Die serbische Sicht auf Ravensburg

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Der serbische Comic-Künstler Aleksandar Zograf hat einen Comic von seinem Besuch in Ravensburg gezeichnet. „In Ravensburg findet sich eine besondere Ruhe, die ich sehr inspirierend finde“, sagt der 53-Jährige. Ende Oktober hat er das Schussental auf Einladung des Neuen Ravensburger Kunstvereins (NRVK) besucht, wo er in der Möttelinstraße unter dem Titel „Migrant Stories“ (auf Deutsch: Flüchtlingsgeschichten) seine Werke ausgestellt hatte.

Sein Comic „Postkarten aus Ravensburg“ erscheint in dieser Woche in der liberalen serbischen Wochenzeitung „Vreme“ und in den folgenden Wochen in der italienischen Zeitung „Internazionale“. Als Erstes wird der Strip also in der „Schwäbischen Zeitung“ in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht.

Aleksandar Zograf, der eigentlich Sasa Rakezic heißt, ist der wohl bekannteste Comic-Künstler aus dem ehemaligen Jugoslawien. Er lebt in Pancevo, einer Stadt nördlich von Belgrad, und hatte sich in den 1990er-Jahren einen Namen gemacht, als er Comics über den Jugoslawienkrieg und über die damals über Serbien verhängten Sanktionen sowie die Nato-Bomben zeichnete, die auch Pancevo trafen. Er wollte auch der leidenden serbischen Bevölkerung eine Stimme geben. Viele ordnen deshalb seinen Stil auch der „Graphic Novel“ zu.

Schon zu Zeiten des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt war, arbeitete er für die regimekritische Zeitung „Vreme“. Noch heute veröffentlicht er in dieser Zeitung jede Woche einen zweiseitigen Comic über aktuelle politische Themen wie die Flüchtlingskrise auf der Balkanroute 2015/16 oder geschichtliche Themen wie den Holocaust in Serbien. Seine Werke sind auf der ganzen Welt erschienen, vor allem in den USA, wohin er während der Krisenzeit in Jugoslawien Kontakte aufbaute.

Zwischen Ost und West

Aber auch von seinen Reisen bringt er immer wieder Themen in die Zeitung – unter der Überschrift „Postkarten aus ...“. In seinem neuesten Werk beschäftigt sich der 53-Jährige mit Ravensburg und präsentiert seinen Lesern, wie er die Stadt erlebt hat. Wie immer in seinen Comics zeichnet er eine sehr persönliche Sicht auf die Dinge und spielt dieses Mal mit dem Zusammentreffen der Kulturen von Ost und West. Vor allem war Zograf von der oberschwäbischen Wirtschaftskraft beeindruckt. „Das ist jetzt nicht komplett neu für mich, weil ich viel reise, aber ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier zufrieden und ausgeglichen sind, im Gegensatz zu dem, was man in kleinen amerikanischen Städten erlebt“, sagt er. Außerdem haben ihn die „Horror-Clown“-Vorfälle beschäftigt, die es kurz vor Halloween in Vogt und in Bad Waldsee gab.

Er findet aber auch Parallelen zu seiner Heimatstadt Pancevo (76000 Einwohnern), die ähnlich wie Ravensburg mit ihren Ortschaften gegliedert ist. „Pancevo war bis 1918 Teil von Österreich-Ungarn und die Hälfte der Bevölkerung stellten bis 1944 die Donauschwaben. Man findet Ähnlichkeiten im Städtebau und in der Atmosphäre von Pancevo und Ravensburg. Aber leider ist der größte Unterschied zwischen den beiden Städten die vielen Jahre der Krise, der Krieg und eine veraltete Wirtschaft, was Pancevos Infrastruktur deutlich schlechter aussehen lässt. Aber ein Künstler findet in jeder Umgebung Lebensqualität. Wir müssen uns halt immer sehr anstrengen, und es hängt allein an uns, die Orte besser zu machen, wo wir leben.“

Viele in Ravensburg würden das wohl genauso sehen.

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