuttgarter Schauspiel, ehe er mit Peymann nach Bochum und später ans Burgtheater nach Wien ging. In den 1980er-Jahren drehte der Ravensburger auch seinen ersten Kinofilm unter der Regie von Dominik Graf: „Die Katze“ mit Götz George und Gudrun Landgrebe. Inzwischen war Gebauer in mehr als 100 Rollen in Film und Fernsehen zu sehen – unter anderem in der RTL-Serie „Der Lehrer“, im „Polizeiruf 110“, „Ein Fall für Zwei“ oder der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Krimi-Serie „Dr. Psycho“.

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