Diese Mordfälle bewegten die Region

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Andrea Pauly

Alle vier Polizeipräsidien in der Region haben im vergangenen Jahr im Vergleich zu den vorherigen vier Jahren vergleichsweise viele so genannte Delikte gegen das Leben verzeichnet: Mord und Totschlag, Tötung auf Verlangen und Körperverletzung mit Todesfolge. In solchen Fällen ermittelt das Landeskriminalamt.

In Ulm und Konstanz registrierten die Polizisten zwar gleich viele Taten wie 2012, doch in den Jahren dazwischen waren die Fälle zum Teil deutlich gesunken. In Aalen ist die Zahl von 34 im Jahr 2015 auf 36 angestiegen, allerdings hatte sie vor zwei Jahren mit 37 Fällen noch höher gelegen. Den deutlichsten Anstieg verzeichnete in den vergangenen Jahren das Polizeipräsidium in Tuttlingen: 2012 waren es noch 20 Delikte, 2016 ermittelten die Beamten in 30 Fällen. Allerdings lieferte Tuttlingen auch die besten Aufklärungsquoten in den vergangenen fünf Jahren: In den Jahren von 2012 bis 2015 lag sie bei 100 Prozent, im vergangenen Jahr bei 96,7 Prozent.

Jedoch bedeute eine Aufklärungsquote von 100 Prozent nicht zwingend, dass auch alle Fälle schnell aufgeklärt wurden, sagt Horst Haug, Pressesprecher im Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Es könne auch sein, dass ein Delikt aus dem Vorjahr gelöst wird, dafür aber eines aus dem laufenden Jahr ungeklärt bleibt. Die Statistik am Jahresende wird nicht nachträglich verändert, wenn die Polizei im neuen Jahr ein alter Fall aufklärt.

Aufklärung über 100 Prozent - wie geht das?

Deshalb sei auch eine Aufklärungsquote über 100 Prozent möglich - „das ist auf den ersten Blick verwirrend“, sagt Horst Haug. Wird in einem Jahr nicht nur jeder aktuelle Fall, sondern auch ein älterer aufgeklärt, steigt die Rate über 100 Prozent.

Eine Besonderheit in diesen Statistiken sind Morde: Sie verjähren nicht. Egal, wie viele Jahre später ein Täter gefasst wird - er muss sich für seine Tat verantworten. Anders als bei Vermissten, wo die Namen nach 30 Jahren erfolgloser Suche aus den Fahndungslisten gelöscht werden, bleibt die Suche nach Mördern auch nach Jahrzehnten auf der To-Do-Liste der Polizei.

„In den Dienststellen werden ungeklärte Mordfälle immer wieder aufgegriffen“, sagt Horst Haug. „Mit der Entwicklung der kriminaltechnischen Untersuchungen steigt auch die Chance, doch noch einen Täter zu finden.“ Spuren könnten anders bewertet werden, neue Daten kämen hinzu - und so bestehe immer wieder die Chance, einen Fall doch noch zu lösen. „Manchmal sind mit neuen Methoden auch neue Ergebnisse möglich“, so Haug.

Unfallverursacher sind nicht kriminell

Übrigens: Obwohl sich die Verursacher tödlicher Unfälle oft wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten müssen, zählen diese nicht zu den Delikten gegen das Leben. Denn dabei handelt es sich nicht um kriminelle Taten.

Die folgenden Fälle haben in der Region für großes Aufsehen gesorgt:

6. Januar 2016 - Messerstecher in Brochenzell: Ein stark alkoholisierter 22-Jähriger stach einem 30-Jährigen nach einer Feier ein Messer zwischen Halswirbelsäule und Schulter - der Grund war die falsche Vermutung, der Mann habe seine Jacke geklaut. Der 30-Jährige überlebte, der 22-Jährige wurde wegen versuchten Mordes zu neun Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.

