Die Memminger rücken Kafka zu Leibe

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Das Landestheater Schwaben gastierte mit „Die Verwandlung“ im Theater Ravensburg.
Das Landestheater Schwaben gastierte mit „Die Verwandlung“ im Theater Ravensburg. (Foto: Babette Caesar)
Schwäbische Zeitung
Babette Caesar

Wie bringt man Franz Kafkas „Gregor Samsa“ in seinem ebenso neuartigen wie grotesken Aussehen auf die Bühne, ohne in einer Plattitüde zu enden? Das Gastspiel „Die Verwandlung“, mit dem das dreiköpfige Ensemble vom Memminger Landestheater Schwaben am Mittwochabend ins Theater Ravensburg angereist war, hat dieses Kunststück vollbracht. Auf unverblümte und nah am Publikum agierende Weise. Das zeigte sich offen für diese experimentelle Inszenierung von Pia Richter.

Da blieb einem doch der Mund offen stehen. Vor Lachen oder vor Staunen, als mit einem lauten Knall der Deckel einer Holzkiste nach vorne krachte. Drinnen drei Männer saßen und komisch aus der Wäsche schauten. Jan Arne Looss, Tobias Loth und Sandro Šutalo entstiegen diesem Trumm. Lediglich in Unterwäsche, dafür auf dem Kopf goldblonde, langhaarige Perücken. Drehten sie einem den Rücken zu, waren auf ihren Unterhosen frei nach Sigmund Freud die Aufschriften „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ zu lesen, die sich fortan gegenseitig den Garaus machen sollten. Die junge Münchner Regisseurin Pia Richter hat sich an die von Kafka vorgegebenen drei Kapitel gehalten und auch den gesprochenen Text weitestgehend übernommen.

Doch was sie daraus und mit ihr die drei Schauspieler in rund 90 Minuten auf die Beine gestellt hat, ist ein hochexplosives Gemisch szenischer Brisanz. Ganz im Sinne von Kafka, wo vermeintlich logisch verlaufende Erzählstränge von Beginn an ausgehebelt sind. So verhandeln die drei Akteure im ersten Kapitel Gregors ungeheuerliche Mutation. „Gregor Samsa, ein gehetzter, die väterlichen Schulden abdienender Handlungsreisender, stellt nach dem Erwachen fest, dass er sich über Nacht in ein monströses Insekt verwandelt hat“, beginnt Kafkas Erzählung.

Ebenso leid- wie lustvolle Geschichte

Looss, Loth und Šutalo, die sich körperlich stark von einander unterscheiden, stellen sich die Fragen nach dem Wie und dem Warum, die bei Gregor zwangsläufig aufkommen mussten. Sie witzeln über den „Looser“, der mit 30 Jahren noch bei den Eltern wohnt. Der Fahrpläne studiert und Laubsägearbeiten macht in seiner Freizeit. Sie probieren aus, wie man sich als Käfer fühlt und bewegt. Absurd scheint das und ist doch so real, wenn Samsa unter Qualen versucht, das Schloss seiner Zimmertür mit dem Mund zu öffnen. Sie mimen den fiesen Prokuristen, der kein Verständnis für Samsas „sonderbaren Launen“ aufbringt. Er nicht, die Schwester nicht und der Vater schon gar nicht. Höchstens noch die Mutter, wäre diese nicht dem Vater untertan.

Das Ensemble führt nicht vor, sondern steckt mitten drin in der ebenso leid- wie lustvollen Geschichte. Wenn sie im zweiten Kapitel zum dröhnenden Rap aus dem Off und in einer aus Tüll und Plastik aufgebauschten monströsen Körperhülle sich lauthals über die Folgen des Kapitalismus auslassen, mochte das Besucher irritieren.

Was das in dem Stück verloren hat? Viel, denn sein Kern ist die menschliche Ausbeutung mittels Rationalisierung und Entwertung der Angestelltenwelt, in der auch zeitlich begrenzte Ausstiege wie Elternzeit oder gar ein Sabbatjahr das System nicht erschüttern. „Der Lauf der Dinge wird durch das Finanzgeschehen gesteuert“, skandieren sie zu krawalligen Gitarrensounds.

Mittlerweile hat sich die weiße Wand im Hintergrund guckkastenartig zusammen geschoben und es kommt zu einer klaren Rollenverteilung. Gregor als hilfloses blutendes Insekt, traktiert von Schwester, Vater und Mutter. Sie in Kostümen von Julia Nussbaumer, die Panzerung nach außen sind und doch so viel an boshafter Mimik preisgeben. Mit Äpfeln bombardiert der Vater den Sohn in Kafkas Novelle. Bei Pia Richter schlägt er ihn am Schluss gegen die Wand.

Schlammschlacht inklusive im dritten Akt

Der dritte Akt ist nicht nur der intensivste, sondern auch der körperlichste. Ihrer Staffage entledigt, beschmieren sie sich wie Kinder gegenseitig mit lehmiger Heilerde. Geraten zum triebhaften, für die Gesellschaft unbrauchbaren „Es“, das aus dem Weg geschafft werden muss. „Schwere Kost schwer erzählt“, der es keinen Moment an Spannung gefehlt habe, lauteten Eindrücke von Zuschauern im Gespräch mit der Dramaturgin Anne Verena Freybott.

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