Der letzte barocke Bildhauer Oberschwabens

Lesedauer: 6 Min
Siegfried Kasseckert

Er hat sein Werk immer in der Tradition des Barock begriffen, ja, man kann ihn ohne Übertreibung als den letzten barocken Bildhauer Oberschwabens bezeichnen. „Ich bin vom Barock gerissen“, hat er einmal gesagt und „hingerissen“ gemeint. Am 2. Juni ist der Ravensburger Bildhauer Josef Henger gestorben, 88-jährig. Erst durch eine Traueranzeige wurde das öffentlich bekannt. Etwa 1500 meist figürliche Arbeiten stammen aus seiner Hand, klein- und großformatige, an mehr als 300 Orten hat er gearbeitet, nur selten ausgestellt.

Er war einer der Stillen im Lande, ein feiner Mensch, tief religiös, jeder Form der Anbiederung abhold. So fand seine letzte Ausstellung 2006 im Ravensburger Heilig-Geist-Spital statt, seine vorletzte 1981 in der Ravensburger Kreissparkasse. Gut zwei Drittel seines riesigen Werkes beschäftigten sich mit religiösen Themen, mit den „Heiligen“ war er gewissermaßen auf Du und Du. Umso mehr hat es ihn geschmerzt, dass seine Arbeiten aus der Ravensburger Liebfrauenkirche entfernt wurden, als man diese vor einigen Jahren sanierte, Osterleuchter, Ambo, Tabernakelträger.

Ausgerechnet den Oberen „seiner“ katholischen Kirche galten Hengers Arbeiten offenbar als nicht mehr „modern“ genug, ja, man hat ihn vor diesem „Bildersturm“ nicht einmal informiert. Ein ziemlich einmaliger Vorgang. Immerhin blieben die von Henger geschaffenen schönen Portale, Bronze-Reliefs, der Liebfrauenkirche erhalten.

Mag ja sein, dass Josef Hengers filigranen, vielfältig strukturierten Figuren, die oft tänzerisch daherkommen und sich nicht selten in einem barocken Schau- und Bühnenraum in ekstatischer Verzückung präsentieren, dem heutigen Kunstgeschmack nicht mehr entsprechen – originell sind sie allemal, einmalig in ihrer Form und von einer tiefen Religiosität beseelt. „Wer sich den Arbeiten Josef Hengers annähern will, muss, wie er, das Sinnliche lieben, zumindest bereit sein, es wieder zu lieben“, sagte Schulamtsdirektor Helmut Auchter, der 1981 bei der Kreissparkassen-Ausstellung eine bemerkenswerte Rede hielt. Henger liebe seine Figuren, weil er in ihnen lebe, und er lebe in ihnen, weil er sie liebe. Diese Liebe offenbart sich in unendlich vielen seiner Arbeiten. So beispielsweise in den Bronzen, die er für seine vier Kinder und elf Enkelkinder schuf, jeweils an deren Namenspatronen orientiert.

Josef Henger absolvierte eine gründliche Ausbildung. Nach einer Steinmetz-Lehre studierte er acht Jahre lang an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Professor Josef Henselmann, bei dem er auch Meisterschüler war. Seit 1963 lebte der Bildhauer, der in Empfingen bei Horb geboren wurde, in der Ravensburger Weststadt, wo er mit seiner Frau Ans, einer Holländerin, ein Haus mit Atelier baute.

Jahrzehntelang galt Josef Henger als einer der erfolgreichsten Bildhauer nicht nur der Region. Er war ausgesprochen populär, ist es in einigen Kreisen immer noch, was die Ausstellung im Heilig-Geist-Spital zeigte. 1981 bekam er den Kulturpreis der Städte Ravensburg und Weingarten.

Viele Arbeiten bewegen die Menschen noch heute. So Hengers gut acht Meter hohe Bronze-Skulptur in der Weingartener Marienkirche. Ein Christus, der seine rechte Hand den Gläubigen zuwendet (so sah man das bisher noch nie), und ein in Bronze gegossener Blutstrahl aus der Seitenwunde.

Eine Dokumentation, welche die mit ihm befreundete frühere Baienfurter Stora-Enso-Pressefrau Mathilde Berger für ihn fertigte, verzeichnet gut 1500 Arbeiten. Darunter auch den Altar der simultanen Biberacher Stadtkirche und ein Gesamtkunstwerk mit Altar, Ambo, Kreuz, Weihwasserbecken und Portal in der früheren Zisterzienser-Kirche in Otterberg bei Kaiserslautern, sein wohl umfangreichstes Werk. Drei Jahre hat er daran gearbeitet.

Die letzten Jahre nutzte Josef Henger vor allem dafür, sein immenses Werk zu fotografieren und zu katalogisieren. Im elterlichen Haus versammelte er auf fahrbaren Sockeln etwa 250 Gipsmodelle seiner Arbeiten, auch das des Weingartener Kreuzes und den verspielten Ravensburger Rutenfestbrunnen am Obertor.

Beerdigt ist Josef Henger auf dem Friedhof in Berg, weil ihn mit Berg vieles verbunden habe, wie seine Frau Ans sagt. Er schuf mehrere Arbeiten für die Berger Kirche und auch das sogenannte Kriegerdenkmal.

Meist gelesen in der Umgebung

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen

Leser lesen gerade