Berührende Mitmenschlichkeit

Lesedauer: 7 Min
 Krankenschwester und Fachkraft für Trauerbegleitung Michaela Scheffold-Haid leitet bei der Ambulanten Hospizgruppe ein Team von
Krankenschwester und Fachkraft für Trauerbegleitung Michaela Scheffold-Haid leitet bei der Ambulanten Hospizgruppe ein Team von Ehrenamtlichen. (Foto: Maria Anna Blöchinger)
Maria Anna Blöchinger

Für Ursula und Werner Frank bietet der Spaziergang einen Einstieg in das Stadtleben. Damit die vielen, breit gefächerten sozialen Hilfsangebote nicht unbemerkt bleiben, hat Gerd Gunßer von der Diakonie den Spaziergang organisiert. Auch alteingesessene Ravensburger entdecken dabei bisher noch Verborgenes wie die „Ambulante Hospizgruppe“ oder finden Zugang zu schwer Verständlichem wie dem Kontaktladen für Drogenabhängige.

Ursula und Werner Frank sind vor sechs Wochen zugezogen. Diakonie und Kirche sind ihnen amtlich und ehrenamtlich vertraut. Jetzt waren sie gespannt, was auf sie zukommt. Das Ehepaar Rau ging mit, weil sie die CDU eingeladen hat. Im Hinterhof am Haus der Diakonie, einer Einrichtung des Evangelischen Kirchenbezirks Ravensburg, in der Eisenbahnstraße begrüßten Gerd Gunßer und Bürgermeister Blümcke die 40 Teilnehmer zum Spaziergang zu 13 sozialen Einrichtungen. „Nicht um die Zahlen geht es, sondern darum, wie wir uns ergänzen, zusammenarbeiten und Bedürfnisse anerkennen“, sagte Blümcke. Eine Stellwand informierte über die Hilfen der Diakonie von Sozialberatung bis Secondhandläden. „Zu uns kommen Menschen, denen der Monat zu lang, die finanzielle Decke zu kurz ist“, fasste Gunßer zusammen.

Durch Hinterhöfe kamen die Spaziergänger zum Württemberger Hof, dem Dornahof Ravensburg, einer Einrichtung der Arbeits- und Wohnungslosenhilfe im Landkreis Ravensburg. Das vielschichtige ambulante Angebot richtet sich an Frauen und Männer in sozialer Ausgrenzung und Wohnungsnot. Gabriele Weiß gab den Spaziergängern einen Einblick in die Arbeit, bei der es darum geht, die Würde der einzelnen Hilfsbedürftigen zu sehen. Dass Wohnungslosigkeit jeden treffen könnte, ist nicht leicht nachzuvollziehen. Vor dieser bitteren Not möchte man lieber die Augen verschließen. „Wir sind motiviert, weil durch unsere Arbeit viele Personen wieder auf einen guten Weg kommen“, versicherte Gabriele Weiß. „Die Leute kommen in der Regel über Behörden zu uns und können in den benachbarten Werkstätten probeweise Arbeit finden“, beantwortete sie Fragen der Zuhörer.

„Dass es solche Einrichtungen gibt, finde ich klasse!“, sagte Maria Metzler auf dem Weg. Sie kommt von einer Nachbargemeinde, hat aber beruflich hier zu tun und zufällig die Ankündigungen in der „Schwäbischen Zeitung“ gelesen. Die Ambulante Hospizgruppe ist seit Kurzem in der Eisenbahnstraße 40 zu finden. „Wir begleiten schwer kranke und sterbende Menschen“, sagte die Krankenschwester und Fachkraft für Trauerbegleitung Michaela Scheffold-Haid. Ein Team von ausgebildeten Ehrenamtlichen bringe vor allem viel Zeit mit. „Wir kommen nicht von alleine, sondern auf Anruf“, stellte sie fest. Stadträtin Heike Engelhardt freute sich, davon zu erfahren. Im sommerlich grünen Garten der „Arche“, Wohngemeinschaft für Menschen mit und ohne Behinderung, erzählte die Leiterin Franziska Rief vom Gründer Jean Vanier. Im Jahr 1964 als katholische Gemeinschaft entstanden, habe sich die Arche zu einer interreligiösen Bewegung entwickelt. Freiwillige aus 10 Nationen arbeiteten hier zusammen und trügen nebenbei zur Völkerverständigung bei.

Vier Einrichtungen, die psychisch kranke Menschen bei der Lösung ihrer Probleme unterstützen und sie betreuen, stellten sich gemeinsam in der Eisenbahnstraße 30 vor: Anode, ZfP, Arkade und Bruderhaus-Diakonie. Was die Mitarbeiter dieser Einrichtungen heute leisten, machte Andreas Weiß mit einer Skizze der geschichtlichen Entwicklung deutlich. Erst seit dem Jahr 1975 stellte eine Untersuchung, die sogenannte Psychiatrie-Enquete, Grundsätze für den Umgang mit psychisch kranken Menschen auf. Statt furchterregenden Anstalten, sollten menschliche, wohnortnahe, kleinteilige, wenn möglich ambulante Angebote psychisch kranken Menschen zur Verfügung stehen. Obwohl Vögel zwitscherten und Maschinen lärmten, folgte das Ehepaar Frank unermüdlich aufmerksam den Ausführungen. „Man muss sich konzentrieren, sonst bekommt man nichts mit“, sagte der Pfarrer im Ruhestand Werner Frank. Spaziergangsleiter Gerd Gunßer wachte über die genau vorgegebenen Redezeiten. Dennoch wurde es ein wenig später als geplant. Der Tafelladen wird später schon geschlossen haben. Im Herbst will die Diakonie die Veranstaltung wiederholen.

Ein ungewöhnliches Bild ergab die Spaziergruppe, als sie sich im Kontaktladen für Drogenabhängige dankbar auf den bequemen Sitzgelegenheiten niederließ. Nach der regulären Besucherzeit kümmerten sich Tobias Hertenstein und Jessica Burg nun um den Wissensdurst der anderen Gäste. Die niederschwellige Drogenarbeit bietet praktische Alltagshilfen an. „Konsumiert werden darf hier nichts“, antwortete Tobias Hertenstein auf eine Frage. Neben der Preisliste hingen hinter der Theke die Hausregeln. „Warum werden Konsumenten harter Drogen unterstützt?“, fragte ein Besucher, als man wieder draußen war. Wieder geht es um die unverlierbare Menschenwürde, aber auch um Leben und Tod. Auch wenn Drogenabhängige nicht von der Nadel loskommen, finden sie hier menschliche Zuwendung und eine saubere Spritze. Erfolgsgeschichten sind in jedem Fall die Secondhand-Kleiderläden vom Roten Kreuz und von Patchwork in der Herrenstraße. „Die zwei ökumenischen „Patchwork“-Läden machen jährlich einen Umsatz von 150 000 Euro“, berichtete Monika Braun den staunenden Flaneuren. Nach Abzug aller Unkosten und Steuern können sie 60 000 Euro für andere Hilfseinrichtungen spenden.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen