(Foto: Felix Kästle)
Kerstin Schellhorn

„Nazis raus, ...!“ Das ist der Wahlspruch der Elektro-Punk-Band Jennifer Rostock, der einen nicht ganz jugendfreien Nachsatz hat und den Sängerin Jennifer Weist am Ende jedes Konzerts dem Publikum entgegen schreit – ein Plädoyer für die Liebe zwischen den Menschen und gegen rechte Gewalt. Nie war es wohl so passend wie am Samstagabend, als das Festival „Oberschwaben ist bunt“ über die Bühne der Oberschwabenhalle ging.

Jedes Jahr gedenkt die Stadt Ravensburg gemeinsam mit dem Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und der Ermordung behinderter Menschen im Dritten Reich. „Zu diesem Gedenktag kommen aber hauptsächlich Menschen aus der Generation 50 Plus“, sagt Made Höld. „Das kann es nicht sein“, habe er sich gedacht und „Oberschwaben ist bunt“ aus dem Boden gestampft.

Ein Jahr Vorbereitung

Ein Jahr lang hat er das Festival vorbereitet und schließlich auch das Jennifer-Rostock-Management davon überzeugen können, dass sich ein Auftritt in Ravensburg lohnt. Dass sich junge Leute mit den Themen Rechtsextremismus und Euthanasie beschäftigen, wolle er erreichen. Deshalb habe er ein Zugpferd gesucht, das dazu passt. „Jennifer Rostock haben sich schon immer klar zu dem Thema positioniert“, erklärt Höld.

Doch nicht nur Oberschwaben ist bunt, das Line-up des Festivals war es ebenso: Der Ulmer Kabarettist Muhsin Omurca hat türkische Wurzeln, erzählte von seinem Einbürgerungstest und bezeichnete sich selbst als „beschnittenen Deutschen“. Die „Companie Paradox“ – eine Theatergruppe, die aus behinderten und nicht-behinderten Menschen besteht – zeigte einen kleinen Ausschnitt aus ihrer Arbeit. Und die Münchner Band Marathonman, die derzeit mit Jennifer Rostock durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourt, brachte besten klassischen Punkrock auf die Bühne – ein Genre, das seit jeher brauner Ideologie die geballte Kraft elektrischer Gitarren entgegensetzt.

Doch leider war die Oberschwabenhalle, die ohnehin schon auf die „Clubversion“ verkleinert worden war, halb leer geblieben – trotz ambitionierter Botschaft und trotz vielversprechendem Programm. Besonders Kabarettist Muhsin Omurca hatte es schwer, sich zwischen der AC/DC-Coverband Powerage und Marathonman beim Publikum Gehör zu verschaffen. Obwohl er auf sehr unterhaltsame Art versicherte, dass man als Türkisch-sprechender Mensch ohne die Artikel der, die und das gut leben könne, reagierten die Zuschauer nur verhalten.

Auch der Impulsvortrag von Jochen Tenter, dem stellvertretenden Ärztlichen Direktor des ZfP Südwürttemberg, zum Thema Euthanasie fand nur wenig Aufmerksamkeit. Das an eine Videoleinwand projizierte Bild des mit Hakenkreuzen beflaggten Ravensburger Marienplatzes, der zu Zeiten des Dritten Reiches noch Adolf-Hitler-Platz hieß, sorgte aber doch für aufgeklappte Münder und große Augen.

Oberbürgermeister Daniel Rapp sprach in seiner Begrüßungsrede von den 691 Menschen, die in Ravensburg während des Zweiten Weltkrieges der Euthanasie zum Opfer fielen. Darüber hinaus warnte er davor, Gedenktage und die damit verbundenen Rituale zur Gewohnheit werden zu lassen. Besonders mit seinem Schlussatz erntete er großen Applaus: „Egal ob Schwarze, Weiße, Dicke oder Dünne – wir sind ein weltoffenes, tolerantes Oberschwaben.“

Das Publikum mitzureißen, verstanden jedoch vor allem die Musiker des Abends. Nachdem Moveo aus Linz mit ihrem sanften, chilligen Mix aus Hip Hop, Rock und Elektro die Aufwärmrunde bestritten hatten, stürmten Powerage die Bühne. Die fünf Oberschwaben bezeichnen sich selbst als die authentischste AC/DC-Coverband in der Musiklandschaft – und das sind Sie auch. Ungekünstelt, sympathisch, meisterlich – neben Jennifer Rostock ganz klar der Höhepunkt des Festivals.

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