Dieser Satz tut weh: „Alles muss raus“

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Wolfram Frommlet

Ein kurzer, ein harter Satz stand am Schaufenster, in dem bislang Schmuck und zauberhaft elegante Uhren lagen. „Alles muss raus“. Ende Juni ging eine lange Ravensburger Handwerkertradition zu Ende. Sie begann im November 1938, als Goldschmiedemeister Alfons Kesenheimer in der Eisenbahnstraße, in der späteren St-Jodok-Apotheke, sein Geschäft eröffnete. „Eine schlimme Zeit“, sagt seine Tochter Helene Kesenheimer im Rückblick. Jetzt hat sie den Betrieb abgeben, mit dem so viele Ravensburger Erinnerungen verbinden.

„Schon 1940 musste mein Vater in den Krieg, und war anschließend noch in französischer Gefang-enschaft“, erzählt die Tochter im Rückblick. Sieben Jahre führte seine Frau Auguste Wilhelmina das Geschäft. Ein Glück wenigstens unter diesen Umständen, dass auch sie Goldschmiedin war. Die beiden hatten sich während seiner Wanderjahre in Augsburg kennengelernt.

Wenig später zogen sie mit Laden und Werkstatt in die Rosenstraße 24. Bis das Gebäude im Rahmen städtischer Sanierungsmaßnahmen abgerissen wurde. Noch ein Umzug, in die Eisenbahnstraße 10. Und damit auch der Generationenwechsel, der heute im familiären Handwerk seltener wird: auch Tochter Helene hatte die Meisterprüfung als Goldschmiedin gemacht, 1985 in Pforzheim. 1987 übernimmt sie Laden und Werkstatt vom Vater.

Es gab Zeiten, erinnert sie sich, „da brachte der Handel mit Fremdprodukten erheblich mehr Umsatz als mein Handwerk. Das hat sich dann erfreulicherweise wieder gedreht.“ Nur mit der Meisterprüfung wäre man verloren, hätte man nicht auch einen guten Geschäftssinn. Die Zukunftsperspektiven, findet sie, sind nicht schlecht. „Handwerkliches ist wieder mehr gefragt“.

32 Jahre. Und dann dieser Satz, „alles muss raus“. Und? „Ja, da war schon auch ein Schmerz, weil du verwachsen bist mit dem Beruf. Da war viel Herzblut und auch viel Freiheit, viel Individualität, die ich mit meiner Arbeit verwirklichen konnte. Und es tut weh zu sehen, für welchen Preis du am Schluss die Dinge verkaufst. Und raus ist gar nicht alles. Für den Rest muss ich noch einen Verkauf finden.“

Geblieben ist über die Jahre, und das macht für sie den Abschied, die Erinnerungen, angenehm, geblieben ist das Bewahrende. Dass sie aus Vererbtem, aus Familienschmuck, für die nächste, oft für die übernächste Generation etwas Neues gestalten konnte, und damit Familiengeschichten, Beziehungen, bewahren. Oft war der materielle Wert des Schmucks gering, ihre Arbeitszeit erheblich teurer. „Das war denen bewusst. Es ging gar nicht so sehr um den Schmuck, sondern die Kunden verbanden damit die Erinnerung an den Opa, die Oma, mit den goldenen Trauringen an die verstorbenen Eltern“.

Was sie zugleich bewahrte und veränderte, hatte oft etwas Symbolisches für ihre Kunden. Viel Sensibilität war dafür nötig, „denn es war meine Aufgabe, dass das Neue zu den Kindern passt“. Heikel auch gelegentlich, erinnert sich Helene Kesenheimer, wenn sie Kunden überzeugen musste, dass eine Investition in das „gute alte Stück“ sich nicht rentierte.

Geändert hat sich auch bei ihr einiges durch das Internet. Nicht bei den bildschönen Cremer-Uhren. „Die kosten überall gleich.“ Sondern bei den Trauringen. Auf eine fast schon amüsante Weise. Klar, dass sie mit dem Riesensortiment im Internet nicht mithalten kann. Schon von der Bandbreite der neuen Edelmetalle, die zu verarbeiten ihre Werkstatt zu klein wäre. Helene Kesenheimer reagierte kreativ auf die Konkurrenz: sie riet den jungen Paaren, sich im Netz inspirieren zu lassen, eine Auswahl zu treffen, was ihnen gefiele, und dann zu ihr zu kommen und sie sagte den jungen Leuten, was sie so oder ähnlich herstellen könnte. Aber eben dann auch mit kleinen individuellen Varianten. Ein häufig erfolgreiches Vorgehen.

Eine kleine handwerkliche Liebschaft möchte sie auch nach dem 1. Juli noch beibehalten – ihre Ravensburg-Ringe und ihre Mehlsäcke. Wo und wie, das wird sich noch klären lassen. Was den Abschied leichter machte – dass sie in der Goldschmiedin Tamara Sohler eine Nachfolgerin fand, die in denselben Geschäftsräumen ab August ihre eigene, kleine Kollektion herstellen und verkaufen wird.

Die Schlüssel zu übergeben, war auch ein Abschied von Menschen, ohne die sie die vielen Jahre Laden und Werkstatt hätte alleine nicht stemmen können. Ihr „Damenteam“, mit Herta Berner-Hirsch und Erika Schönweitz, und Christine Jehle und Christa Schuler als Ergänzung in der Weihnachtszeit. „Wir waren eine richtige Weiberwirtschaft und dass fünf Frauen so lange bestens miteinander auskommen, ist ganz selten.“ Im Ende liegt denn auch nach 32 Jahren, „in einem Alter, in dem andere lange in Rente sind“, die Chance für einen Neuanfang. „Die Belastung war immer riesig. Mehr als zwei Wochen Urlaub waren nie drin.“ Eine neue Freiheit, über die nachzudenken sie bislang noch gar keine Zeit hatte.

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