Bedrückende Szenen einer Fluchtgeschichte

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Museumsleiterin Ute Stuffer (im Bild) eröffnet den Videofilm „Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)“ von Hiwa K. in der Serie
Museumsleiterin Ute Stuffer (im Bild) eröffnet den Videofilm „Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)“ von Hiwa K. in der Serie “Projektionen” im Kunstmuseum. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Der Videofilm „Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)“ von Hiwa K. im Rahmen der „Projektionen“ im Kunstmuseum Ravensburg, Burgstraße 9, dauert bis 19. August. Die Ausstellung ist von dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

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Mit dem dritten Film in der Reihe „Projektionen“ stellt das Kunstmuseum Ravensburg eine weitere Facette der Erinnerung vor. „Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)“ nennt sich das 18-minütige Werk des irakisch-kurdischen Künstlers Hiwa K. Es ist mehr als nur ein Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsproblematik, geht der international renommierte Film- und Installationskünstler das Thema doch aus einer ungewohnten Perspektive an. Museumsleiterin Ute Stuffer eröffnete am Donnerstagabend die Projektion im Foyer des Kunstmuseums.

Auf der documenta 14 in Athen und Kassel avancierte er zu einem der Lieblingskünstler des Publikums. Das vor allem mit seinem aus 60 Röhren gestapelten Kunstwerk vor dem Fridericianum, ausgestattet mit Möbeln und überlebenswichtigen Dingen. Eingerichtet von Kasseler Studenten als „provisorische Behausung“, als temporärer Schlafplatz. Er sei die Entdeckung des Sommers 2017, stellte Ute Stuffer den 1975 in Sulaimaniyya in Kurdistan geborenen Hiwa K. vor.

2015 auf der Biennale in Venedig vertreten, erhielt er 2016 den Arnold-Bode-Preis und den Kunstpreis der Schering Stiftung. In Athen war er 2017 parallel mit seinem „One Room Apartment“ vertreten. Seit 20 Jahren lebt er in Deutschland, seit acht Jahren in Berlin. In dem 2017 gedrehten Videofilm blickt er auf seine Flucht aus dem Nordirak zurück. Sie führte ihn über die Türkei und Griechenland nach Italien. Er rekonstruiert seine Fluchtroute in Teilabschnitten, aber nicht einfach so.

Alles eine Frage der guten Balance

Während sich auf der überdimensionalen Projektionsfläche im Foyer eine grün bewaldete Landschaft eröffnet, beginnen Hiwa K.’s Hände an einer Metallstange herumzuschrauben. Befestigt sind oben eine Reihe von Motorradspiegeln. Derart, dass sie ihm erlauben, bis zu acht Perspektiven auf einmal im Blick zu behalten. Sobald er sich den Stab auf den Nasenrücken setzt und losläuft. Anfangs will man nicht recht glauben, dass dieser ungeheure Balanceakt quer durch hügelige Gebiete, über hohe Talbrücken und Hafengelände gelingen kann. Unsicher, tastend und schwankend bewegt er sich vorwärts, beständig den Blick nach oben hin zu den Spiegeln gerichtet, die dem Betrachter nur sehr vereinzelt Einblicke gewähren.

Zugleich erzählt Hiwa K. seine Fluchtgeschichte in englischer Sprache, die am unteren Bildrand ins Deutsche übersetzt ist. Diese drei Komponenten aus Sehen, Hören und Lesen machen es anfangs schwer, will man alles zugleich wahrnehmen. „Pre-Images“ (Urbilder) bringen das Bruchstückhafte zum Ausdruck. Sie beleuchten einzelne Stationen dieser Fluchtroute, die eine Gruppe aus 53 Leuten 180 Kilometer durch Griechenland führte. Des Nachts und in ständiger Angst, von der griechischen Polizei entdeckt zu werden.

„Der Punkt meiner Ankunft sind meine Füße“ oder „Ich ging im Gehen auf“ sind poetisch tönende Sätze, die zugleich das Ausmaß an Entwurzelung anzeigen. Hiwa K. ist ein Suchender, der findet. Wenn er im Hafen von Patra ankommt, nachdem er drei Wochen in Röhren geschlafen hatte. In der Hoffnung, dass endlich einer der Lkw auf eines der großen Schiffe fahren und ihn als blinden Passagier einschleusen würde. An dieser Stelle verdunkelt sich die Bildfläche und er wechselt in seine Muttersprache über.

Wohin fährt das Schiff und was, wenn es niemals ankommt, sind ihn begleitende existenzielle Fragen. „Wenn man blind ist, ist man gehorsam“, schlussfolgert der Eingeschlossene, bevor er in einem neblig verhangenen italienischen Hafen an Land kommt. Die Erinnerung an die Überfahrt ist eine der bedrückendsten Szenen, vermittelt durch das Schwarz und die Muttersprache. „Es gibt wenige Künstler, die auf so vielfältige Weise von dem Umbruch des Lebens berichten“, würdigte Ute Stuffer das Werk von Hiwa K.

Der Videofilm „Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)“ von Hiwa K. im Rahmen der „Projektionen“ im Kunstmuseum Ravensburg, Burgstraße 9, dauert bis 19. August. Die Ausstellung ist von dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

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