Die Fasnet ersetzt den großen Patriotismus

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Danièle Bellemare Lee an ihrem Arbeitsplatz: Hier entstand ihr ethnologischer Dokumentarfilm „Von Narren und Hexen“. Er befasst (Foto: Philipp Richter)
Schwäbische Zeitung

Patriotismus gibt es in Deutschland nicht. Stolzsein auf die Heimat findet hierzulande im Gegensatz zu Frankreich – la grande nation – im Kleinen statt. Lokalpatriotismus tritt an diese Stelle, zumindest seit dem Zweiten Weltkrieg noch ausgeprägter. Das ist eine These, die die kanadische Filmemacherin Danièle Bellemare Lee aufstellt und mit einem ethnologischen Dokumentarfilm über die Fasnet in Ravensburg und Weingarten belegt. Sieben Jahre Arbeit steckte sie in ihr Werk „Von Narren und Hexen“, das am 6. Februar in der Linse in Weingarten seine Premiere feiert.

Danièle Bellemare Lee beschäftigt sich in ihren Arbeiten hauptsächlich mit soziokulturellen Themen. In Montréal und an der Sorbonne in Paris studierte sie Kultur- und Filmwissenschaften. Ausgerechnet die Fasnet ist es nun, die die 49-jährige Kanadierin so fasziniert und zu diesem Thema gedrängt hat.

Zum ersten Mal schnellende Plätzler, zum ersten Mal kreischende Veri-Hexen – Danièle Bellemare Lee war so in den Bann gezogen, als sie 2004 ihre erste Fasnet in Oberschwaben erlebte. „Ich war mit der Kamera in der Ravensburger Marktstraße. Es regnete. In der einen Hand hatte ich die Kamera, in der anderen den Regenschirm. Vor lauter Faszination von den Masken und Kostümen habe ich gar nicht gemerkt, wie anstrengend das Drehen war. Dann bin ich ohnmächtig geworden, und alle dachten, ich hätte zu viel getrunken“, erzählt die 49-Jährige. Ab diesem Zeitpunkt wusste sie, dass sie die Fasnet weiter beschäftigen wird.

„Ich wollte die deutsche Gesellschaft über die Fasnet entdecken und einen Zugang finden“, sagt Bellemare Lee. Herausgekommen ist ein Film, der hauptsächlich die Protagonisten der Ravensburger und Weingartener Fasnet sprechen lässt. Das sind Jürgen Hohl, Klaus Müller, Martin Hipp, Maria Hipp, Andreas Reutter, Andreas Bachmann, Rudolph Hämmerle, Christoph Stehle und Markus Würstle, die in dem 102 Minuten langen Film zu Wort kommen. Nur hin und wieder kommentiert sie mit französischen Akzent, wie sie das oberschwäbische Treiben sieht.

Ein unvoreingenommener Blick von außen soll ihr Film sein. „Von Narren und Hexen“ beschäftigt sich mit sozialen Fragen, Kontroversen, mit der Geschichte der Fasnet und deren Bedeutung für die Gesellschaft. „Die regionalen Volksfeste wie das Rutenfest und das Welfenfest ersetzen den großen Patriotismus“, schildert die 49-Jährige, die mit ihrem Mann Mark Lee in Ravensburg wohnt. Die Fasnet vereint alle Generationen und dringt in alle Gesellschaftsschichten vor, findet sie.

Als ein Beispiel nennt sie Maria Hipp, die im Herbst vergangenen Jahres im Alter von 62 Jahren verstarb. Ihr ist der Film gewidmet. „Maria Hipps Großvater hat den Mostclub gegründet, und die Familie führt die Tradition von Generation zu Generation weiter“, berichtet sie. Das bindet alle Familienmitglieder mit ein. Familie, Freunde, der Verein und die ganze Stadt feiern zusammen. Das verbindet nicht nur in Weingarten und Ravensburg, sondern in jeder Stadt und in jedem Dorf. Zudem stärkt die Rivalität zwischen den Städten den Lokalpatriotismus, schafft aber gleichzeitig überraschenderweise Zusammenhalt. Übrigens: Diese Rivalität hat es bereits im Mittelalter gegeben.

Die Narretei schafft es aber auch, durch die Fasnet und die Tradition eine ganze Region und damit die Gesellschaft miteinander zu verbinden, so Danièle Bellemare Lees These. „Ein Zeichen dafür ist die Narrenverbrüderung von Ravensburg und Weingarten, die jedes Jahr humorig in einer der beiden Städten stattfindet.“ Bei dieser Veranstaltung wird die Lokalpolitik auf die Schippe genommen und trägt somit auch zum Lokalpatriotismus bei. „Es gibt auch zwischen Québec und Montréal Rivalität, aber diese Städte sind 300 Kilometer auseinander. Die Rivalität zwischen Ravensburg und Weingarten ist aber deutlich ausgeprägter“, erzählt sie.

Zwischen Tradition und Moderne

In diesem Zuge spielt auch die Tradition und deren Weg in die Moderne eine Rolle. Um eine Tradition zu erhalten, muss sie sich weiterentwickeln und auch modernisieren dürfen. Wie das geht, erläutert der Fasnetsexperte Jürgen Hohl in der Dokumentation. Welche Regeln gibt es, wenn man neue Narrenfiguren erschafft? Gibt es einen Bezug zur Stadtgeschichte oder zum Dorfleben? Das sind Fragen, denen der Film auch nachgeht. „Die Fasnet hat Regeln wie ein Fußballspiel“, stellt Bellemare Lee fest.

Hat sich also das Bild der kanadischen Filmemacherin über die sieben Jahre Arbeit hinweg verändert? „Ja“, sagt Danièle Bellemare Lee, „ich sehe die Fasnet mit anderen Augen. Sie ist wichtig für die Menschen hier, auch wenn es viele gibt, die geradezu allergisch darauf reagieren. Die meisten freuen sich das ganze Jahr über und fiebern der Fasnet wie kleine Kinder Weihnachten entgegen. Sie sehen es als das Höchste im Jahr an.“ Auch das Bild, Fasnet ist „nur ein Anlass zum Saufen“ sei falsch. „Das lasse ich so nicht gelten. Da steckt so viel Geschichte und Tradition dahinter. Das stimmt einfach nicht“, sagt sie. Damit hat sie wohl recht.

Der Film „Von Narren und Hexen“ von Danièle Bellemare Lee feiert am 6. Februar um 19 Uhr seine Premiere im Kulturzentrum Linse in Weingarten. Im Anschluss ist eine offene Diskussion mit der Regisseurin und den Fasnetsexperten der Region geplant. Am 7. Februar läuft der Film in der Linse erneut. Von 8. bis 19. Februar wird der Film im Burgkino in Ravensburg täglich gezeigt. Am 12. Februar ist im Anschluss an den Film eine Diskussion geplant. Die Vorführzeiten stehen noch nicht fest. Einen Trailer des Films gibt es im Internet unter:

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