BUND: Firmen sollen Gewerbeflächen einsparen

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Gewerbeflächen werden nicht effizient genug genutzt – zu diesem Schluss ist der Landesnaturschutzverband gekommen, der vor kurzem Gewerbeflächen ab fünf Hektar in ganz Baden-Württemberg unter die Lupe genommen hat. Auch in Ravensburg würde man in Gewerbegebieten Platz verschenken. Welche Lösungen der BUND vorschlägt, sehen Sie in einem Bericht von Anna Kratky.

Der Landesnaturschutzverband hat vor Kurzem Gewerbegebiete ab einer Größe von fünf Hektar unter die Lupe genommen. Mit dem Ergebnis: Dort gibt es jede Menge Fläche, die man einsparen beziehungsweise effektiver nutzen könnte – allein im Landkreis Ravensburg 30 Hektar. Indem man etwa die Autos in Parkhäuser oder Tiefgaragen verfrachtet. Ulfried Miller, Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben, appelliert: Auch vor Ort sei es für die Unternehmen dringend geboten, den Flächenverbrauch zu reduzieren. Noch tut sich diesbezüglich allerdings wenig.

Sei es in Ballungsräumen wie Stuttgart längst üblich, mittels Parkdecks in Gewerbegebieten nachzuverdichten, „können auch wir hier unsere Landschaft nicht endlos überbauen“, ist Miller überzeugt. Doch bislang hat lediglich die Zeppelin GmbH in Friedrichshafen vor einigen Jahren für 11 Millionen Euro ein 35000 Quadratmeter großes Parkhaus in der Stadtmitte hingestellt, dessen 1900 Stellplätze sich Mitarbeiter von ZF, Rolls-Royce Power Systems, Zeppelin und weiteren Firmen teilen. Dort gab es im näheren Umfeld allerdings schlichtweg keinen Platz zum Parken mehr. In Ravensburg hingegen „ist der Druck in aller Regel noch nicht so groß, schon gar nicht auf dem Land“, sagt der Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben, Wilffried Franke.

Wohl sei der schonende Umgang mit Grund und Boden im Bundesplanungsrecht verankert, und der Regionalverband dringe auch regelmäßig darauf. Weil man baurechtlich aber keinen Betrieb zum Bau eines Parkhauses verdonnern könne, sieht die Realität anders aus. Beispiel Messe Friedrichshafen: „Da haben wir um jeden Parkplatz gerungen“, erinnert sich Franke. Ein Parkhaus habe die Messe jedoch mit dem Argument abgewiegelt, „das könne sie sich nicht leisten“.

Auf die erheblich höheren Kosten eines Parkhauses weist auch Peter Jany, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben, hin: Zwar sei das „sicher eine gute Möglichkeit, Flächen einzusparen“ – aber das Ganze müsse sich für ein Unternehmen auch rechnen. Und mehrgeschossige Parkdecks oder Tiefgaragen seien eben nun mal „um ein Vielfaches kostenintensiver“ als ein herkömmlicher Parkplatz. Wenn sich mehrere Firmen zusammen tun, um so ein Projekt zu stemmen, und eine Kommune die Koordination möglichst früh in die Hand nehme, kann Jany sich jedoch „durchaus vorstellen, dass das auf Interesse bei den Unternehmen stößt“.

Wie Ravensburgs Baubürgermeister Dirk Bastin versichert, sei man am Thema dran. Allerdings bringt er auch den typischen Zwiespalt einer Kommune auf den Punkt: Gewiss seien Flächen „in unserem schönen Landschaftsraum endlich“. Andererseits „ist die gewerbliche Entwicklung von Bestandsunternehmen und auch Neuansiedlungen für Ravensburg essentiell“. Will sagen: Die Stadt will sich keine Gewerbesteuern entgehen lassen. „Viele Kommunen fürchten, zu restriktiv zu sein“, um im Wettbewerb um Gewerbeansiedlungen nicht den Kürzeren zu ziehen, ist Wilfried Frankes Eindruck.

Dennoch, versichert Bastin, habe die Stadtverwaltung das Thema Flächensparen im Blick. So will man dem Gemeinderat bei der Ausweisung neuer Gewerbegebiete beispielsweise höhere Gebäude oder zentrale Parkhäuser vorschlagen. Eine Nachverdichtung in bestehenden Gewerbegebieten hält der Baudezernent für kniffliger: Hier könne die Stadt allenfalls eine „Ermöglichungskultur“ schaffen – sprich, in Bezug auf Erweiterungen kulant reagieren. Damit ein Betrieb unkompliziert an Ort und Stelle wachsen kann und sich nicht weiter „auf der grünen Wiese“ ausdehnen muss.

„Irre Pendlerströme“

Wobei Ulfried Miller noch ein weiteres Anliegen ins Spiel bringt: Statt sich alle im Raum Ravensburg zu drängeln, sollten Unternehmen sich für Neuansiedlungen besser Aulendorf, Altshausen oder Sigmaringen aussuchen. „Das wäre ökologischer“, denn: „Wir haben irre Pendlerströme ins Schussental“, weiß der BUND-Geschäftsführer. Und setzt sich abgesehen von Nachverdichtung in bestehenden und Parkhäusern in künftigen Gewerbegebieten auch für Photovoltaikanlagen auf Einkaufszentren oder anderen Gebäudedächern ein: „Viele Flächen könnte man doppelt nutzen.“ In Tübingen beispielsweise gäbe es bereits Wohnungen über Einkaufszentren.

Peter Jany wiederum gibt zu bedenken, dass Parkhäuser nicht das Allheilmittel seien. Auch Mobilitätskonzepte, etwa eine gute ÖPNV-Anbindung, könnten das Thema entschärfen. Im Übrigen legten viele Firmen aus Kostengründen großen Einfallsreichtum an den Tag und würden ohnehin „platzsparend und innovativ“ agieren und lieber erweitern als ihren Standort zu verlagern. Auch bei der Stadt Ravensburg macht man sich originelle Gedanken: Da etwa nicht zuletzt viele Vetter-Mitarbeiter auf dem Oberschwabenhallenparkplatz ihre Autos abstellen, könnte die Kommune dort irgendwann ein Parkhaus bauen. Und umliegende Unternehmen, so Bastin, könnten sich dann „an den Kosten beteiligen und für ihre Mitarbeiter Stellplätze reservieren“.

Was BUND-Regionalgeschäftsführer Ulfried Miller sich in Sachen Nachverdichtung in Gewerbegebieten wünscht, sehen Sie im Video unter www.schwaebische.de/gewerbeparken.

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