Christen feiern 500 Jahre Reformation

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Tillmann Schlüter (links), gewählter Vorsitzender der Stadtkirchengemeinde, und Pfarrer Martin Henzler-Hermann waren an den ökum
Tillmann Schlüter (links), gewählter Vorsitzender der Stadtkirchengemeinde, und Pfarrer Martin Henzler-Hermann waren an den ökumenischen Reformationsfeiern in St. Gallen und Ravensburg beteiligt. (Foto: Blöchinger)
Maria Anna Blöchinger

Evangelische und katholische Christen sind am 1. September gemeinsam nach St. Gallen gefahren, um mit den Schweizern 500 Jahre Reformation zu feiern. Ähnlich wie im letzten Jahr in Ravensburg ist die ökumenische Aktion „Brot und Wein“ ein Höhepunkt des Programms, allerdings fünf Tage lang. Am 19. Oktober soll in Ravensburg eine Feier in der Evangelischen Stadtkirche Reformation und Ökumene erneut stärken.

Der Kanton St. Gallen feiert das 500-jährige Jubiläum von 5. November 2017 bis 4. November 2018. Tillmann Schlüter, gewählter Vorsitzender der Stadtkirchengemeinde, erzählte im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ von der Gruppenfahrt mit Zug, Fähre und Bus, die trotz Regenwetter ein bewegendes Erlebnis gewesen sei. In St. Gallen führte Pfarrer Henzler-Hermann durch die Stadt. „St. Gallen wurde 20 Jahre vor Ravensburg evangelisch“, wusste er unter anderem. Katholisches Kloster und reformierte Stadt trennten fortan eine Mauer, die sogenannte Schiedmauer. Jetzt aber begegneten sich der evangelische Kirchenpräsident und der katholische Bischof und überwanden die Trennung symbolisch in einer Umarmung.

Konfessionsverbindende Tafel

Auch in St. Gallen verband ein langer Tisch der Aktion „Brot und Wein“ die Gotteshäuser der beiden Konfessionen. Tischtücher, auf denen der ganze Bibeltext abgedruckt war, bedeckten die lange Tafel. „Ja, der gesamte Bibeltext, altes und neues Testament“, bekräftigt Pfarrer Henzler-Hermann. Die konfessionsverbindende Tafel hatte man in St. Gallen vom 28. August an nach und nach aufgebaut. Wegen des Regens schützten am Samstag, 1. September, weiße Pavillons die Tische und Bänke. Tillmann Schlüter hob die täglichen Tischgespräche hervor. Am Samstag diskutierte man dabei unter anderem über die Fragen: „Was für eine Rolle spielt die Reformation in meinem Leben?“ oder „Wo bräuchte es heute eine Reformation?“ Tillmann Schlüter findet, dass die Gesprächskultur in unserer digitalen Welt eine Reformation nötig habe.

„Die Reformation muss man ökumenisch feiern!“, davon ist Pfarrer Henzler-Hermann überzeugt. „Kirche ist gemeinsam unterwegs.“ Der Pfarrer, für den die ökumenische Bewegung von Taizé eine geistige Initialzündung gewesen war, betrachtet den fortdauernden innerkirchlichen Streit der Christen als Skandal. Für viele Protestanten ist es offenbar sehr verletzend, offiziell von der Eucharistiefeier ausgeschlossen zu sein. Er lade regelmäßig alle zum Abendmahl ein, betonte Martin Henzler-Hermann. „Wenn ich Abendmahl feiere, ist es nicht weit weg von einer Eucharistiefeier. Auch Luther hat an die Realpräsenz geglaubt“, sagte der lutherisch-evangelische Pfarrer. Tillmann Schlüter meinte: „Statt uns zu streiten, müssen wir Christen froh sein über jeden Gläubigen. Wo wir uns zurückziehen, lassen wir nur Raum für esoterische Beliebigkeit und lebensfeindlichen Materialismus.“ Die „Ravensburger Erklärung“ vom 8. Oktober 2017, in der sich Ravensburgs Evangelische und Katholische gegenseitig zu Eucharistie und Abendmahl einladen, habe allerdings niemand offiziell widerrufen, versicherte Martin Henzler-Hermann. Am 19. Oktober soll eine Feier in der Evangelischen Stadtkirche mit der Gruppe „Vom Trennen zum Teilen“ und Theodor Pindl die Ökumene wachrufen.

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