Der Meister des geschliffenen Wortes

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 Was er zu sagen hatte und wie er es sagen konnte: Peter Eitel (rechts) und Hans Ulrich Rudolf haben Reden und Texte von Alt-Lan
Was er zu sagen hatte und wie er es sagen konnte: Peter Eitel (rechts) und Hans Ulrich Rudolf haben Reden und Texte von Alt-Landrat Guntram Blaser (links) in einem Band versammelt und jetzt zu dessen 85. Geburtstag veröffentlicht. (Foto: Archiv: Roland Rasemann)
Elmar L. Kuhn

Zum Abschied eines Amtskollegen zitierte Ravensburgs früherer Landrat Guntram Blaser den oberschwäbischen Mundartdichter Michel Buck: „Dei Housa, Bruadar, hot a‘n End. Dei Zuig, des kommt in andre Händ. Ma‘ lobt und schilt a Weile noh – S wead gmoingli redli gmeassa. Noch kommt noch diar der So und So, und du – bischt ret vergeassa.“ Zwar kam nach Guntram Blaser in manchen Ämtern ein „So und So“, aber ma lobt ihn immer noh und er isch ibrhaupt it vergeassa. Das wird bei einem Landrat, den die „Schwäbische Zeitung“ 1995 als „König von Achberg“ zeichnete und der sich selbst voller Freude 2002 als „Sonnenkönig“ gewandete, nicht verwundern. Am Dienstag feiert Guntram Blaser seinen 85. Geburtstag.

Mit der Arbeit des Landrats von 1978 bis 1999 muss der Kreistag zufrieden gewesen sein, sonst hätte er ihn nicht zweimal wiedergewählt. Bei seiner ersten Wahl war es „ein dramatisches Stück für mehrere Personen, begleitet von Theaterdonner und einer emsigen Tätigkeit hinter den Kulissen“. Bei der zweiten Wiederwahl konnte er schon darauf vertrauen, dass ihm die Kreisräte als „einem inzwischen älter und grauer gewordenen, aber dafür sehr erfahrenen und ernsthaften Wachhund nochmals für einige Jahre das stattlichste, größte und schönste Gehöft in Oberschwaben, den Landkreis Ravensburg, anvertrauen würden.“ Im Rückblick freute es ihn, dass es ihm als „Zirkusdirektor“ im Kreistag gelang, „mit den eigenwilligen Kunstreitern, Seiltänzern, Schlangenbeschwörern und den sonstigen Artisten und Akrobaten sowie den vereinzelt vorhandenen Raubtieren ein Programm zu bieten, das den Beifall des Publikums fand.“

Bei seinem Amtsantritt hatte sich der neu gewählte Landrat drei Schwerpunkte gesetzt: „Natur, Kultur, Krankenhäuser“. Er hat manches durchgesetzt, wovor Kollegen zurückgescheut hätten, es auch nur anzugehen. Dazu befähigten ihn: Er wusste, was er wollte, er hatte die richtigen Argumente, er wusste sie geistreich zu formulieren, vor allem aber, er identifizierte sich mit dieser Landschaft, aus der er stammte und die er bewahren und gestalten wollte: „Ich sehe es als meine Pflicht und Schuldigkeit an, (dafür zu sorgen), dass man Oberschwaben auch in Zukunft noch als unsere Heimat wiedererkennt.“

Cicero erwartete vom Politiker, dass er nicht nur rhetorisch beschlagen war, sondern aus einer umfassenden Bildung schöpfen konnte. Guntram Blaser verfügte über einen reichen Zitatenschatz, den er in meist erheiternder Weise einzusetzen wusste. Er war vielleicht nicht der „Demosthenes von Oberschwaben“, denn er liebte die leiseren, moderateren Töne, er war nicht wortgewaltig, aber des Wortes mächtig. In seiner „knitzen“ Art wusste er das Gegenüber oft „zu führen, wohin sie (vielleicht) nicht wollten.“ Fremdbilder sind oft unwillkürliche Selbstbilder. Die Worte, mit denen er seinen Allgäuer Amtsvorgänger Walter Münch würdigte, können auch als Selbstbild gelesen werden: „ein Schalk von tiefgründiger Ernsthaftigkeit, geistvoll und druckreif in seinen Formulierungen, mit persönlichem Charme wider den tierischen Ernst in der Politik zu Felde ziehend, furchtloser Streiter für die Landschaft, der kunstsinnige Freund der schönen Künste, ein Hauch der weiten Welt, unbelastet von provinzieller Enge.“

