Bundestagsabgeordnete im Facebook-Check

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Über Facebook potenzielle Sympathisanten und Wähler zu erreichen, gehört für viele Politiker mittlerweile zum Tagesgeschäft. Sch
Über Facebook potenzielle Sympathisanten und Wähler zu erreichen, gehört für viele Politiker mittlerweile zum Tagesgeschäft. Schwäbische.de hat die Facebook-Seiten der Abgeordneten aus der Region unter die Lupe genommen. (Foto: Marc Tirl/Archiv / DPA)

Der Bundestagswahlkampf ist im Netz längst auch ein Wettlauf um Fans und Follower geworden. Schwäbische.de hat die Fan-Seiten der Abgeordneten aus der Region unter die Lupe genommen.

Einblicke in die politische Arbeit, Eindrücke von Wahlkampfterminen, aber kaum knallharte politische Debatten und inhaltliche Standpunkte - so präsentieren sich die Bundestagsabgeordneten der Region auf Facebook. Damit gelingt es kaum einem Abgeordneten, eine aktive und diskussionsfreudige Community aufzubauen. Das ergeben Recherchen von Schwäbische.de. Manche Abgeordnete, wie etwa Lothar Riebsamen (CDU) und Annette Groth (Linke, beide Wahlkreis Bodensee) benutzen Facebook-Profile, die eigentlich eigentlich für private Zwecke vorgesehen sind. Und andere - etwa Volker Kauder (CDU, Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen) oder Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU, Wahlkreis Oberallgäu) sind dagegen gar nicht erst vertreten.

Dabei halten einer aktuellen Studie der Universität Hohenheim zufolge Facebook-Nutzer bis 40 Jahre die Interaktion mit Politikern für besonders wichtig. 

Oft nur wenig Interaktionen

Erfahrungsgemäß sei eine Interaktionsrate von ein bis drei Prozent auf Facebook normal, erklärt der Kölner Social-Media-Experte Felix Beilharz. Damit lässt sich ermitteln, wieviele Fans tatsächlich auf Beiträge reagieren, etwa mit Kommentaren oder Likes. Alles, was über drei Prozent liege, sei besonders gut. Diese Werte erreicht allerdings kaum einer der Abgeordneten, deren Facebook-Seiten Schwäbische.de für den Zeitraum 1. März bis  7. September ausgewertet hat. Auf durchschnittlich mehr als 1 Prozent kommen nur Martin Gerster (SPD, Wahlkreis Biberach), Ronja Kemmer (CDU, Wahlkreis Ulm) und Waldemar Westermayer (CDU, Wahlkreis Ravensburg). Die anderen ausgewerteten Abgeordneten liegen teils deutlich unter einem Prozent.

"Besonders viele Interaktionen rufen polarisierende Inhalte hervor, wie sie oft von der AfD und den Linken gepostet werden", schildert Beilharz seine Erfahrungen. Aufmerksamkeit erhielten vor allem Videos und Bilder.

Einer, der häufig mit Videoformaten auf seiner Facebook-Seite experimentiert, ist der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Bareiß (Sigmaringen). Zuletzt ließ er immer wieder Wahlkampfauftritte live streamen - und erzielte damit insgesamt mehr als 20.000 Aufrufe. In ähnlichen Größenordnungen ist sein Parteikollege Roderich Kiesewetter (Wahlkreis Aalen-Heidenheim) unterwegs.

Beide Poltiker haben mit dieser Strategie bislang jeweils mehr als 5000 Fans eingesammelt. Zuletzt außerordentlich stark zugelegt hat die Grünen-Abgeordnete Agnieszka Brugger (Ravensburg), die über Nacht mehr als 3800 Facebook-Fans hinzugewann. Man habe die Freunde, die Brugger auf ihrem privaten Profil gewonnen habe, auf die Fan-Seite umgezogen, heißt es dazu aus ihrem Wahlkreisbüro in Ravensburg. Da sich immer mehr Menschen auf ihrem privaten Profil über ihre Arbeit informiert hätten, habe sie sich schon vor längerer Zeit für diesen Schritt entschieden. "Ich würde nie Social-Media-Fans kaufen", stellt Brugger auf Anfrage klar.

Nicht immer mit fairen Mitteln

Denn tatsächlich ist diese Art der Manipulation mittlerweile auf Facebook weit verbreitet. Der Wettlauf um Fans und Follower wird nicht immer mit fairen Mitteln ausgetragen, weiß Social-Media-Experte Beilharz. Nicht nur Unternehmen und Promis würden zu gekauften Fans greifen, um ihre Seiten aufzuhübschen, sondern auch Politiker. Zuletzt hatte der Bayerische Rundfunk berichtet, dass alle großen Parteien und Spitzenkandidaten ihre Zahlen mit gekauften Twitter-Followern schönen. "Wer das tut, erhofft sich davon ein höheres Ansehen, er will zeigen, dass er mit Konkurrenten mithalten kann", sagt Beilharz. 1000 Fans gibt es im Netz schon für weniger als 20 Euro zu kaufen, das Geschäft boomt. Doch wer Fans für seine Social-Media-Profile kauft, begibt sich auf dünnes Eis. Mehrere Gerichte haben schon entschieden, dass es sich dabei um irreführende Werbung handelt.

Zu erkennen, ob sich eine Seite dieser fragwürdigen Methoden bedient, ist schwierig. "Wenn sich die Followerzahlen schlagartig und ohne erkennbaren Grund verdreifachen, ist das ein Indiz", erklärt Beilharz. Hinweise auf eine Manipulation würden zudem besonders viele Fans aus dem Ausland geben.

Verdächtig seien vor allem Länder wie Brasilien, Indonesien, Indien oder die Türkei. Doch das lässt sich auch verschleiern. Viele Webseiten bieten etwa Pakete nur mit deutschen Fans an, die dann auch noch kontinuierlich in kleinen Dosen die Seiten mit "Gefällt mir" markieren. 

Bundestagsabgeordnete im Facebook-Check

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