Diese Frauen trotzen dem schlechten Image der Pflegeberufe

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 Pflegeschülerin Marie Bammert (links) und Pflegestudentin Anna Göppel.
Pflegeschülerin Marie Bammert (links) und Pflegestudentin Anna Göppel. (Foto: Franziska Stölzle)
Franziska Stölzle

Die Pflegeschülerin Marie Bammert erinnert sich noch ganz genau an ihren ersten Einsatz im Ravensburger Krankenhaus. Dem Patienten wurde sein zweites Bein amputiert. „Er lag lange bei uns auf Station, stark depressiv, er hatte sich aufgegeben“, erzählt die 29-Jährige. Sie war für die Pflege des Patientin zuständig. „Am Anfang war er ruhig, aber nach und nach öffnete er sich und erzählte mir viel aus seinem früheren Leben“, sagt sie. Kurz vor der Entlassung in die Reha habe er sein Lächeln wiedergewonnen und freute sich sogar auf die nachfolgende Zeit. „Diese positive Entwicklung werde ich nie vergessen“, sagt die Auszubildende.

Der Pflegenotstand beschäftigt Krankenhäuser, Altenheime und Sozialstationen. Fast überall fehlt Personal, vor allem Fachpersonal. Immer weniger Schulabgänger interessieren sich für einen Pflegeberuf. Das liegt hauptsächlich daran, dass der Verdienst für viele nicht ausreicht und man unter einer hohen Belastung steht. Trotzdem gibt es immer wieder junge Leute die sich für einen Pflegeberuf entscheiden. Die „Schwäbische Zeitung“ hat sich mit zwei Auszubildenden, aus dem zweiten Lehrjahr an der Oberschwabenklinik Ravensburg, getroffen um ihre Motivation zu erfahren.

 Absprache mit den Kollegen auf Station ist wichtig.
Absprache mit den Kollegen auf Station ist wichtig. (Foto: Franziska Stölzle)

Die 21-jährige Anna Göppel hat sich für ein duales Studium im Bereich der Pflege am Ravensburger Krankenhaus entschieden. Sie bekommt diesen Notstand in ihrem Berufsalltag deutlich zu spüren. „Ich habe mich mit dem Stress angefreundet, und jeder tut das was er kann“, erklärt sie. Trotz der hohen Belastung durch Personalmangel liebt die angehende Krankenpflegerin ihren Beruf. „Ich weiß am Ende des Tages, dass ich einen Beruf ausübe, der wirklich wichtig ist“, sagt sie.

Ich hatte schon immer Interesse an einem Pflegeberuf aber nach den Praktika erkannte ich auch die Verantwortung, die der Beruf mit sich bringt.

Anna Göppel

Anna Göppel war sich der Herausforderung von Anfang an bewusst. Bevor sie ihr duales Studium begonnen hat, machte sie drei verschiedene Praktika, unter anderem in der Onkologie, wo krebskranke Menschen behandelt werden, in der Pflege in einem Behindertenheim und im St. Elisabethen Krankenhaus. „Ich hatte schon immer Interesse an einem Pflegeberuf aber nach den Praktika erkannte ich auch die Verantwortung, die der Beruf mit sich bringt“, erzählt sie.

Uwe Seibel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe, sagt zu den Ursachen des Pflegenotstands:„Kern des Übels ist in jedem Fall der über Jahre hin fortgeführte Abbau von Pflegefachpersonal in allen Bereichen der Pflege“. Durch die starke Arbeitsverdichtung komme es zu einem Teufelskreis aus Demotivation und schlussendlichem Burn-out. Das Personal könne nicht mehr so pflegen, wie es dem beruflichen Ethos entspreche, berichtet er auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“.

 Auf Station gibt es immer etwas zu tun.
Auf Station gibt es immer etwas zu tun. (Foto: Franziska Stölzle)

„Der Pflegenotstand ist also in allererster Linie von den Betreibern von Pflegeeinrichtungen und den Verantwortlichen in Krankenhäusern verursacht worden“, meint Seibel. Aber auch der Druck auf die Einrichtungen seitens der Kranken- und Pflegekassen steige enorm an, denn „Pflege sollte immer nicht viel kosten“, fügt Uwe Seibel hinzu.

„Nach sieben oder acht Tagen bin ich körperlich echt fertig“, verrät Marie Bammert. Krankenpfleger arbeiten zwölf Tage am Stück und haben dann bis zu vier Tage frei. Da die Patienten rund um die Uhr betreut werden müssen, ist Schichtarbeit unvermeidlich. Die Pflege der Patienten verlangt den jungen Frauen einiges ab. „Auf jeden Patienten muss man anders eingehen, jeder hat seine eigenen Wünsche und Vorstellungen“, sagt sie.

Um die Pflegeberufe vor allem für Berufseinsteiger attraktiver zu gestalten, soll es eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, bundesweite Tarifverträge, eine neue Pflegeausbildung ab 2020 und eine bessere Entlohnung, geben. Im Rahmen des Projekts „Konzentrierte Aktion Pflege“ machen sich das Gesundheitsministerium, das Bundesministerium für Familien und das Bundesministerium für Arbeit stark. Ihr Ziel ist es, eine klare und schnelle Veränderung zu schaffen.

Ein gutes Arbeitsklima ist das A und O vor allem bei Krankenpflegern, sie werden oftmals mit extrem Situationen konfrontiert. Sowohl Marie Bammert als auch Anna Göppel erinnern sich an eine solche Herausforderung. Der erste Tod eines Patienten bleibt unvergessen, berichten beide. Auf ihre Kollegen auf Station sei dann aber Verlass, „Es hilft mir sehr, wenn ich mit meinen Kollegen darüber reden kann“, meint Anna Göppel.

Wenn mir etwas zu viel wird, dann wird auf mich Rücksicht genommen.

Marie Bammert

Zudem sagt Marie Bammert, „wenn mir etwas zu viel wird, dann wird auf mich Rücksicht genommen“. Aber nicht nur die Kollegen, sondern auch die Schule sei eine große Unterstützung. „Wir beschäftigen uns viel mit mit den Themen Sterben und Tod“, beteuert Anna Göppel.

Beiden gefällt die Ausbildung im Pflegebereich sehr gut und sie wollen nicht mehr wechseln. „Ich habe davor Englisch studiert, bin jetzt aber froh das ich mich für die Ausbildung als Krankenpflegerin entschieden habe“, sagt Marie Bammert.

Der Belastung im Job stehen auch schöne Begegnungen mit Patienten gegenüber. Anna Göppel hatte einer alten Dame von einer bevorstehenden Prüfung erzählt. „Einen Tag nach der Prüfung erkundigte sie sich sofort bei mir ob alles gut verlaufen ist. Sie sagte mir, sie habe an mich gedacht und für mich gebetet. Ich habe mich wahnsinnig gefreut und tatsächlich war auch meine Note ziemlich gut“, erzählt die 21-Jährige.

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