„Das Schwäbische stirbt nicht aus“

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Ravensburgs Landrat Kurt Widmaier (CDU)
Ravensburgs Landrat Kurt Widmaier (CDU) (Foto: Rasemann)
Sportredakteur

Er ist bei vielen Deutschen unbeliebt und offenbar wird er auch von immer weniger Menschen gesprochen: Der schwäbische Dialekt. Doch ein Aussterben, wie es ein Dialektforscher gerade befürchtet, wird es nicht geben. Sagt zumindest Ravensburgs Landrat Kurt Widmaier.

Von unserem Redaktionsmitglied Thorsten Kern

Als Zugezogener hat man es in Oberschwaben mitunter nicht leicht. „Ich hätte gerne zwei Brötchen.“ Diese Bitte hat in einer Bäckerei schon mal für Lachen gesorgt. „Ein Brötchen?“, fragte die Verkäuferin, um lächelnd hinzuzufügen: „Des hoißt Wegga.“ So zumindest hat es sich für den Schwäbisch-Laien angehört. Und nun soll dieser Dialekt, diese Mundart mit seinen regionalen Färbungen, vom Aussterben bedroht sein? Ausgestorben ist auf jeden Fall die staatliche Dialektforschungsanstalt des Landes Baden-Württemberg. Bis 2001 gab es sie an der Universität in Tübingen, dann wurde sie aus Kostengründen eingestellt.

Dass es Befürchtungen gibt, bald nirgendwo mehr den schwäbischen Einschlag zu hören, geht auch auf einen Dialektforscher aus Ehingen im Alb-Donau-Kreis zurück. Hermann Wax, Autor des Buches „Die Etymologie des Schwäbischen“, prophezeit einen Niedergang der Mundart. „Immer mehr schwäbische Wörter verschwinden aus dem Wortschatz“, sagt Wax. Auch wegen des Fernsehens: „Nur noch in wenigen Sendungen wird Schwäbisch gesprochen.“ Der Dialekt werde immer mehr zur Privatsprache. Ganz so schlimm sieht es Ravensburgs Landrat Kurt Widmaier nicht um den schwäbischen Dialekt bestellt. „Nichts im Leben ist festzementiert, auch die Dialekte wandeln sich im Laufe der Zeit.“ Schwäbisch sei jedoch der schönste aller deutschen Dialekte. „Dass er ausstirbt, glaube ich nicht.“

Widmaier („Gefühle kann man auf schwäbisch viel differenzierter ausdrücken“) ist eines von fast 1000 Mitgliedern des „Fördervereins Schwäbischer Dialekt“. Auch Dr. Clemens Frede und Bernhard Bitterwolf von der Bauernschule in Bad Waldsee zählen zu den Mitgliedern. „Sprache verändert sich“, sagt Bitterwolf. „Sprache gleicht sich an. Schwäbisch wird nicht aussterben, der Dialekt wird sich aber verändern.“ Der Förderverein fördert Mundart-Projekte und setzt sich für den Erhalt der schwäbischen Sprache ein. „Schwäbisch ist eine eigene Sprache mit einer eigenen Satzmelodie“, sagt Bitterwolf. Manche Begriffe wie „Hätza“ für Klettern seien zwar fast ausgestorben, „aber allein durch die Art und Weise, wie der Schwabe nasaliert, prägt sich das Schwäbische“.

Jetzt und auch in Zukunft, da ist sich Bitterwolf sicher. Ein Unterrichtsfach „Schwäbisch“ hält er daher für nicht nötig. Vielmehr fordert er auf: „Man darf sich nicht verbiegen“, sagt er. „Da wo es geht, etwa im Matheunterricht, kann man auch schwäbisch schwätza.“ Die Lehrer müssten nur darauf achten, dass auch die Nicht-Schwaben mitkommen. „Denn nicht jeder ist des Schwäbischen mächtig. Nicht wahr?“ Ob das Schwäbische dadurch beliebter wird ist allerdings eine andere Frage. Bei einer Umfrage des Allensbach-Institutes gaben 20 Prozent der Befragten an, Schwäbisch schön zu finden. 35 Prozent gaben dem bayerischen Dialekt gute Noten, nur zehn Prozent dem sächsischen.

Ob beliebt oder nicht. Für Hubert Wicker, Staatssekretär im Stuttgarter Staatsministerium und Vorsitzender des Fördervereins, ist der Rückgang der Mundart signifikant. Dass es jedoch Bestrebungen gebe, den Dialekt zu erhalten, zeige auch die Mitgliederzahl von fast 1000. Man habe schon mehrfach befürchtet, dass Schwäbische sterbe aus, sagt Wicker und spricht von einer stetigen Veränderung. „Früher konnte man direkt hören, ob einer aus Fronreute oder Lauterbach kommt.“ Heute sei es nicht mehr so leicht. Um den Dialekt weiter zu fördern, bietet der Förderverein Vorträge mit bekannten Schwaben an. „Schließlich haben Lothar Späth oder Dieter Baumann Karriere gemacht – mit schwäbischem Dialekt.“

Vielleicht wird es also in Zukunft nicht mehr viele Menschen geben, die wissen, was „Breschtlingsgsälz“ und „Krumbiere“ sind. Eine Art von schwäbischem Dialekt wird es immer geben. Da sind sich viele Experten einig. Landrat Widmaier gibt Kindern und Jugendlichen eines mit auf den Weg: „Immer so schwätze, wie oim dr Schnabel gwachse isch.“ Mit der Einschränkung, in der Sprache zu sprechen, in der man verstanden wird. Notfalls mit einem Lächeln.

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