Das Café Baur brach alle Tabus

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Die 82-jährige Hildegard Baur mit einem Irish Coffee-Glas (ein legendäres Getränk im Café Baur) und mit einem historischen Bild,
Die 82-jährige Hildegard Baur mit einem Irish Coffee-Glas (ein legendäres Getränk im Café Baur) und mit einem historischen Bild,
Schwäbische Zeitung

Am südlichen Marienplatz ist eine lange Tradition zu Ende gegangen: 45 Jahre nachdem Guido Baur, 1997 verstorbenes Ravensburger Gastronomen-Urgestein und stadtbekanntes Original, ein Hotel Garni eröffnet hatte, hat seine Witwe das gastliche Haus nun für immer geschlossen. Das von den Baurs seit 1985 verpachtete gleichnamige legendäre Café im Erdgeschoss bleibt jedoch bestehen.

Von unserem MitarbeiterGünter Peitz

„Mit 82 Jahren darf man ja wohl in Rente gehen“, wirbt Hildegard Baur bei ihren treuen, teils untröstlichen Gästen um Verständnis dafür, dass nunmehr endgültig Schluss ist. Die zierliche, temperamentvolle alte Dame, der man ihr hohes Alter wirklich nicht ansieht, gehört zu den Mitmenschen, die man einfach mögen muss. Alle Hände voll zu tun hat sie zur Zeit bei der Auflösung des beliebten kleinen Hotels und ihrer Übersiedlung in das Mehrgenerationenhaus an der Weinbergstraße. Und dabei fallen ihr natürlich immer wieder Dokumente und Familienfotos aus vergangenen Zeiten in die Hände, die belegen, dass die Baurs am südlichen Marienplatz weit länger als nur 45 Jahre ein grundsolides Kapitel Ravensburger Gastronomiegeschichte geschrieben haben.

Das hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, allerdings unter anderem Namen. Gasthaus „Zum Kästlinstor“ hieß damals die Wirtschaft an der Ecke Marienplatz und Kohlstraße, gleich bei der Evangelischen Stadtkirche. Sie erinnerte an das abgerissene südliche Stadttor, dessen Steine bekanntlich beim Bau des Kirchturms wiederverwendet worden sind. Die Wirtschaft profitierte unter anderem davon, dass damals etwas weiter nördlich auf dem Marienplatz regelmäßig Viehmarkt abgehalten wurde. Die um die Jahrhundertwende an der Kohlstraße an das Gasthaus angebauten Stallungen – darüber wurden viel später die Fremdenzimmer für das Hotel eingebaut – nutzten die Bauern, um ihr Vieh dort einzustellen. Und dass sie dann auch gleich einkehrten, verstand sich von selbst. Aber auch für die drei Blutreitergruppen Ittenhausen, Jettenhausen und Schnetzenhausen war die Gastwirtschaft mit ihren Ställen lange Jahre ein wichtiger Stützpunkt.

Nizza, London und Monaco

1905 übernahm Fanny Baur, die älteste Tochter des Wirts Augustin Ley, die Wirtschaft und führte sie weiter. Ihr Mann Konrad war Installateur und baute als Mitarbeiter der Firma Wagner unter anderem die Wasserversorgung im Fürstentum Liechtenstein auf. Er starb 1927, als sein Sohn Guido zehn Jahre alt war. Guido Baur lernte in der Gastronomie von der Pike auf. Nach der Ausbildung am renommierten Kurgarten-Hotel in Friedrichshafen zog es ihn in große Häuser, nach Nizza und Monaco und ins Savoy-Hotel in London. Als Soldat blieb ihm nichts erspart, auch den Russland-Feldzug musste er mitmachen. Er überlebte und war nach dem Krieg zunächst wieder im Seehotel Bad Schachen als Oberkellner tätig. Als er schließlich 1950 die Kästlinstor-Gastwirtschaft seiner Eltern übernahm und zum Cafe´ umbaute, verfügte er bereits über große berufliche Erfahrung.

Und so wurde das Cafe´ Baur bald zu einer Ravensburger Institution. Er kannte sie alle, die Pennäler und Studenten, die Väter und Söhne, die Staatsanwälte und Richter vom nahen Landgericht, die bei ihm regelmäßig einkehrten und sich wie in einer großen Familie fühlten. 1953 heiratete er Hildegard Wetzel, die in der Bodensee-Gastronomie gearbeitet hatte und die er dort abwarb. Mit seiner tüchtigen Hildegard, die aus einem Fünf-Töchter-Haus in Staufen im Breisgau stammte, hatte er offenkundig so etwas wie einen Sechser im Lotto gezogen. Jetzt florierte das Cafe´ Baur erst recht.

1956 eröffnete er die ersten vollautomatischen Kegelbahnen in Süddeutschland, gebaut von Mechaniker Erb in Ravensburg. Fortan rollte die Kugel. „Damals war jeden Abend Kegeln, oft schon Mittags“, erinnert sich Hildegard Baur. Stammlokal des Südwest-Fernsehens war das Cafe´ auch, sooft die Fernsehleute in der Oberschwabenhalle zu Gast waren. Und selbstverständlich traf man sich dort nach der Tanzstunde bei Desweemers.

Als Guido Baur und seine Frau in den 50er Jahren das erste Straßencafe´ in Ravensburg eröffneten, rümpften die schaffigen Ravensburger die Nasen. Am helllichten Werktag auf offener Straße ins Cafe´ hocken? Das war ein Tabubruch! Doch der damalige Ravensburger Oberbürgermeister Dr. Albert Sauer dachte ganz anders. Man möge doch, bitteschön, mal nach Frankreich schauen. Dort seien Straßencafes gang und gäbe -- und setzte sich ostentativ bei Baurs auf die Straße.

Für alle Nachtschwärmer war das Cafe´ Baur jahrzehntelang erste Adresse. Auch die Herren Stadträte hielten dort ihre „Nachsitzungen“ ab, kamen aber öfter mit der Polizeistunde ins Gedränge. Was tun? Diese wurde für das Cafe´ Baur kurzerhand von 24 auf 2 Uhr verlängert. Das Markengetränk Guido Baurs war Irish Coffee. Er war eine respektierte Autorität. Wenn er gegen 3 Uhr frühmorgens seinen berühmten „mürrischen“ Gesichtsausdruck aufsetzte, wussten die Gäste, dass sie nun den Heimweg anzutreten hatten.

Enormes Arbeitspensum

Im September 1964, im gleichen Monat, in dem das legendäre Hotel Hildenbrand am Bahnhof für immer dichtmachte, eröffneten Guido Baur und seine Frau zusätzlich zum Cafe´ ihr Hotel Garni in den umgebauten oberen Räumen, das 1969 erweitert wurde. Fortan standen 17 Fremdenbetten zur Verfügung. „Ich hatte die Frühschicht, mein Mann die Spätschicht“, erinnert sich Hildegard Baur an das enorme Arbeitspensum. Zu den Vereinen, die regelmäßig bei ihnen tagten, gehörte auch derRavensburger Yachtclub, 1975 gegründet. Schließlich war Guido Baur dessen Präsident.

Nach dem Tod ihres Mannes 1997 führte Hildegard Baur das Hotel Garni weiter – bis in unsere Tage. Inzwischen hat sie das gesamte Anwesen zum 31. Dezember dieses Jahres an einen Investor verkauft. Die Bruderhaus-Stiftung wird die Hotel-Räume übernehmen und zu altengerechten Wohnungen umbauen. Das Cafe´ im Erdgeschoss wird fortgeführt.

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