Baupreise bringen Städte ans Limit

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Bauindustrie stößt an ihre Grenzen
Beim Bauen herrscht in der Region absolute Hochkonjunktur. Doch selbst die Bauwirtschaft, die eigentlich davon profitiert, leidet darunter.
crossmedia Volontär

Langsam hebt sich die Schaufel des Baggers über den offenen Kanal. Dann öffnet sie sich und lässt eine Fuhre Sand hineinfallen, während ein Bauarbeiter mit Drei-Tage-Bart den Vorgang überwacht. In der Allmandstraße in Ravensburg wird gebaut. Auf den ersten Blick sieht hier nichts teuer aus. Ist es aber - und zwar enorm. Sogar der Sand. Die Bauwirtschaft läuft auf Hochtouren in sämtlichen Bereichen. Das wird für Städte und Gemeinden zum Problem. Öffentliches Bauen ist so teuer wie noch nie.

Immer öfter müssen Ausschreibungen für Bauvorhaben wieder aufgehoben werden, weil sie nicht wirtschaftlich sind. Das Budget reicht schlicht nicht. Wenn überhaupt ein Angebot abgegeben wird. Denn die Auftragsbücher der Bauunternehmer sind für die nächsten anderthalb Jahre voll.

„Wir haben derzeit zum Teil Angebote, die sich binnen eines Jahres bei den gleichen Leistungen um 40 Prozent verteuert haben“, berichtet Ravensburgs Baubürgermeister Dirk Bastin. Bei einem begrenzten Haushaltsbudget bedeutet das zwangsläufig, dass nicht mehr alle geplanten Projekte umgesetzt werden können. Laut Angaben aus dem Technischen Rathaus waren zum Beispiel 200 000 Euro im Haushalt vorgesehen, um vier bis fünf Bushaltestellen in Ravensburg barrierefrei umzubauen. Tatsächlich reichen wird das Geld für zwei bis drei.

Dass Bauen in den letzten Jahren immer teurer geworden ist, hat eine Menge Gründe. Die Preise für Baustoffe sind auf Rekordhoch. Gleichzeitig ist die Entsorgung von Baumaterial längst ein eigenständiges Problem, weil viele Deponien an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt sind.

So teuer wie es Städte und Gemeinden darstellen, sei es dann aber doch nicht, sagt der stellvertretende Kreishandwerksmeister Otto Birk. Er ist Geschäftsführer von zwei Bauunternehmen, seit 35 Jahren im Geschäft. Und wenn er einen Bauhelm trägt, dann tut er das mit Stolz. 40 Prozent Preissteigerung seien nicht realistisch, sagt er. Von behördlicher Seite aus würde einfach häufig falsch kalkuliert. Schwierigkeiten, die bei einem Bauprojekt auftreten können, würden beispielsweise nicht einberechnet. Außerdem gäbe es noch einen weiteren ganz simplen Grund, erklärt Otto Birk: „Wenn die Kosten zu hoch sind, stimmt die Gemeinde nicht zu. Wenn man aber niedrig kalkuliert, dann wird es umgesetzt.“ Natürlich sei dann der Aufschrei im Nachhinein groß beim Blick auf die Kostensteigerung.

Stimmen aus der Bauindustrie verweisen außerdem darauf, dass Behörden zum Teil selbst schuld an einem der größten Kostenfaktoren sind. Der Vorwurf: Ausufernde gesetzliche Vorgaben. Das findet auch Birk. Schon sein Großvater war auf dem Bau tätig. Der hätte sicherlich kein Verständnis mehr dafür, wenn er wüsste was es heutzutage beim Bau alles zu beachten gäbe, sagt Otto Birk und nennt ein Beispiel: „Ich bring mal die Energieeinsparverordnung, die ständig geändert wird. Da sprach man mal davon, dass das Bauen dadurch zwei bis drei Prozent teurer geworden ist. Ich würde sagen, das liegt deutlich über zehn Prozent. Nur durch diese Verordnung.“

Ein anderes Beispiel sind Auflagen durch den Brandschutz. In Ravensburg wird man sich schaudernd an die Sanierung des historischen Rathauses erinnern. 1,8 Millionen Euro waren für die Brandschutzmaßnahmen veranschlagt worden. Am Ende wurden es 4,3 Millionen.

Baubürgermeister Bastin gibt zu bedenken, dass diese Vorgaben aber durchaus einen Sinn haben: „Wir haben in Deutschland eine hohe Qualität im Bau. Und das ist gut so, denn am Ende baut man nachhaltig.“ Was entsteht, solle auch halten. „Seien das Straßen ,da reden wir von 40 Jahren, bei Hochbauten teilweise von 80, 100 Jahren. Deswegen bin ich der Meinung, bauen dürfte nicht unbedingt billiger werden.“ Außerdem kann der Baubürgermeister argumentieren, dass Gemeinden sowieso antizyklisch investieren sollten. Er hofft darauf, dass sich die Lage in absehbarer Zeit entspannt. „Vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass die Kommunen, das Geld, das sie zurückgestellt haben für Projekte, dann wieder investieren und auch Unternehmen stützen können.“ Bis mindestens 2020 sagen Prognosen weiter Konjunkturwachstum voraus. Allein das Stichwort Wohnungsnot dürfte Erklärung genug sein.

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