Auch in Ravensburg treten mehr Menschen aus der Kirche aus

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Kirchenaustritte nehmen zu
Bis 2060 soll sich die Anzahl der Kirchenmitglieder in Deutschland halbieren, so eine Prognose der Universität Freiburg. Wie die Ravensburger Gemeinden damit umgehen wollen.
Katharina Höcker

Die Ravensburger Erklärung

2017 wurde die Ravensburger Erklärung von Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche, sowie Vertretern der Stadt unterzeichnet. Darin sprechen die Beteiligten gegenseitige Einladungen zu Abendmahl und Kommunion aus. Ein Jahr später distanzierte sich der katholische Pfarrer Hermann Riedle jedoch von der Erklärung. Grund war die Weisung des Bischofs Gebhard Fürst der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Laut Kirchenrecht gebe es einen grundsätzlichen konfessionellen Unterschied bei der Bedeutung von Brot und Wein. Die Rücknahme der Erklärung hatte zu Diskussion und Protesten geführt und blieb auch nach einem öffentlichen klärenden Gespräch mit dem Bischof umstritten. (khr)

Lange hat Claudia Huber (Name von der Redaktion geändert) mit ihrem Austritt aus der Kirche gehadert. „Ich bin katholisch aufgewachsen. Aber die Nähe zum Menschen, die vermisse ich schon lange“, sagt sie. Besonders die Rücknahme der Ravensburger Erklärung habe sie enttäuscht. Schließlich geht Huber doch zum Standesamt. Hinter ihr in der Schlange steht eine junger Mann.

Als sie sagt, dass sie aus der Kirche austreten will fragt er nur: „Ach, sie auch?“ Immer mehr Menschen entscheiden sich für einen Kirchenaustritt. Im Jahr 2060 hat die Kirche laut einer Untersuchung der Uni Freiburg voraussichtlich nur noch die Hälfte ihrer Mitglieder. Auch die Ravensburger Gemeinden sind betroffen.

Im Jahr 2018 waren es insgesamt 264 Austritte, 110 davon katholisch, 154 evangelisch. Im Jahr 2017 verließen 210 Menschen die Kirche. In diesem Jahr seien schon 138 Personen ausgetreten, teilte die Stadt Ravensburg mit. „Das Thema betrifft uns schon lange“, sagt der katholische Pfarrer Hermann Riedle.

Da die Austritte über die Stadtverwaltung erfolgen, komme bei diesem Schritt kein kirchlicher Kontakt zustande, bedauert Friedrich Langsam, Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Ravensburg. „Über die persönlichen Gründe und Anliegen erfahren wir daher so gut wie nie etwas. Nachträgliche Anschreiben bleiben fast zu hundert Prozent unbeantwortet“, sagt er. Auch Hermann Riedle, Pfarrer der katholischen Gemeinde, sucht den Kontakt zu ausgetreten Mitglieder. „Natürlich bieten wir Gespräche an“, sagt Riedle, doch auch er erhält nur vereinzelt eine Antwort.

Welche Rolle spielt die Kirche in Ihrem Leben?
Kirche ist mehr als der sonntägliche Gottesdienst. Doch trotz des seelsorgerischen Engagements: Die Zahl der Mitglieder schwindet. Egal ob katholisch oder evangelisch, immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. 2017 etwa haben die Kirchen in Deutschland mehr als 600.000 Mitglieder verloren. Das liegt natürlich auch am demografischen Wandel, doch auch die Zahl der Kirchenaustritte steigt. Welche Rolle spielt die Kirche in Ihrem Leben? Das wollten wir heute von den Menschen in Ulm wissen.

„Zweifellos gibt es auch Gründe, die wir als Kirche selbst zu verantworten haben. Dazu zähle ich den großen Vertrauensverlust, der durch die ganzen Missbrauchsfälle entstanden ist“, sagt Langsam. Auch die Rücknahme der Ravensburger Erklärung könne lokal zu vermehrten Austritten geführt haben. Gleichzeitig gibt Langsam zu bedenken: „Dies dürfte aber nur der letzte Auslöser gewesen sein. Vermutlich gingen diesem Schritt andere Enttäuschungen voraus.“ Auch Riedle sieht die Gründe für einen Kirchenaustritt hauptsächlich in den „großen“ Themen. Er betont, dass der Mitgliederrückgang auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sei. Ein Rückgang an Taufen und der demografische Wandeln senkt die Mitgliedszahlen ebenfalls. Gleichzeitig sei die Ökumene im Stillstand, das enttäusche viele.

Finanzielle Einbußen

Zur Zeit spüre seine Gemeinde noch keine finanziellen Auswirkungen, so Hermann Riedle, mittelfristig müsse man sich aber darauf einstellen, mit weniger Mitteln auszukommen. Sollten sich die Kirchenmitglieder wie erwartet halbieren, könne das das Aus für viele kirchlich finanzierte Angebote bedeuten, sagt Langsam. „Man kann nicht auf der einen Seite aus der Kirche austreten und im Falle eines familiären Bedarfs vom Kindergarten bis zur Sozialstation dann fordern, die Kirche müsse hier etwas machen“, stellt er klar.

„Deshalb folgt aus dieser Projektion weder Hysterie noch Aktionismus. Bewusst bei dem bleiben, was uns trägt und prägt, ist die Aufgabe“, sagt Friedrich Langsam. Gleichzeitig stellt er klar: „Jeder Austritt ist einer zu viel.“

Die Ravensburger Erklärung

2017 wurde die Ravensburger Erklärung von Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche, sowie Vertretern der Stadt unterzeichnet. Darin sprechen die Beteiligten gegenseitige Einladungen zu Abendmahl und Kommunion aus. Ein Jahr später distanzierte sich der katholische Pfarrer Hermann Riedle jedoch von der Erklärung. Grund war die Weisung des Bischofs Gebhard Fürst der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Laut Kirchenrecht gebe es einen grundsätzlichen konfessionellen Unterschied bei der Bedeutung von Brot und Wein. Die Rücknahme der Erklärung hatte zu Diskussion und Protesten geführt und blieb auch nach einem öffentlichen klärenden Gespräch mit dem Bischof umstritten. (khr)

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