„Die Lehrerschaft arbeitet bis zum Anschlag“

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Eltern und Schulvertreter haben mit dem Ravensburger Landtagsabgeordneten Manfred Lucha in der Mensa der Kuppelnauschule über d (Foto: Susi Donner)
Schwäbische Zeitung
Susi Donner

Es war eine ruhige und sachlich gehaltene Diskussion zum Thema Bildungspolitik, in der zwei Stunden lang nicht vom Sparen geredet wurde – wobei sich jedem aufmerksamen Zuhörer unweigerlich die Frage stellen musste: Wovon denn dann? Der Ravensburger Landtagsabgeordnete Manfred Lucha hatte, als Reaktion auf die sorgenvollen Diskussionen vieler Eltern, Lehrer und Schulleiter aus der Region, zu den geplanten Plänen der Landesregierung zum Informationsgespräch eingeladen. Wie berichtet („Eltern laufen gegen Sparpläne der Landesregierung Sturm“, und „Lehrer klagen: Die schlagen uns das Gymnasium kaputt“), will Baden-Württembergs neuer Kultusminister Andreas Stoch das sogenannte Entlastungskontingent zusammenstreichen.

Fast 80 Eltern, Lehrer, Schulleiter und einige Schüler waren der Einladung in die Mensa der Kuppelnauschule nachgekommen. Lucha betonte, er habe Verständnis für ihre Sorgen, wolle in einen qualifizierten Dialog treten, und versprach gut zuzuhören. Wenn nun aber jemand sagen würde, an der Schule kann oder darf nicht gespart werden, so werde man keinen Konsens finden, weil die demografische Anpassung unumgänglich sei. Es folgten Zahlen über Bildungsausgaben, Schuldenstand und Personalkosten des Landes, und schließlich Worte zur demografischen Entwicklung der Schülerzahlen, ihre möglichen Auswirkungen auf den Lehrkräftebedarf an öffentlichen allgemein bildenden Schulen, und die Tatsache, dass man sich bereits heute darauf vorbereiten müsse. Als zentrale Maßnahme mit dem Abbau von über 11 000 Lehrerstellen bis 2020, um den Schüler-Lehrer-Schnitt anzupassen. Weil die Schülerzahl bis dahin von 1,2 Millionen auf etwas über 900 000 gesunken sei. Alle Anwesenden waren sich einig, dass die folgenden Generationen nicht ausschließlich damit beschäftigt sein dürfen, die heute gemachten Schulden zu tilgen. Und doch stand die unausgesprochene Frage im Raum, ob hier nicht an der falschen Stelle gespart wird.

Peter Gitzen, Elternbeiratsvorsitzender am AEG, betonte: „Die Situation muss sich verbessern, nicht verschlechtern“. Die Zahlen seien der demografischen Entwicklung geschuldet, wichtig sei aber, dass mit Transparenz gearbeitet werde, die Politik müsse Offenheit zeigen. „Die Diskussion darf nicht emotional geführt werden, sondern mit klaren Fakten“, mahnte er. Lucha: „Die Politik will die Schule nicht als Feind. Das Ziel ist die Aufrechterhaltung des Unterrichts.“ Gitzen konterte: „Die Lehrerschaft arbeitet bis zum Anschlag. Alle zusätzlichen Stunden gehen bereits darüber. Und doch wollen wir den Unterricht nicht nur aufrechterhalten“, und erhielt dafür Beifall.

Wolfram Freitag, Schulleiter am Welfengymnasium zählte auf, wo überall seine Lehrer Extra-Engagement mitbringen, wie etwa für die Vorbereitung des regen Schüleraustausches am Welfengymnasium oder die Leitung einer Physikalischen Sammlung. Dafür erhalten sie, eher symbolisch, einen kleinen Zeitausgleich. Die bange Sorge, „die sparen uns das Gymnasium kaputt“ resultiere aus der Frage, wie lange das Gymnasium sich guten Unterricht noch leisten könne. „Wir wollen zeigen, wofür wir diese Stunden brauchen.“

Renate Ziegler, Lehrerin am Spohngymnasium: „Klar ist der Unterricht irgendwie gewährleistet. Aber wir wollen, dass er gut stattfindet. Und das ist oft nur mit Hilfe von Sonderaufgaben möglich. Dazu gehören Teambesprechungen, Konferenzen und vieles mehr. Dafür brauchen wir Ausgleich. Sonst wird immer öfter zu hören sein: Die Qualität meines Unterrichts würde steigen, wenn ich ihn mal wieder vorbereiten könnte.“

Günter Erdmann, Schulleiter Gymnasium Weingarten: „Erstens, den demografischen Wandel spüre ich noch nicht. Meine Schülerzahlen wachsen. Zweitens: Die Anrechnungsstunden richten sich nach den Klassenzahlen. Schrumpfen sie, bekäme die Schule eh automatisch weniger. Aber sie schrumpfen nicht. Drittens: Dass wir den Pflichtunterricht sichern, ist klar. Alles andere wäre ja blamabel. Aber eine Schule soll heute mehr bieten, als vor zwanzig Jahren. Das wird von der Gesellschaft so gefordert.“

Brigitte Reuter, eine Mutter, bekommt viel Beifall für ihre Wortmeldung: „Warum können wir den demografischen Wandel nicht erst dann bekämpfen, wenn er tatsächlich eintritt? Außerdem stört mich die Art und Weise, wie wir von den Sparplänen erfahren haben. Ich bitte, wenn so einschneidende Entscheidungen getroffen werden, die Betroffenen früher mit ins Boot zu holen.“

Ralph Lange, Schulleiter Progymnasium Altshausen: „Es fehlt an der Kommunikation zwischen der Politik, Eltern, Schulleitung. Ich lese die Dinge immer erst in der Schwäbischen Zeitung, und bin stets erstaunt, wie wenig Fachwissen in der Politik vorhanden ist. Nun haben Sie die Hand ausgestreckt und wir ergreifen sie. Wir können uns gern zusammensetzen und die Politik besser informieren. Denn die vorherrschende Stimmung kommt aus den Ängsten, dass die Qualität des Gymnasiums sinkt. Dass die Gemeinschaftsschule aufgepäppelt wird, auf Kosten der Gymnasien.“

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