Der einstige Macher sitzt jetzt im Rollstuhl

Lesedauer: 6 Min
 Ein eingeschworenes Team sind Ruscha und Uwe Karle seit mehr als 40 Jahren: Jetzt, wo ihr Mann halbseitig gelähmt im Rollstuhl
Ein eingeschworenes Team sind Ruscha und Uwe Karle seit mehr als 40 Jahren: Jetzt, wo ihr Mann halbseitig gelähmt im Rollstuhl sitzt, pflegt Ruscha ihn rund um die Uhr. (Foto: Anton Wassermann)
was und Anton Wassermann

In seiner fast 30-jährigen Tätigkeit als Verantwortlicher für die Bereiche Kultur und Tourismus in Ravensburg hat Uwe Karle viel bewegt und zahlreichen Stars aus Politik, Kunst und Showgeschäft die Hände geschüttelt. Doch der 77-jährige Verkehrsdirektor a.D. ist seit seinem Schlaganfall am 3. Juni 2019 in seiner Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt. Sein großer Rückhalt ist Ehefrau Ruscha, die ihn pflegt und umsorgt.

„Meinen Ruhestand hatte ich mir auch etwas anders vorgestellt, als ich vergangenen April meinen Freiseursalon geschlossen habe“, sagt die 68- jährige Ruscha. Die gebürtige Pragerin war 1968 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgereist und hatte Uwe Karle vier Jahre später bei einer Veranstaltung in der Oberschwabenhalle kennen gelernt. Seit 1978 sind die beiden verheiratet. Ihr ganzer Stolz ist ein schmuckes Eigenheim mit einem großen Garten, den sie bislang gemeinsam mit großer Hingabe und viel Geschick bewirtschaftet haben.

Gravierende gesundheitliche Einschränkungen hatte Uwe Karle bereits, als er 1999 vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet wurde. Doch auf ihre Reisen nach Italien – einige Jahre auch mit eigenem Wohnwagen –, die Gartenarbeit und das Angeln musste er nicht verzichten. In der Nacht zum 3. Juni 2019 hat sich ihr Leben aber grundlegend verändert.

Nach dem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt schlossen sich sechs Monate Reha in Allensbach an. In dieser Zeit organisierte Ruscha den behindertengerechten Umbau ihres Hauses. Ein Treppenlift wurde installiert und das Bad komplett erneuert. „Zum Glück hatten wir finanzielle Rücklagen, so dass wir die rund 60 000 Euro Baukosten stemmen konnten“, sagt Uwe Karle. Viel zermürbender ist der Papierkrieg mit Ämtern, Behörden und Krankenkassen.

„Wie soll das jemand stemmen, der auf die finanziellen Hilfen dringend angewiesen ist, die ihm gesetzlich zustehen?”, fragt sich der frühere Kommunalbeamte. Da geht es um den Baukostenzuschuss, der längst beantragt, aber noch nicht bewilligt ist, oder das Pflegegeld. „Uwe ist in Pflegestufe drei eingestuft und müsste monatlich 500 Euro Pflegegeld bekommen. Die Kasse zahlt aber nur 100 Euro“, berichtet Ruscha Karle.

Viel wichtiger aber wäre für beide, dass sie endlich einen Behinderten- Parkschein bekämen. „Bei jedem Arztbesuch oder Behördengang muss ich meinen Mann vom Auto in den Rollstuhl verfrachten und danach einen Parkplatz suchen. Das kostet unnötig Zeit und Kraft“, sagt Ruscha Karle. Und ihr Mann fügt hinzu: „Ich weiß nicht, wie oft ich schon beim Landratsamt angerufen habe. Aber ich werde immer wieder vertröstet. Die Angelegenheit sei in Bearbeitung und erfordere Zeit. Man müsse noch die ärztlichen Unterlagen prüfen. Dabei hat die Rehaklinik schon längst alle Berichte ans Landratsamt geschickt. Und als Rollstuhlfahrer habe ich einen gesetzlichen Anspruch auf einen solchen Parkschein.”

Wenigstens mussten die Karles noch keinen Strafzettel kassieren, wenn sie auf einem Behinderten-Parkplatz standen. „Einmal hat mich ein Polizist angesprochen. Aber er hat sich sogar dafür entschuldigt, als ich auf den Rollstuhl im Auto hinwies“, erzählt Ruscha Karle. Voller Hochachtung sprechen die beiden aber auch von ihren Erfahrungen mit ausländischen Menschen: „Wenn wir beim Arzt sind, halten die uns ganz selbstverständlich die Tür auf, während Deutsche gezielt zur Seite schauen. Und immer wieder haben uns auf der Straße Ausländer unaufgefordert ihre Hilfe angeboten beim Umsteigen in den Rollstuhl. Oft konnten sie sich kaum verständlich machen. Aber sie haben angepackt, während Deutsche meist teilnahmslos an uns vorbei liefen.“ So sehr die schwere körperliche Beeinträchtigung und die bürokratischen Hindernisse die beiden in ihrem Alltag belasten, so froh sind sie doch, dass Uwe Karle klar sprechen und denken kann. Aber er macht sich Sorgen, dass seine Frau der körperlichen und psychischen Belastung einer häuslichen Pflege rund um die Uhr auf Dauer nicht gewachsen ist.

Beide denken darüber nach, in absehbarer Zeit eine Pflegekraft ins Haus zu holen. Auch dafür gilt es viele bürorkratische Hürden zu nehmen, was auch für einen ehemaligen Kommunalbeamten nicht so einfach ist. Daher wünscht er sich von der Politik, dass sie nicht nur Gesetze und Durchführungsbestimmungen formuliert, sondern sich auch darum kümmert, dass die Betroffenen zügig das bekommen, worauf sie ein verbrieftes Recht haben. „Ich habe zwar jetzt viel Zeit. Aber es gibt Schöneres als Stunden und Tage am Telefon in der Warteschleife zu hängen“, fügt Uwe Karle nicht ohne Bitterkeit an.

Meist gelesen in der Umgebung

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen