Den Schatten der Vergangenheit aufklären

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Buchautorin Alexandra Senfft (links) im Gespräch mit Stadtbüchereileiterin Berthilde Scherer.
Buchautorin Alexandra Senfft (links) im Gespräch mit Stadtbüchereileiterin Berthilde Scherer. (Foto: Blöchinger)
Schwäbische Zeitung
Maria Anna Blöchinger

Die Lesung der Enkelin eines NS-Verbrechers im Kornhaussaal der Stadtbücherei bewegt. Alexandra Senfft bietet mit „Der lange Schatten der Täter: Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte“ eine ungemein erhellende Erforschung der Schuld-Verstrickungen über Generationen hinweg. Mit ihrem persönlichen und individuell gefärbten Zugang ergänzt sie die akademische Sicht.

Alexandra Senfft, Islamwissenschaftlerin und Publizistin, hat bereits in ihrem 2007 veröffentlichten Buch „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ das Märchen vom „guten Nazi“ widerlegt. Als sie nach der Wahrheit über ihren Großvater Hanns Ludin forschte, der maßgeblich an der Deportation der slowakischen Juden beteiligt war und dafür hingerichtet wurde, taten sich allerdings Gräben in der Familie auf. Im Gespräch mit der Leiterin der Stadtbücherei Berthilde Scherer nannte Alexandra Senfft das Leiden und den frühen Tod ihrer Mutter als Auslöser für ihre Auseinandersetzungen mit der eigenen Familiengeschichte.

Es sind überwiegend Leser ihres ersten Buches, die in der neuen Veröffentlichung im Dialog mit der Autorin ihre NS-Familiengeschichte aufrollen. Dabei zeigt sich eine große Bandbreite von Täterschaft. Manchmal wehren die Nachkommen der Kriegsgeneration noch die schmerzhafte Einsicht ab, dass sich geliebte Menschen schuldig gemacht haben. Alexandra Senfft las Auszüge aus ihrem Buch „Der lange Schatten der Täter“. Sie porträtiert darin ganz unterschiedlich Betroffene, lässt sie zu Wort kommen, begleitet sie an Tatorte und Gedenkstätten. Sie zitiert Historiker und Psychologen und zeigt, wie man sich heilsam mit dem schwierigen Erbe auseinandersetzen kann.

Unaufgeklärte Schuld und unterdrückte Trauer können an der Psyche der Nachkommen nagen. Aber „nicht alles hat mit dem Opa, der Oma oder dem Zweiten Weltkrieg zu tun“, sagt Protagonist Stefan Ochaba. Der Enkel eines Nazis, zweifelte: „Ist es Familienverrat, seine Geschichte öffentlich zu machen?“ Alexandra Senfft schreibt: „Stefan plädiert für eine präzise, differenzierte Ursachenforschung.“ Ihm tat es schließlich gut, „Licht ins Dunkel zu bringen und dem Schweigen mit Fakten zu begegnen.“

Wie Millionen von Menschen zu Nationalsozialisten und Massenmördern werden konnten, bleibt wohl unbegreiflich. „Wir können unsere Vergangenheit nicht bewältigen. Es ist unsere Gegenwart, die wie bewältigen müssen, im Schatten der Vergangenheit“, zitiert die Autorin den türkischen Juristen Daimagüler. Eine Besucherin gab zu bedenken, dass aktiver Widerstand doch schwer, ja lebensbedrohlich gewesen sei und man als Kind den Eltern gegenüber Loyalität empfände. Ersteres sei eben ein verbreiteter Mythos, meinte Alexandra Senfft. „Jeder hat eine Wahl“ heißt eines ihrer Buchkapitel. „Es geht darum, sich der Wahrheit zu stellen. Aber lieben dürfe man trotzdem, versicherte sie.

Alexandra Senfft, Der lange Schatten der Täter: Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte. Piper 2016.

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