Digital-Experte Sascha Lobo warnt: Im Internet lebt Antisemitismus neu auf

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Redakteur Politik

Wie kann eine demokratische Gesellschaft dem alarmierend anschwellenden Antisemitismus begegnen? Bei einer mehrstündigen Veranstaltung bei Schwäbisch Media in Ravensburg haben darüber mehrere deutschlandweit bekannte Experten diskutiert. 150 Gäste kamen zu der Veranstaltung unter dem Titel "Medien und Antisemitismus".

Autor und Journalist Sascha Lobo erläuterte in seinem Vortrag, wie wirkmächtig in nur wenigen Jahren soziale Netzwerke geworden sind. Lobo beschrieb den "tiefen Medienwandel", der die Welt seit der Vorstellung des iPhone im Jahr 2007 erfasst hat - ausgelöst von der rasanten Verbreitung von Smartphones und der gleichzeitigen gigantischen sozialen und politischen Wirkung sozialer Medien.

Dann erläuterte Lobo, wie über soziale Netzwerke eine "digitale Tribalisierung" stattfinde - und wie in der tribalisierten, also in relativ kleine Einzelgruppen zersplitterte, Welt althergebrachte antisemitische Klischees in neuem Gewand verbreitet werden.

Zuvor hatte Michael Blume, Antisemitsmusbeauftrager des Landes Baden-Württemberg, in seinem Vortrag erläutert, wie Antisemitismus schon in vorchristlicher Zeit historisch entstanden ist - und wie er sich durch das Aufkommen neuer Medien und durch die Erschütterung sozialer Ordnungen seine Verbreitung verstärkt, heutzutage wie in früheren Epochen.

Wie die Erinnerung an den Holocaust im digitalen Zeitalter lebendig bleibt

Im Zeitraum zwischen Blumes und Lobos Vorträgen stellten die Vertreter von vier Projekten gegen Rassismus und Antisemitismus ihre Arbeit vor: Das Projekt "Papierblatt", das die Erinnerungen Holocaust-Überlebender bewahrt und sie Schülern über eine Website vermittelt; das Theaterprojekt "Lokstoff", in dessen Rahmen in Stuttgart in den Wohnungen von Opfern des Holocaust der Ermordeten gedacht wird; der im Aufbau befindliche Lernort Kislau, in dem unter anderem mit digitalen Trickfilm-Porträts an die Zeit zwischen 1918 und 1945, das Aufkommen des Nationalsozialismus und seine mörderische Gewalt erinnert wird; und eine Vernetzungsstelle gegen Hass im Netz, "das Nettz" aus Berlin, das Aktivisten gegen digitale Hassrede zusammenbringt und sie unterstützt.

Bei einem Abschlusspodium suchten Blume, Lobo, die Historikerin Luisa Lehnen und der Autor Timo Büchner dann nach Antworten auf Antisemitismus und Hass - unter der Moderation von Hendrik Groth, Chefredakteur der "Schwäbischen Zeitung". Viel Applaus gab es für den Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume für diese Sätze: "Die anderen sind lauter, gröber. Aber diesmal schaffen sie es nicht. Diesmal kriegen sie unsere Demokratie nicht kaputt."

Organisiert hatte die Veranstaltung der Antisemitismusbeautragte des Landes Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit der "Schwäbischen Zeitung".

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