Was er zu sagen hatte und wie er es sagen konnte, davon kann jetzt eine Lektüre des Bandes „Meister des geschliffenen Wortes“ zeugen, das „Reden und Textbeiträge 1978-2017“ des Jubilars versammelt und das zu seinem Fest Hans Ulrich Rudolf und Peter Eitel herausgegeben haben. Viele Texte sind den Amtspflichten des Landrats und seiner Nebenämter geschuldet. Aber allen ist anzumerken, dass sie nicht einfach Übernahmen von Mitarbeiter-Vorlagen sind, wie so viele Politiker-Reden, der Blaser-Sound ist nie zu überhören in oft humoristisch verpackter Sachargumentation. Die Ratio erhält Rückenwind durch die Emotion, man spürt, was ihn bewegt und wofür sein Herz schlägt: Ihn hat „der Mythos dieser Landschaft, die schließlich meine Heimat war (und ist), gepackt.“

Über Schulen, Krankenhäuser, Sparkassen, Stromversorgung, zu Vereinsjubiläen und Verabschiedungen reden auch andere Landräte. Aber wohl wenige sprachen so oft und gern, kompetent und engagiert über Natur und Kultur. Nicht umsonst ist er als „grüner“ und „Kultur-Landrat“ tituliert worden. Es blieb nicht bei Reden, die „Taten“ in seinem Kreis seien kurz benannt. Als „Sternstunden“ der Kreispolitik bezeichnete Landrat Blaser stets die Rettung des Wurzacher Rieds und den Kauf von Schloss Achberg. „Einem Land, dem die Natur nichts wert ist, fehlt die Grundlage jeder Kultur.“ Aber er dachte weiter: „Der Naturschutz muss weg vom alleinigen (repressiven) Schutz kleiner Reservate und muss sich weiterentwickeln hin zu einem Entwicklungskonzept für eine lebenswerte und ökologisch einigermaßen intakte Natur und Umwelt.“

Kaum glaublich, wie es gelang, einen Kreistag zum Kauf und zur Restaurierung des Schlosses Achberg, zunächst noch ohne Nutzungskonzept, zu „einem millionenschweren Traumprojekt“ zu bewegen. Keines geringeren Einsatzes bedurfte es, das Land Baden-Württemberg zu bewegen, das Schloss Aulendorf zu sanieren. Schließlich war der Kreis Ravensburg am Betrieb von gleich drei Schlössern beteiligt, das Schloss Achberg in eigener Trägerschaft und Schloss Aulendorf und die Waldburg als Beteiligte an der Betriebsgesellschaft. Zudem erfolgte in dieser Zeit der Ausbau des Bauernhausmuseums Wolfegg, dessen Gründung schon vor der Amtszeit Guntram Blasers angegangen worden war. „Aktiven Denkmalschutz“ betrieb der Landkreis zusammen mit der Kreissparkasse mit dem sogannten „Heiligenverein“, der Renovierungen und Restaurierungen von sakralen Kunstwerken fördert. Ihm fiel es nicht schwer, aus gegebenem Anlass einen kurzen Überblick über die Kunstgeschichte Oberschwabens zu geben, eingebettet in seine Frömmigkeitsgeschichte. „Heiligen“, vertrieben aus dem „oberschwäbischen Himmelreich“, gab er wieder eine Heimstatt in Schloss Achberg.

Er bewegte die OEW, als einen der Schwerpunkte der Kunstankäufe der OEW eine Sammlung gotischer Skulpturen aus Oberschwaben aufzubauen und in Schloss Achberg zu platzieren. Nicht mehr die Vorlieben und Beziehungen einzelner Landräte sollten generell über die Ankäufe der OEW entscheiden, nun gewannen deren Sammlungen ein deutlicheres, sachlich begründetes Profil gerade auch für die Kunst der klassischen Moderne und Gegenwart.

Wie es Guntram Blaser in der Natur nicht nur um das einzelne Naturschutzgebiet ging, so ging es ihm auch nicht nur um das einzelne Bau- und Kunstdenkmal. Drastisch beschreibt er die Veränderung unserer Ortsbilder: „Wo früher Dörfer durch Jahrhunderte gewachsen waren, in dem sicheren Gefühl für Proportion, für Material und dem Wissen der Verhältnismäßigkeit der Mittel erstellt wurden, da stehen heute die bundesdeutschen Einheitsbungalows, trübe Verpackungen im DIN-Format, hochstaplerische Komfortburgen, zu hoch, zu kurz, zu laut, zu unruhig, zu kleinkariert und aufgedonnert mit Plastik, Glasbaustein und Aluminium. Noch nie ist so viel Schlechtes an Architektur entstanden wie in den vergangenen 35 Jahren.“ Später wandte er sich gegen die „Verspargelung“ unserer Landschaft. Damit macht man sich nicht zu jedermann Liebling, aber auch nicht zu „jedermanns Dackel“.

Um die Handlungsfähigkeit des Landratsamtes in Sachen Kultur zu stärken, wurde nach 1993 das Kreisarchiv zum Kreiskulturamt ausgebaut. Auf Breitenwirkung in der Vermittlung von „Kultur, Geschichte und Natur im Landkreis Ravensburg“ zielt seit 1989 die Zeitschrift „Im Oberland“ mithilfe der PH Weingarten.

