Die Natur stand im Zentrum des „Blauen Sessels“

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 Im Herzen der Stadt, im kleinen Sitzungssaal des Rathauses las Angelika Overath aus ihrem literarischen Tagebuch „Alle Farben d
Im Herzen der Stadt, im kleinen Sitzungssaal des Rathauses las Angelika Overath aus ihrem literarischen Tagebuch „Alle Farben des Schnees“. (Foto: Maria Anna Blöchinger)
Maria Anna Blöchinger

Die engagierte Bürgerinitiative „Im blauen Sessel“ hat am Freitagabend dem oberschwäbischen Kulturleben zum wiederholten Mal geistige Anregungen und einzigartige Begegnungen geschenkt. Die Salonnacht kredenzt lebendige Gespräche und berührende Geschichten. Schon der gemeinsame Auftakt im Humpisquartier in Ravensburg habe den Eintritt gelohnt, lobt eine Besucherin.

Unter dem gläsernen Dach des Innenhofs im Museum Humpisquartier drängten sich die erwartungsfrohen Gäste. Begeistert applaudierten sie der brillanten Einführung von Karin Novak vom „Blauen Sessel“. Die selber erfahrene unentwegte Veränderung der Umwelt stand im Zentrum ihrer geistreichen Erörterung. Begleitet von Denkern und Dichtern wie Fontane, Nietzsche, und Rilke führte sie zur Einsicht, dass wir unser Leben gestalten müssen. Sabine Thor-Wiedemann stellte in bewundernswert lebendiger Gesprächsführung die neun Salon-Autoren vor. Autor Andreas Stichmann hatte leider absagen müssen.

Den Roman „Das weiße Schloss“ fand Moderatorin Thor-Wiedemann erstaunlich kenntnisreich. Nein, er habe keine eigenen Kinder, sagte der Hamburger Autor Christian Dittloff. Eigentlich gehe es in seinem Roman um das Thema „Kinderwunsch“ und um die Idee von Mutterschaft als gut bezahltem Beruf. Marie Luise Knott erklärte die Bedeutung von Verlernen bei Hannah Arendt. Sie gäbe aber keine Anleitung für ein anderes Leben, warnte sie und bekam starken Applaus. Der fundamentalistisch-ökologische Gesellschaftsroman „Hysteria“ von Eckhart Nickel rief bei Moderatorin Thor-Wiedemann mit seinen „gruseligen Sachen“ starkes Unbehagen hervor, führte aber auch zu einem besonders erheiternden Gespräch mit dem Autor. Eigentlich für Männer geschrieben habe er sein Buch „Frauen, die denken, sind gefährlich“, erklärte Stefan Bollmann. Wolfgang Ertel, Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, wusste, warum das Thema „Künstliche Intelligenz“ so aktuell ist. Der Forschung seien auf diesem Gebiet gerade revolutionäre Durchbrüche gelungen. Reformpädagogin Margret Rasfeld dagegen kämpft um Durchbrüche in der Lernkultur.

Draußen war der Himmel noch hell. Vor den großzügig zur Verfügung gestellten Salons in der Marktstraße bildeten sich Menschentrauben. Im Herzen der Stadt, im kleinen Sitzungssaal des Rathauses las Angelika Overath aus ihrem literarischen Tagebuch „Alle Farben des Schnees“. Die Autorin war 2009 mit ihrer Familie von Tübingen in ein Engadiner Bergdorf gezogen, das sie vom Urlaub her kannten. „Alle Farben des Schnees“ handelt vom ersten Jahr in diesem anderen Leben, von der Sprache der Glocken, unzähligen Büchern und 200 Schafen. Mittels einer sinnlichen Sprache und eines verwundert distanzierten Blicks sucht das Buch wie viele Werke der preisgekrönten Autorin seinen Weg zwischen Roman und Reportage. Im Engadin habe es sechs Monate Schnee, erzählte sie. Wie Angelika Overath es gemacht habe, dass die Dorfbewohner sie akzeptierten? wollte man wissen. Overath antwortete, das Engadiner Bergdorf sei von Zugereisten geprägt und so gehörten hier „die Fremden immer schon zum Eigenen“. Sie sagte, bei ihren Lesern sei „Alle Farben des Schnees“ als Ermutigungsbuch angekommen. „Aber ist es nicht auch mutig weiterzuleben, wie man lebt?“ gab sie zu Bedenken.

Von einem urbäuerlichen Weiterleben erzählt Pauline Roenneberg in ihrem Dokumentarfilm „Früher oder später“. Im Museum Ravensburger zeigte sie den ersten Teil von vier, an die Jahreszeiten angelehnten Episoden. Die Zuschauer sahen starke Bilder winterlichen Dorflebens, ein neugeborenes Kalb, Osterfeuer. Um weiter mit ihren Kühen und der Landwirtschaft leben zu können, werden die Bauern Bestatter. Die Bäuerin telefoniert mit den Kunden, der Bauer hebt Gräber aus. Der Dorf-Chor singt. Die Kamera betrachtet. Sie bewegt sich so nah bei den Menschen, dass kein Raum für einen beurteilenden Blick bleibt. Als Kontrast erscheint die vegane Alternativkommune von Freiberuflern, Grafikern, Coaches, die ein leerstehendes Gebäude mieten, das Landleben theoretisieren und romantisieren, aber auch im Dorf-Chor mitsingen. Anfangs hatte sie für eine Dokumentation nur eine Bestatter-Familie gesucht, erzählte Pauline Roenneberg dem interessierten Publikum. Sie fand das Ehepaar Ernst und Roswitha, gewann ihr Vertrauen und begleitet sie filmisch während vier Jahren. Die Aprilnacht war angenehm frisch. Sicher nahmen manche Besucher die Anregung für ein anderes Leben mit.

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