Ausländeranteil in der JVA Ravensburg steigt

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Thomas Mönig ist seit fünf Jahren der Leiter der JVA Ravensburg.
Thomas Mönig ist seit fünf Jahren der Leiter der JVA Ravensburg. (Foto: SZ-Archiv)
Crossmediale Redakteurin

Die Justizvollzugsanstalt in Ravensburg hat kaum noch Platz für weitere Gefangene. 400 Häftlinge sind dort derzeit im geschlossenen Vollzug untergebracht, 84 im offenen Vollzug. JVA-Leiter Thomas Mönig spricht von einer „Schmerzgrenze“. Denn nicht nur die Unterbringung stellt die Anstalt vor eine Herausforderung, sondern auch die komplexer gewordene Betreuung der vielen Gefangenen.

Über die Jahre verzeichneten die Justizvollzugsanstalten sinkende Gefangenenzahlen. In der JVA Ravensburg war die Entwicklung eine andere: Mal nahmen die Zahlen ab, dann wieder zu. Phasenweise kam es sogar zu Überbelegungen. Dieses Problem hat sich seit der Flüchtlingszuwanderung verstärkt. Ein Drittel der Insassen in Ravensburg sind mittlerweile Ausländer, 40 Nationen sind vertreten. Zum Vergleich: Der Ausländeranteil in Deutschland liegt bei zehn Prozent (Stand 2015). Laut Mönig gibt es eine logische Erklärung dafür: „Ausländer sind per se nicht krimineller“, betont der JVA-Leiter. Sie würden allerdings schneller in Untersuchungshaft kommen. „Flüchtlinge haben hier selten soziale Bindungen und die Fluchtgefahr ist bei ihnen größer“, sagt Mönig.

Wegen des steigenden Belegungsdrucks wird in Ravensburg die Frauenabteilung aufgelöst (die SZ berichtete). Die 14 Frauen werden großteils nach Schwäbisch Gmünd verlegt. Die frei werdenden Räume nutzt die JVA Ravensburg dann für den Männervollzug. Ob angesichts dieser Entwicklung nicht ein Anbau nötig wäre? „In Ravensburg ist aktuell nichts geplant“, meint Mönig. Allerdings werde die Räumlichkeitsdebatte im ganzen Land geführt. „Wo Haftplätze eingerichtet werden, wird zentral entschieden“, so der Ravensburger Anstaltsleiter. „Dabei liegt die Schwierigkeit darin, dass einerseits die Entwicklung der Gefangenenzahlen nicht kalkulierbar ist, andererseits aber Haftplätze nur mit einem großen organisatorischen Vorlauf geschaffen beziehungsweise mit einem hohen Kostenaufwand bereitgehalten werden können.“

Viele der Häftlinge in Ravensburg sind junge Männer im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Laut Mönig spiegelt das die gesellschaftliche Situation wider. Ein Schwerpunkt liegt in der hiesigen JVA auf dem Heranwachsenden-Vollzug. Hierunter fallen Häftlinge, die bei Strafantritt jünger als 24 Jahre waren oder die aus dem Jugendvollzug herausgenommen werden. 200 heranwachsende Gefangene leben in der Anstalt. „Für sie gibt es ein breites schulisches Ausbildungs- und Qualifizierungsangebot“, beschreibt Thomas Mönig.

Dienst im Sinne der Gesellschaft

Überhaupt sei es eine zentrale Aufgabe einer Justizvollzugsanstalt, die Insassen auf ein Leben „draußen“ vorzubereiten, so Mönig. Im Fachjargon heißt das „Resozialisierung“. „Die hiesigen Gefangenen werden entlassen, wohnen irgendwo, arbeiten irgendwo“, zählt Mönig auf. Im Sinne der Gesellschaft müsse man die Weichen dafür stellen. Dazu gehöre nicht nur eine schulische oder berufliche, sondern auch eine soziale Komponente. „Wir betreiben eine individuelle Persönlichkeitsbildung im umfassenden Sinne“, sagt Mönig. Ihm ist es wichtig, dass die Zusammenarbeit mit dem Häftling „offen und ehrlich“ abläuft und die Anstaltsmitarbeiter eine Vorbildfunktion einnehmen. Jedoch muss er auch eingestehen: „Die Zahl der Gefangenen, die das zu schätzen wissen, nimmt ab.“

