Diese Frau lernt Schreiben – im Rentenalter

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Träger wollen Grundbildungszentrum nach Ravensburg holen

Bei der Planung mehrerer Grundbildungszentren in Baden-Württemberg wollen freie Bildungsträger in Ravensburg zum Zug kommen. Das Diakonische Werk und das evangelische Bildungswerk werden sich voraussichtlich um die Einrichtung eines solchen Zentrums in der Region bemühen, wie Diakon Gerd Gunßer vom Diakonischen Werk in Ravensburg, mitteilte. In den Grundbildungszentren sollen laut nach Plänen des Kultusministeriums funktionale Analphabeten besser lesen und schreiben lernen. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will bis Ende 2020 pro Regierungsbezirk zwei Grundbildungszentren einrichten. Der Begriff der Grundbildung beschreibt laut Landeszentrale für politische Bildung alle Kompetenzen, die man braucht, um seinen Alltag zu meistern und an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Damit das funktioniert, müsse man Lesen und Schreiben beherrschen. Bisher gibt es Grundbildungszentren in Konstanz und Heidelberg.(len)

Was war das für eine Überraschung für Edeltraud (Name von der Redaktion geändert): Sie kann schreiben. Wörter, inzwischen ganze Sätze. Im Ravensburger Alphabetisierungskurs übt sie mit Bleistift auf vorgedruckten Linien. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das in meinem Leben noch mal lern“, sagt sie. Jahrzehnte lang hatte sie geglaubt, was man ihr in der Schule vermittelt hatte: Dass sie zu dumm fürs Schreiben und Lesen sei.

Edeltraud ist Rentnerin. Ihr Leben lang hat sie Ausreden erfunden, um ihr Problem zu verstecken, wie sie erzählt. Wenn sie einen Behördentermin hatte, verband sie sich die Hand, gab vor, sie habe sich das Gelenk verstaucht. Schreiben ließ sie dann die anderen. Ihren Einkaufszettel hatte sie immer im Kopf. Selbst ihr Sohn habe keine Ahnung, dass seine Mutter gerade erst Schreiben lernt.

Laut Studien gibt es im Südwesten eine Million sogenannte funktionale Analphabeten. Lese- und Schreibkenntnisse funktionaler Analphabeten sind niedriger als das Niveau, das im Alltag als selbstverständlich voraussetzt wird, wie es in einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 heißt.

Ausbildung machte sie nie

Aber wie kann das sein, bei Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind? „Ich bin so durchgerutscht durch die Schule, niemand hat aufgepasst“, sagt Edeltraud. Irgendwann sei sie auf die Sonderschule verwiesen worden. „Da ging es ganz bergab.“ Mit 12 oder 13 habe sie sich selbst etwas Lesen beigebracht. Eine Ausbildung machte sie nie, bekam früh ein Kind, pflegte später jahrelang Angehörige. Erst bei einem Klinikaufenthalt jetzt im Alter hat eine Beraterin das Problem erkannt und ihr die Nummer von Kerstin Jacob-Rauch gegeben. Die 34-Jährige gibt Alphabetisierungskurse im Auftrag des Diakonischen Werks und des Evangelischen Bildungswerk Oberschwaben in Ravensburg.

Ihr geht es darum, den Menschen, die vielfach auch psychisch schwer belastet seien mit der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, auch neues Selbstbewusstsein zu geben. Die ersten selbstgeschriebenen Worte seien für Edeltraud gewesen, als ob ein neues Leben für sie angefangen hätte, sagt die Lehrerin.

Inzwischen unterrichtet sie Edeltraud zusammen mit Jule (30, Name von der Redaktion geändert). Die beiden Teilnehmerinnen verstehen sich prächtig, im Kurs wird viel gelacht. „Es ist ganz wichtig, einen angstfreien Raum zu schaffen“, sagt Jacob-Rauch. Am besten sei Einzelunterricht. Nur in seltenen Fällen passten zwei Schülerinnen so gut zusammen wie Jule und Edeltraud. „Das sehen die Geldgeber nicht ein, die wollen hier zehn Leute sitzen haben.“ So viel Menschen bekomme man in Ravensburg gar nicht zusammen. Männer, die Studien zufolge zwei Drittel der funktionalen Analphabeten ausmachen, seien selbst für Einzelunterricht kaum zu erreichen. Derzeit fließt unter diesen Umständen kein Fördergeld nach Ravensburg. Der Kurs wird über Spenden finanziert.

Humor ist im Kurs wichtig

Die Träger werden sich voraussichtlich darum bemühen, ein sogenanntes Grundbildungszentrum nach Ravensburg zu holen (siehe Kasten). Darunter würden dann auch die Alphabetisierungskurse fallen. Eine Umbenennung des Kurses, weg vom Begriff Analphabetismus, findet Jacob-Rauch ohnehin überfällig. „Man darf die Leute nicht stigmatisieren“, sagt sie. Sonst falle es ihnen noch schwerer, sich zu melden. Bei der Vesperkirche (29. Januar bis 17. Februar) zum Thema Bildungsarmut wird der Kurs beworben werden.

Edeltraud und Jule haben – zumindest im Kurs – eine humorvolle Art, mit ihrem Problem umzugehen. Als sie mit ihrer Lehrerin über den Dativ sprechen und erfahren, dass Flüchtlinge die Grammatik können müssen, um hier Deutschtests zu bestehen und in Deutschland bleiben zu dürfen, fällt Jule nur eins dazu ein: „Edeltraud, wir müssen auswandern!“

Grundkurs Alphabetisierung, Anmeldung und vertrauliche Beratung unter 01525/9416139.

Träger wollen Grundbildungszentrum nach Ravensburg holen

Bei der Planung mehrerer Grundbildungszentren in Baden-Württemberg wollen freie Bildungsträger in Ravensburg zum Zug kommen. Das Diakonische Werk und das evangelische Bildungswerk werden sich voraussichtlich um die Einrichtung eines solchen Zentrums in der Region bemühen, wie Diakon Gerd Gunßer vom Diakonischen Werk in Ravensburg, mitteilte. In den Grundbildungszentren sollen laut nach Plänen des Kultusministeriums funktionale Analphabeten besser lesen und schreiben lernen. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will bis Ende 2020 pro Regierungsbezirk zwei Grundbildungszentren einrichten. Der Begriff der Grundbildung beschreibt laut Landeszentrale für politische Bildung alle Kompetenzen, die man braucht, um seinen Alltag zu meistern und an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Damit das funktioniert, müsse man Lesen und Schreiben beherrschen. Bisher gibt es Grundbildungszentren in Konstanz und Heidelberg.(len)

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