4. März 2016 - Getötete Seniorin in Spaichingen: Ein psychisch kranker 45-Jähriger wurde von einem 70-Jährigen in dessen Haus aufgenommen. Der Jüngere sollte für den Älteren „Butler-Dienste“ verrichten. Unter dem Eindruck von Wahnvorstellungen griff der Beschuldigte laut Anklage die 90-Jährige Mutter des 70-Jährigen an, die im gleichen Haus wohnte. Nach Angaben der Polizei trat der Tatverdächtige die Seniorin so massiv, dass sie an den Folgen der Verletzungen verstarb. Bei seiner Festnahme leistete der Beschuldigte so massiven Widerstand, dass er auch Polizisten verletzte. Der angesetzte Prozess im November 2016 wurde wegen einer akuten Psychose des 45-Jährigen vertagt.

22. Juni 2016 - Kopfschuss-Mord in Weingarten: Ein 60-Jähriger und seine 40-jährige Komplizin sollen einen 49 Jahre alten Mann in dessen Wohnung in Weingarten erschossen haben. Der 60-Jährige hat die Tat eingeräumt und erklärt, er habe aus Liebe gehandelt: Sein Opfer habe die 40-Jährige durch aufdringliches Verhalten an den Rand des Selbstmords getrieben. Der Mann wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die psychisch kranke Frau zu einer Strafe von elf Jahren, die sie in einer Psychiatrie verbüßen muss.

1. Juli 2016 - Dreifachmord in Untereschach: Ein 43-Jähriger Mann soll seine 37-jährige Frau und die beiden Stieftöchter (14 und 18) mit einem Messer und einem Beil umgebracht haben. Das jüngste Opfer hatte es noch geschafft, bei der Polizei anzurufen - sie wurde während des Telefonats getötet. Lediglich die fünfjährige gemeinsame Tochter des Paares überlebte ohne körperliche Verletzungen. Und das nur, weil die Polizei am Tatort eintraf und den Mann daran hinderte, sich und das Kind ebenfalls umzubringen. Der 53-Jährige hatte noch am Tatort ein Geständnis abgelegt. Er erhängte sich wenige Wochen später im Gefängnis.

10. Juli 2016 - Mord in Berg: Einer von zwei Fällen, in denen ein Ehemann seine Frau tötete und dann versuchte, eine andere Todesursache vorzutäuschen. In diesem Fall sah es das Gericht als erwiesen an, dass der 46-Jährige seine von ihm getrennt lebende Ehefrau erwürgt und dann einen Selbstmord durch Erhängen vorgetäuscht hat. Das Urteil fiel im September 2017: lebenslange Haft, zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Der Verteidiger kündigte an, in Revision zu gehen.

21. Juli 2016 - Messerstecherei in Tuttlingen: Zwischen vier teilweise stark alkoholisierten Männern kam es in einer Kellerwohnung zum Streit. Als Folge soll ein 57-Jähriger einem 38-Jährigen ein Messer in den Hals gestochen haben - dabei verfehlte er nur knapp die Vene. Der 60-Jährige, in dessen Wohnung es zu dem Streit gekommen war, wollte dem Täter das Messer abnehmen. Dabei griff der Beschuldigte ihn laut Anklage ebenfalls an und verletzte ihn am Hals. Beide Opfer wurden schwer verletzt, überlebten jedoch. Der 57-Jährige befindet sich nach wie vor in Untersuchungshaft. Die Verhandlung hat noch nicht begonnen.

11. September 2016 - Versuchter Mord an Seniorin in Bad Wurzach: Ein 82-Jähriger hatte aus Eifersucht versucht, seine langjährige Geliebte (91) mit einem Schuss aus einer Sportwaffe zu töten. Als dieser Nackenschuss nicht tödlich war, versuchte er, sie durch Schläge auf den Kopf zu töten. Ein zufällig vorbeikommender Polizist hinderte den Senior daran, die Frau weiter zu traktieren. Der 82-Jährige wurde zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung des Angeklagten blieb das Gericht deutlich unter dem Höchststrafmaß von 15 Jahren.

