Bluttat: Getötete wurden obduziert

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Nachdem ein Mann in der Nacht auf Freitag seine Frau und seine beiden Töchter erschlagen hat, werden auch die Einsatzkräfte bet
Nachdem ein Mann in der Nacht auf Freitag seine Frau und seine beiden Töchter erschlagen hat, werden auch die Einsatzkräfte betreut, die nach der Tat am Wohnhaus eintrafen. (Foto: Felix Kästle)
Karin Kiesel

Das Familiendrama am vergangenen Freitag in Untereschach, als ein 53-Jähriger seine Frau und seine beiden Stieftöchter getötet hat, beschäftigt auch Tage nach der Bluttat die Menschen in der Ortschaft Eschach und in Ravensburg. Den Einsatzkräften bot sich ein grauenhaftes Bild vor Ort, für sie ist es besonders wichtig, die Geschehnisse zu verarbeiten. „Stark gebeutelt“ sind nach Angaben von Vitus Graf von Waldburg-Zeil vom Kriseninterventions-Dienst die beiden Rettungsassistenten, die nach der Tat in dem Wohnhaus eintrafen.

Der Krankenhausseelsorger vom Klinikum Westallgäu und Bezirksbeauftragter Oberschwaben beim Malteser Hilfsdienst in Ravensburg kümmerte sich in der Tatnacht um das hinterbliebene fünfjährige Mädchen, das ins Kinderkrankenhaus St. Nikolaus gebracht wurde und nun vom Jugendamt betreut wird. Die beiden Rettungsassistenten, die sie ins Krankenhaus gebracht haben, seien „mitgenommen“ gewesen von den Eindrücken am Tatort. „Das packt alle, so etwas geht nicht spurlos an einem vorbei“, so Diakon Vitus Graf von Waldburg-Zeil.

Das bestätigt auch Uwe Stürmer, Vize-Polizeichef des Konstanzer Präsidiums: „Die Bilder bekommt man nicht mehr aus dem Kopf, das ist klar.“ Wichtig sei ein professioneller Umgang damit, damit sich das Erlebte nicht als Trauma festsetzt.

Den acht Streifenpolizisten aus Ravensburg und Weingarten, die in der Nacht vor Ort waren, sowie den Kriminaltechnikern der Spurensuche, die noch die ganze Woche im Wohnhaus in Untereschach beschäftigt sind, steht ein Polizeiseelsorger zur Seite. Zudem gibt es bei der Polizei speziell geschulte Konfliktberater, die sich um die Einsatzkräfte kümmern.

Die Seele braucht einige Wochen

Wie Polizeiseelsorger Hubert Liebhardt mitteilt, habe es am Montag ein Nachgespräch mit den beteiligten Polizisten gegeben. „Das ist bei Einsätzen von dieser Dimension Routine.“ Den Einsatzkräften gehe es aber so weit gut, sie hätten ihre Arbeit „hervorragend“ gemacht. „Das hilft am meisten, um mit der Situation klarzukommen. Sie haben gut und professionell gehandelt, um ihre Verantwortung in ihrem Beruf zu erfüllen. Belastend wird es besonders dann, wenn eigene Fehler durch die Extremsituation dazukommen.“

In der Traumatologie geht man laut Liebhardt davon aus, dass es vier bis sechs Wochen dauert, „bis die Seele nachkommt“. Das sei in Extremsituationen angesichts der Überproduktion von Adrenalin ganz normal. Polizisten seien aufgrund ihres Berufalltags in der Regel schneller in der Verarbeitung. „Wenn nach sechs Wochen Schlafstörungen bestehen, Konzentrationsschwächen oder andere Beeinträchtigungen, muss man handeln. Sonst wird es gesundheitsgefährdend“, weiß Liebhardt, der als Diakon der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Präsidien Konstanz, Ulm, Reutlingen und Tuttlingen als Polizeiseelsorger betreut.

Für Vize-Polizeichef Stürmer ist es „völlig normal“, dass die Ereignisse den Kollegen nachgehen. Nach vier Wochen werden die betreffenden Polizisten dann einzeln noch mal befragt, wie es ihnen zwischenzeitlich geht und ob sie weitere Hilfen brauchen, erläutert der ehemalige Leiter der Ravensburger Direktion. Das sei eine Frage der Fürsorge gegenüber den Einsatzkräften.

Den Gefühlen Raum geben

Besonders für die Kriminaltechniker, die diese Woche noch damit beschäftigt sind, jede Spur auszuwerten (auch an den Getöteten), seien es schwierige Tage. „Im Einsatzgeschehen funktioniert man nur. Danach muss man den Gefühlen Raum geben“, sagt Stürmer, der selbst eine Stunde nach der Tat anwesend war. Da er zehn Jahre bei der Mordkommission in Stuttgart tätig gewesen ist und schon „viele übel zugerichtete Leichen“ gesehen habe, habe er gute Strategien entwickelt, um grauenhafte Szenen zu verarbeiten. „Ich war am nächsten Tag am Bodensee und habe bewusst abgeschaltet. Das ist wichtig.“

Ebenso das Reden über das Erlebte. Mit Kollegen, Seelsorgern oder Konfliktberatern. Das bestätigt auch Hans-Dieter Schäfer, Klinikpfarrer am Zentrum für Psychiatrie in Weißenau. „Da unterscheidet sich die Seelsorge nicht allzu sehr von der Psychotherapie. Wenn Kinder betroffen sind, ist es hoch belastend.“

In Eschach bei Ravensburg hat in der Nacht zum Freitag ein 53-jähriger Mann seine 37-jährige Frau und seine beiden Stieftöchter mit einem Beil getötet.
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