Diesen Abend vergisst man nicht

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Wolfram Frommlet

Kein Abend zu Geschichte und Gegenwart des Judentums, sondern zu „Sinti und Roma in Deutschland“. Eine großartige Entscheidung der „Gesellschaft für christlich-jüdische Begegnung“, Romani Rose einzuladen, seit der Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma dessen Vorsitzender.

Eine historisch logische Einladung zudem, denn an Juden wie Sinti und Roma verübten die Nazis im Holocaust Völkermord. Fast wäre ihnen der europaweite Genozid, die komplette Vernichtung, gelungen. Die „Einmaligkeit“ dieses Verbrechens verbinde Juden und Sinti/Roma und auch, dass die spezifischen Formen von Rassismus, Anti-Semitismus und Anti-Ziganismus, ihre Wurzeln schon im christlichen Mittelalter hatten.

Die uralten Stereotypen, die die Nazis massenwirksam nutzten, sind bis heute lebendig – und keineswegs nur in rechtsextremen Kreisen – wie Romani Rose in einem Streifzug durch die deutsche Nachkriegszeit beispielhaft vorträgt. Da kehrten ein paar wenige, die die Konzentrationslager überlebt hatten, nach 1945 nach Bad Hersfeld zurück. „Platz“ gab es nur an der Mülldeponie, Hass aber auf allen Ebenen: eine „Landplage“ waren sie in der Lokalzeitung, „die Lust auf Bad Hersfeld muss ihnen vergehen“, forderte der Landrat. Ein Bürgermeister in der Pfalz meinte, man müsse alle Humanität ausschließen, damit sie sich nicht wieder ansiedeln. Jahrzehntelang benutzte die bayerische Polizei bei den ständigen Kontrollen von Überlebenden die in den KZs eintätowierten Nummern auf den Armen der schwerst Traumatisierten zur Registrierung.

Man hält ständig den Atem an

Sie habe sehr viel gelesen über die Verfolgung und Vernichtung von Sinti und Roma, sagte eine Besucherin nach dem Abend im Matthäus-Gemeindesaal. Doch nach Romani Roses Vortrag habe sie das Gefühl, nichts gelesen zu haben. So ging es vielen. Die Ungeheuerlichkeiten, die diesen Minderheiten unter dem deutschen Faschismus, schlimmer fast aber nach 1945, angetan wurden, von einer Kulturnation, wie Romani Rose in einem Nebensatz bemerkt, nehmen einem den Atem. Ein recht makabres Beispiel, dass es sogar in der faschistischen Barbarei noch „Differenzierungen“ gab: Juden wurden „nur“ bis zu „Viertel-Juden“ vernichtet, Sinti und Roma aber bis zu „Achtel-Zigeunern“. Und dann leugnet der Bundesgerichtshof 1956 den Völkermord an den Sinti / Roma, denn an ihrem Schicksal waren sie quasi selbst schuld, neigten sie doch zu Kriminalität und benahmen sich wie „primitive Urmenschen“. Damit war jede Wiedergutmachung ausgeschlossen.

60 Jahre dauerte es, bis die heutige Präsidentin des BGH, Bettina Limperg, dies als „Schandurteil“ bezeichnete. Im Februar 2016 fand zwischen BGH und dem Zentralrat ein Symposium statt, um die Vergangenheit, unter anderem Nachkriegsurteile, in denen bestätigt wurde, dass „Zigeuner zu Recht als artfremd“ bezeichnet wurden, aufzuarbeiten.

Ein Anfang für Romani Rose, wie auch das von ihm erkämpfte Mahnmal in Berlin, 2012, den Völkermord an den Sinti und Roma in Deutschland nicht länger zu verdrängen. Dennoch – der alten rassistischen Stereotypen in neuen Formen gibt es genug.

Die unsägliche Debatte über den angeblichen Missbrauch von Kindergeld durch Roma aus Rumänien (harte Fakten brauchen die politischen Akteure nicht), in der kein Satz fällt über die grauenvollen Hintergründe in Ost-Europa, fast ausschließlich in EU-Staaten. Die rassistisch-populistischen Ausfälle des Duisburger SPD-OB gegen Roma aus dem Osten, deren Müll und die Ratten, die sie anziehen, die ordentliche Deutsche nerven. Ein Skandal, dass noch im November 2017 im SWR der Spielfilm „Nellys Abenteuer“ lief, in dem kriminelle Roma das tun, was sie schon immer taten – ein blondes, niedliches Mittelschichtskind in den wilden Osten zu entführen.

Eine Rede der Befreiung

Die Wende begann für Romani Rose mit der 68er-Bewegung, weil da zum ersten Mal die jüngste deutsche Geschichte aufgedeckt wurde. Die Rede zum 8. Mai von Richard von Weizsäcker, 1985, war für ihn eine Rede der Befreiung. Denn dieses Land ist sein Land, seine Sprache (neben Romanes), „auf die Verfassung bin ich stolz“, trotz der Vergangenheit. Seine Großeltern, und weitere elf Verwandte, wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Sein Appell, auch angesichts des hasserfüllten Anti-Ziganismus der italienischen Lega unter Matteo Salvini, der Angriffe in der Ukraine, ist bewegend: „Wir dürfen die demokratischen Werte nicht als selbstverständlich nehmen. Wir müssen uns nicht schützend vor Juden oder Sinti und Roma stellen, sondern vor die Demokratie.“

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