Das aufwendigste Festabzeichen aller Zeiten

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Eine historische Postkarte mit der Kuppelnau-Turnhalle im Hintergrund. (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung
stellv. Redaktionsleiter

Constantin Karadimos kann es nicht lassen. Seit Jahrzehnten zeichnet der inzwischen pensionierte Konstrukteur der Berger Firma Rafi für die detailverliebten Festabzeichen des Ravensburger Rutenfests verantwortlich. Rafi ist für die Rutenfestkommission (RFK) ein verlässlicher Partner, ohne diese Unterstützung wäre ein hochwertiges, schönes und dazuhin noch bezahlbares Rutenfestabzeichen nicht realisierbar.

Als „einmalig in seinen Details und Ausprägungen“ bezeichnet der dritte RFK-Vorsitzende Dieter Kiderlen das diesjährige Festabzeichen, das die 1973 abgebrochene Kuppelnauturnhalle zeigt. Und in der Tat: Die einzelnen Dachschindeln und das filigrane Fachwerk sind liebevoll dargestellt, sogar das Fensterglas scheint zu glänzen. Ein Haufen Arbeit und viel Liebe zum Detail scheint in dem Abzeichen zu stecken, und obgleich sowohl bei Rafi als auch bei der RFK bekannt ist, dass Constantin Karadimos in seiner Arbeit Perfektionist ist, überrascht das Ergebnis gleichwohl.

Denn wie gelingt es, ein Gebäude detailecht als aus verflüssigtem Granulat hergestelltes Kunststoffobjekt darzustellen, das seit annähernd 40 Jahren nicht mehr existiert? Sogar Constantin Karadimos war anfangs skeptisch, wie er unumwunden zugibt. Die RFK legte sich erst recht spät auf die Kuppelnauturnhalle als Abzeichenmotiv fest; zudem konnte Karadimos nicht einfach irgendwo hinfahren, um ein bestehendes Haus anzuschauen, zu studieren, zu befühlen. Lediglich ein paar alte Fotografien standen zur Verfügung, hinzu kamen Zeichnungen und Konstruktionspläne aus dem Stadtarchiv, bei denen aber wichtige Detailinformationen wie die Maße des Fachwerks fehlten.

Constantin Karadimos fuhr nach Biberach, die dortige Giglberghalle stammt vom selben Architekten wie die Kuppelnauturnhalle, ähnelt ihr in ihrer Ständerbauweise und ihrer Anmutung sehr. Karadimos schlich lange um das Gebäude, machte Fotos – und sagt heute, im Nachhinein: „Die schwierige Ausgangslage motivierte mich.“

Seit 1967 gibt es die Rutenfestabzeichen in ihrer heutigen Form, lediglich zwischen 1999 und 2002 gab es statt des „Häusles“ eine Ansteckpin. Die Abzeichen wurden im Lauf der Jahre immer aufwendiger gestaltet, immer detailfreudiger, näher am realen Objekt. Die Rutenfestkommission, die das Ravensburger Heimatfest im Auftrag der Stadt veranstaltet, sieht es als ihre Pflicht, die historischen Gebäude, auch nicht mehr bestehende, in Abzeichenform darzustellen. Mit der Kuppelnauturnhalle als Abzeichen 2012 wurde nicht nur ein Gebäude gewählt, das auf dem Heimplatz des Rutenfests, auf der Kuppele, Ort vielerlei Rutenfestdarbietungen war. Sondern auch an ein Haus erinnert, an das sich viele ältere Ravensburger gut und teilweise mit Wehmut erinnern - und sei es nur das Zurückdenken an den Schulsportunterricht.

1878 wurde die Kuppelnauturnhalle erbaut, ihr Abriss erfolgte 1973, um an dieser Stelle die Kuppelnauschule mit Turnhalle zu bauen. Im Dezember 2011, als er mit der dreidimensionalen Rekonstruktion des Gebäudes begann, hatte Constantin Karadimos also nicht viel in der Hand. Kaum waren die ersten Pläne fertig, stellte sich heraus, dass die ungewöhnliche Dachform Rafi vor ein Produktionsproblem stellte. Derart aufwendige Dächer hatte es bei Abzeichen bis dato nicht gegeben, dafür musste die Firma eigens ein neues, teures Werkstück erstellen - eine Entscheidung, die dem langjährigen Rutenfestunterstützer, Rafi-Geschäftsführer Albert Wasmeier, offenbar nicht sehr schwer fiel. „Das, was wir jetzt gemacht haben, ist das Maximum an Technologie, was noch bezahlbar ist“, sagt er.

Vier Monate in Vollzeit verbrachte Constantin Karadimos mit der Rekonstruktion des Hallengebäudes und der Fütterung der Robotermaschinen mit all den Detailinformationen, um letztlich ein möglichst perfektes Produktionsergebnis zu bekommen. Karadimos arbeitete mit Akribie, er sagt, „ich bin Konstrukteur, ich sehe es als meine Pflicht an, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.“

Aber macht diese Arbeit, bei aller Pflichterfüllung, nach all den Jahren überhaupt noch Spaß? Constantin Karadimos nickt. „Es macht mir Spaß, und ich bin stolz, dass ich diese Arbeit machen darf. Wenn ein Abzeichen fertig ist, dann freue ich mich schon auf das nächste“, sagt er. Und verrät letztlich, was ihm zudem Genugtuung verschafft: „Ich freue mich auf das Rutenfest, wenn ich da unterwegs bin und sehe die Menschen, die das Abzeichen tragen.“

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