18. November 2016 - Ungeklärt: Mord an einem Kickboxer in Neu-Ulm: Der frühere Kickbox-Weltmeister Musa Musalaev wurde vor einem Hochhaus in der Breslauer Straße in Ludwigsfeld von einem Unbekannten niedergeschossen. Der Täter stieg als Beifahrer in ein dunkles Fahrzeug und flüchtete. Zeugen beschrieben ihn als hageren, schwarz gekleideten Mann, der maskiert gewesen sei. Musalaev starb im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. Die Polizei hat den Fall bis heute nicht gelöst.

1. Dezember 2016 - Schießerei in Hechingen: Zunächst kam es in einer Spielothek zwischen den 20- und 21-jährigen Beschuldigten und einem 25-Jährigen zu einem Streit, bei dem es um Drogengeschäfte ging. Kurze Zeit später trafen sich der 25-Jährige und ein 22-Jähriger ebenfalls in der Spielothek. Sie waren von dort auf dem Weg zu einem öffentlichen Platz in der Nähe, als einer der beiden Beschuldigten beim Vorbeifahren aus einem Fahrzeug heraus auf das Opfer schoss und ihn tödlich in die Brust traf. Der zweite Beschuldigte saß am Steuer. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

25. Februar 2017: Vorgetäuschter Unfall in Hoßkirch: Der 35-jährige Angeklagte soll seine Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung erwürgt haben. Um die Tat zu verschleiern, fingierte er laut Anklage einen Autounfall, bei dem er selbst auf dem Beifahrersitz saß und so schwer verletzt wurde, dass er zunächst im Koma lag. Der Prozess gegen den Mann hat im November begonnen.

14. September 2017 - Dreifachmord in Villingendorf: Ein 40-Jähriger ist angeklagt, in der Wohnung seiner Ex-Frau den gemeinsamen sechsjährigen Sohn, den neuen Partner seiner Ex-Frau und deren Cousine erschossen zu haben. Gegen den Beschuldigten gab es einen Gerichtsbeschluss, nach dem er sich seiner Frau nicht nähern durfte. Der Prozess gegen den Mann, der nach tagelanger Flucht gefasst wurde, soll im Frühjahr beginnen.

23. Mai 2017 - Homophobie-Mord in Ulm: Ein 15-Jähriger, der auf der Straße lebte, begegnete am Ulmer Hauptbahnhof einem 64-Jährigen. Dieser nahm ihn mit nach Hause. Dort bot er dem Jugendlichen Geld für Fotos und forderte ihn - ohne Nachdruck - zu sexuellen Handlungen auf. Der junge Mann rastete aus und stach mit verschiedenen Messern auf den 64-Jährigen ein, der am massiven Blutverlust starb. Danach steckte der Jugendliche die Wohnung seines Opfers in Brand. Das Urteil soll Ende Januar fallen.

27. Mai 2017: Babymord in Mengen: Ein Jugendlicher findet ein totes Baby neben Strohballen in der Nähe eines Aussiedlerhofs bei Rulfingen im Kreis Sigmaringen. Eine 23-Jährige hat das Mädchen nach einer verdrängten Schwangerschaft auf dem Rückweg von einem Kurzurlaub zur Welt gebracht. Sie steckte dem Baby ein Papiertuch in den Mund und ließ es neben einem Strohballen zurück. Der Prozess gegen die junge Frau hat im Dezember begonnen, die junge Frau hat die Tat eingeräumt.

30. Juli 2017 - Disco-Schießerei in Konstanz: Ein 34-Jähriger feuerte vor und in der Disco „Grey“ im Industriegebiet der Stadt Schüsse aus einem US-Sturmgewehr ab. Dabei wurde ein Türsteher getötet, vier Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Todesschütze starb nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Krankenhaus.

 

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