Der „Oberschwabe mit Leib und Seele“, dem Oberschwaben „nicht nur eine geografische Steigerungsform“ war, sich hier „dem Himmel näher“ wusste, dachte über seinen Landkreis hinaus: „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Das Ganze ist nun einmal Oberschwaben.“ In einer „Liebeserklärung an Oberschwaben“ konnte er einen zwar launigen, aber kenntnisfundierten Überblick über die Geschichte dieser Landschaft geben, beginnend mit der natürlichen Ausstattung, den ersten politischen Konturen als Verwaltungsbezirk des Reichs im Mittelalter, dem „Fleckerlteppich“ der Frühen Neuzeit mit seiner kulturellen Blüte, der Kolonialisierung durch Württemberg mit seiner Abwertung zum „schwarzen Erdteil“ und schließlich der „oberschwäbischen Krankheit“ der Uneinigkeit in der Gegenwart als Folge der „drei oberschwäbischen Teilungen“: der Auflösung des Herzogtums Schwaben, der Säkularisation und der Aufteilung in zwei Regionalverbände.

Aber die Heimat Oberschwaben war für den Landrat „nicht nur ein Gefühl, sondern eine Aufgabe“. Ihm war es zu verdanken, dass es mit der Gründung der „Gesellschaft Oberschwaben“ zu einer „Renaissance von Oberschwaben“ kam. Es gab zwar zwei Initiativen, die die Gründung einer Organisation für die regionale „Geschichte und Kultur“ anstrebten. Das war zum einen der Berner Peter Blickle und zum anderen eine Initiative der oberschwäbischen Kulturamtsleiter. Landrat Guntram Blaser führte beide Initiativen zusammen und sorgte vor allem für eine Anschubfinanzierung, ohne die es nie zur Gründung der Gesellschaft Oberschwaben gekommen wäre. Im Sinne des von Peter Blickle beschworenen „contrât culturel“ schmiedeten Guntram Blaser, der seinerzeitige Biberacher Landrat Peter Schneider und der Unternehmer und Mäzen Siegfried Weishaupt ein Bündnis von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, das die Gesellschaft tragen sollte.

„Im Nachhinein war es ein hartes Stück Arbeit.“ Als „Schutzheilige“ sollten sich die oberschwäbischen Landräte der Neugründung annehmen. Ganz im Sinne Blasers wollte die neue Gesellschaft kein üblicher Geschichtsverein sein, die Stärkung des Regionalbewusstseins sollte das Hauptziel sein. Die lange solide Finanzierung ermöglichte weithin strahlende „Leuchtturmprojekte“: die Ausstellungen zur Revolution von 1848/49, „Alte Klöster – Neue Herren“, „Adel im Wandel“, die „Kultur des schwäbischen Adels“ und zuletzt „Kunst Oberschwaben 20. Jahrhundert“. Zuvor leere Regale füllten sich mit Büchern zu oberschwäbischen Themen.

Aus Mitgliedsbeiträgen und „Zehnten“ der Landkreise hätten sich diese Millionenprojekte nicht finanzieren lassen. Das Fundament für die „Leuchttürme“ errichtete Landrat Blaser, unterstützt durch die erwähnten Partner, mit der Errichtung der „Stiftung Oberschwaben“ mit einem Kapital von sieben Millionen DM, davon allein fünf Millionen aus Mitteln der OEW. Weiteres Stützwerk wurde die „Stiftung Friedrich Schiedel Wissenschaftspreis zur Geschichte Oberschwabens“, zu der er „mit unermüdlicher Geduld“ den Stifter überzeugen konnte. Mittlerweile konnten elf Preisträger für ihre herausragenden Forschungen prämiert werden.

Viele haben mitgewirkt, dass die Gesellschaft Oberschwaben lange Zeit ein Erfolgsmodell war. Aber ohne die institutionellen Voraussetzungen, die Guntram Blaser und seine Mitstreiter geschaffen haben, wäre das alles nicht möglich gewesen. Das Ziel der Stärkung oberschwäbischer Identität ist mittlerweile bei den Verantwortlichen und „Schutzheiligen“ verblasst. Die rotweiße Fahne Oberschwabens ist an oberschwäbischen Straßen nicht zu sehen. „Wer nicht tief wurzelt, wipfelt auch nicht hoch“, war eine Devise Guntram Blasers.

Am Dienstag kann er seinen 85. Geburtstag feiern. Seine Geburtstagsfeier am Donnerstag als „mittelschweres levitiertes Hochamt wird im barocken Oberschwaben eine stattliche Zahl von Heiligen, Scheinheiligen und Unheiligen auf den Plan rufen“. Wenn „Schwabe zu sein ein Verdienst, Oberschwabe zu sein aber eine Gnade“ ist, dann war Guntram Blaser für Oberschwaben ein Glück.

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