Da bleibt kein Auge trocken – vor Lachen

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Das „Concerto SCHERZetto” macht richtig gute Laune mit ihrem Mix aus Klassik und Comedy im Konzerthaus.
Das „Concerto SCHERZetto” macht richtig gute Laune mit ihrem Mix aus Klassik und Comedy im Konzerthaus. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Die Damen und Herren des Orquestra de Cambra de L’Empordà haben den gängigen Konzertbetrieb kräftig aufgewirbelt. So gut wie nichts blieb am Donnerstagabend im Konzerthaus an seinem Platz. Weder die zwölf Solisten auf der Bühne noch die Besucher im ausverkauften Saal. Das „Concerto SCHERZetto“ hat mit seinem Mix aus Comedy und Klassik unter der Leitung von Jordi Purtí quer durch alle Altersstufen beflügelt – und das mit ungeheuren Witz und Charme und zugleich professioneller Instrumentierung.

Über 250 Aufführungen hat das in Barcelona ansässige Ensemble seit 2014 mit seinem Concerto Scherzetto bereits absolviert. Nun standen sie unter der Konzertdirektion Landgraf auf der Konzerthausbühne, die sie über zwei Stunden lang in alles andere als in einen klassischen Auftrittsort verwandelten. Auch wenn musikalische Dauerbrenner von Johann Strauss, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert über Antonio Vivaldi und Ludwig van Beethoven bis hin zum Metro-Goldwyn-Mayer-Medley aufs Trapez kamen, erfuhren diese nach kürzester Zeit ungeahnte Wandlungen.

Den Auftakt machte Vittorio Montis „Csárdás“ als Violinsolo quer durch den Saal hin zur Bühne, auf der sich das Ensemble frontal auf Stühle platziert hatte und eine Klatsch-Performance inszenierte. Quasi zum Warmlaufen. Flugs packten sie sich ihre Instrumente, die griffbereit am Boden lagen. Kontrabass, Violoncelli, Bratschen und Violinen hoben zu Ungarischen Tänzen und Kleiner Nachtmusik an. Eigentlich nicht weiter ungewöhnlich.

Wo der Dirigent bleibt bei all dem Chaos

Doch kaum gesagt, schon geschehen, bis der erste vom Stuhl kippt und sich ein Cello ungebührend laut zu Wort meldet. Eine aufgeregte Geigerin das Spielfeld betritt, doch kein Sitzplatz mehr frei ist. Sie sich also einen zu erkämpfen versucht, was sich zu einer Art „Reise nach Jerusalem“ steigert. Bloß wo ist der Dirigent? Gibt es ihn überhaupt? Jordi Purtí sitzt mitten unter ihnen, getarnt mittels Haarperücke. Als diese hochfliegt, betritt er das Pult.

Genau genommen ist er kein „echter“ Dirigent. Jahrelang habe der wirkliche Orchesterdirigent Carlos Coll den Part inne gehabt, erzählte Purtí in einem Interview. Als dieser 2018 in Rente ging, brauchte es nur noch den Konzertmeister, in dem Fall Naeon Kim, und Purtí, der von Haus aus Schauspieler und Pantomime ist, hat mitgemacht. Und das sehr überzeugend, wenn er sich zu Vivaldis „Frühling“ in die Loge verdrückt und sein Orchester machen lässt.

Der Cellist wie wild die Saiten schrubbt und daraus ein Tango entsteht, das sich zu „Freude schöner Götterfunken“ aufbauscht. Das ist kein Klamauk, sondern von Purtí bis ins letzte Detail durchstrukturiert. Da sitzt jede Pointe, andernfalls hätte das Publikum nicht diesen ausgelassenen Spaß gehabt. Der erreichte bei Schuberts „Ave Maria“ einen seiner Höhepunkte. Ein unwirscher Geiger das schleichende Tempo nicht länger erträgt und das dem Dirigenten ziemlich sportlich klar macht. Bis der Taktstock laut knackend entzwei bricht und beide nach ihrer Façon dirigieren. So kann’s auch gehen. Konzertmeister Kim hat früher Kampfsport betrieben, was am Abend zu immer neuen überaus beweglichen Einlagen führte, denn zieht man ihm den Stuhl unter dem Hintern weg, bleibt er locker in Sitzhaltung.

Äußerst lustvoll und alles ohne Worte

Eine tolle Show und eine große Gaudi gepaart mit viel musikalischem Können lauteten die Eindrücke aus dem Publikum. Das wiederum durfte nicht nur zuschauen, sondern auch mitmachen. Auf der Bühne kurzerhand die Plätze des Ensembles einnehmen und so tun, als ob es Beethovens „Hymne an die Freude“ spielen könnte. Äußerst lustvoll und bestens ohne Worte ging es auch im Film-Medley quer durch Kassenknüller wie „Casablanca“ und „Superman“ über „Titanic“ und „Jurassic Park“ hin zu „Psycho“ und „Ghostbusters“ zu. Im Zeitraffer und mit darstellerisch-komischen Glanzleistungen. Diese gipfelten im Finale, klassischerweise der „Radetzky-Marsch“, einmal weniger im einvernehmlichen Mitklatschen. Nein, das Concerto Scherzetto studierte mit dem Publikum einen eigenen Rhythmus ein. Witzig und originell. Nicht minder originell war ihr Abgang hinaus ins Foyer, wo sie weiter spielten zur Freude von allen.

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