Die Unendlichkeit begreifen

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Große Schauspielkunst in minimalistischer Szene: Suzanne von Borsody als Marianne und Guntbert Warns als Roland im Stück „Konste
Große Schauspielkunst in minimalistischer Szene: Suzanne von Borsody als Marianne und Guntbert Warns als Roland im Stück „Konstellationen“ von Nick Payne. (Foto: Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Vier weiße Stühle auf Teppichboden, eine dunkle, nach vorn abfallende Bühne, schwach erleuchtet von vielen Glühbirnen, die aus dem Bühnenhimmel hängen: Das ist die Szenerie für Nick Paynes Zweipersonen-Stück „Konstellationen“ des Renaissance-Theaters Berlin, ein Gastspiel der Konzertdirektion Landgraf im Konzerthaus. Unter der Regie von Antoine Uitdehaag machten Suzanne von Borsody und Guntbert Warns in schlichten Alltagskleidern daraus einen grandiosen Theaterabend.

Das Stück: schnell erzählt! Marianne ist Quantenphysikerin, Roland Bienenzüchter. Sie lernen sich kennen, erzählen von sich, besuchen einen Tanzkurs, dann ist Marianne selbst todkrank, spricht vom Tod ihrer Mutter, die nicht mehr leben wollte, und Roland will ihr beistehen. Oder ist das Ganze doch nicht so einfach? Dieselben Textbausteine wiederholen sich im Laufe des Abends immer mal wieder, aber jedes Mal ist es eine andere „Versuchsanordnung“, kommt eine andere Stimmungsfarbe in die Szene, tauschen die beiden ihre Persönlichkeiten, haben eine andere Ausstrahlung.

Es beginnt nach kurzer Blubbermusik – überhaupt wird die Musik (Martin Vonk und Jaap de Weijer) sparsam, aber ingeniös verwendet – damit, dass Marianne dreimal behauptet: Wenn der Mensch seinen Ellenbogen mit der Zunge ablecken könnte, würde er die Unendlichkeit begreifen. Und versucht es, indem sie sich um sich selbst dreht.

Das Wirken der Biene

Die Quantenphysik ist ein Aufhänger für das vielfach prämierte Stück „Konstellationen“ des britischen Autors Nick Payne (*1984); sie ist ein Bild für die Zeit, die menschengemachte, für das einzige Universum der vermutlich vielen Universen, das dem Menschen bisher leidlich bekannt zu sein scheint. Wie sagt doch Marianne? „Zeit ist irrelevant auf der Ebene von Atomen und Molekülen.“ Auf der Erde, dem einzigen halbwegs bekannten Planeten dieses Universums, ist hingegen das Wirken der Biene ein eminent wichtiges, aber immer noch nicht genügend hoch geschätztes Tun.

Wenn die Quantenphysikerin Marianne begeistert den Imker Roland in ihr Fachgebiet einweihen will oder Roland Marianne mit Wärme von den Bienen und dem Honigmachen erzählt, gibt es die meisten heiteren Momente für das konzentriert mitgehende Publikum. Denn es ist weniger der Text, der um Philosophisches wie Alltägliches, Intellektuelles oder Banales, um Begehren und Sex kreist, oder Krankheit, Tod und Sterbehilfe thematisiert, indem er diese Themen von der an einem Gehirntumor leidenden Marianne, der die wesentlichen Worte nicht mehr einfallen, gleichsam unaussprechbar werden lässt. Sondern es sind die Wechselfälle einer Liebe zwischen zwei sehr unterschiedlichen Naturen, die immer wieder existenzielle Fragen aufwerfen.

Dass die beiden Darsteller so ungeheuer lebensecht vor den Augen des Publikums agieren, gibt diesem komplexen und diffizilen Theaterstück, das nur von wandelbaren Schauspielern, die trotzdem sie selbst bleiben, so zum Leben erweckt werden kann, noch eine weitere Dimension. Denn Suzanne von Borsody und Guntbert Warns – sie kennen sich als Kollegen seit 1987 – beweisen auch ohne große Maske und in absolut uneitlen Klamotten eine solche psychische Präsenz durch Stimme, Sprechweise und Gestik, dass sie sogar in einer rein patomimischen Szene völlig gefangen nehmen. Ein anrührendes und anregendes Stück und begeisternde Schauspielkunst: Diesen Abend hätte man nicht besser verbringen können.

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