Die Krux: Die Aufgaben einer JVA werden zunehmend komplexer. Und die Komplexität bindet Ressourcen. „Die Erledigung der Kernaufgaben, also die Arbeit mit den Gefangenen, wird schwieriger“, schildert der Ravensburger Anstaltsleiter. So kämen Fragen dazu, die sich vor 30 Jahren so nicht gestellt hätten – Fragen der Sicherheit und der Organisation. „Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Durch Smartphones, die in die JVA geschmuggelt werden, haben die Gefangenen unkontrollierte Kontaktmöglichkeiten“, so Mönig. Ebenso verhält es sich mit geschmuggelten Drogen: Sie konterkarieren die Anstrengungen, dass ein Häftling sein Suchtproblem in den Griff bekommt. Ein noch engmaschigeres Sicherheitsnetz ist laut Mönig aber keine Lösung. „Es ist unmöglich, alles lückenlos zu kontrollieren“, meint er.

Der Fall Anis Amri

Wie Mönig sagt, würden die Erwartungen außerhalb und die Realität innerhalb von Gefängnissen oftmals auseinanderklaffen. „Nicht alles, was man sich vorstellt, ist tatsächlich auch machbar“, beschreibt er das Problem. Ein solcher Fall sei der Berlin-Attentäter Anis Amri gewesen, der in Ravensburg kurzzeitig in Sicherungshaft saß (die SZ berichtete). Viele Menschen verstanden nicht, wieso Amri wieder freikam. „Darauf haben wir als JVA überhaupt keinen Einfluss“, erklärt Mönig, „wenn die Entlassungsanordnung kommt, müssen wir einen Häftling laufen lassen.“

Ein anderer Fall, der „draußen“ für Unverständnis sorgte, war der Selbstmord des mutmaßlichen Dreifachmörders von Untereschach, der sich im August in der Toilette seiner Zelle erhängt hat. Manch einer fragte sich: Wie konnte das passieren? Mönigs Antwort: „Unsere Möglichkeiten sind begrenzt.“ Ohne konkrete Anzeichen für eine akute Suizidgefahr könnten keine massiven Eingriffe wie die Unterbringung in einem besonders gesicherten Haftraum oder die engmaschige Kontrolle bei Nacht angeordnet werden. „Diese Komplexität der Dinge findet sich in der öffentlichen Wahrnehmung leider nicht wieder“, bedauert Mönig.

Weniger Ausbruchsversuche

In der JVA Ravensburg kommt es selten zu Ausbruchsversuchen, in der Sprache der Haftanstalt „Entweichungsversuche“ genannt. Der letzte erfolgreiche Ausbruch war im Jahr 2007. Damals wurde eine organisatorische Lücke ausgenutzt. Dass es weniger Entweichungsversuche gibt, begründet Anstaltsleiter Mönig so: „Zum einen wurde die Sicherheit erhöht, zum anderen ist der Haftalltag behandlungsorientierter und annehmlicher geworden.“

Konfrontation und Zusammenarbeit

JVA-Mitarbeiter bilden eine enge Beziehung zu den Gefangenen aus. Laut Anstaltsleiter Thomas Mönig gehört die „Intensität der Begegnungen“ zu der Arbeit in der Justizvollzugsanstalt dazu. Das sei aber nicht ausschließlich im Sinne von Konfrontation zu verstehen. Vielmehr könne das Miteinander auch harmonisch ablaufen. Manchmal kann das Verhältnis aber auch zu eng sein: Dann nämlich, wenn Gefangene und Justizvollzugsbeamte gemeinsame Sache machen. Jüngst wurde der Vorwurf laut, in der JVA Ravensburg seien CDs mit rechtsradikaler Musik getauscht worden– ein Vorwurf, der am Ende nicht bestätigt werden konnte. „Im Allgemeinen ist ein gutes Maß von Nähe und Distanz wichtig. An dieser Schwelle kann man zugegebenermaßen scheitern“, so der Anstaltsleiter.

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