Artisten werden ins rechte Licht gerückt

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Weltmeister der Hand-auf-Hand-Akrobatik: Das Duo Sergio vereinen Kraft und Ästhetik.
Weltmeister der Hand-auf-Hand-Akrobatik: Das Duo Sergio vereinen Kraft und Ästhetik. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Trommelwirbel. Tusch. Vorhang auf. „Stopp!“, ruft Zirkusdirektor Elmar Kretz. Spot von links, nicht von rechts. „Jetzt passt‘s. Nochmal!“ Es ist Probe im Ravensburger Weihnachtscircus. Diese Woche fügt Elmar Kretz in seiner Manege zusammen, was er seit Monaten im Kopf hat: knapp drei Stunden Zirkusprogramm.

Die sieben Musiker auf der Bandbühne geben alles. Die Männer aus England und der Ukraine haben sich alle speziell komponierten Stücke eingeprägt. „Sowas geht nur mit Profimusikern“, sagt Alex Bozic, der alle Stücke für die Besetzung arrangierte. Jeder Ton sitzt, jetzt muss nur noch alles exakt an die Bewegung der rund 30 Artisten angepasst werden. Schlagzeuger, Bassist, Trompeter, Saxofonist, Posaunist und der Dirigent am Piano sind hoch konzentriert.

„Schneller, schneller, ich brauch mehr Power“, ruft Däne Jimmy Enoch, der auf dem Lenker seines hochkant aufgestellten Fahrrads sitzt und im Kreis radelt. Auch die Rollschuhartisten wedeln mit den Händen nach oben. „Noch mehr Power, Power, Power.“ Die Band gibt Gas. Die Rollschuhartisten auch. Immer schneller wirbeln sie über das runde Podest. Irgendwann hebt die junge Italienerin ab und hängt freihändig nur noch am Genick ihres Bruders. Verbeugung. Knicks. Runter. Raus.

Oben auf dem Technikturm hat David Oehler bei so viel Programm in diesem Tempo alle Hände voll zu tun. An seinem Mischpult sind über 200 Lichtstimmungen gespeichert. Für jede einzelne Nummer zaubert er ein fantastisches Muster an die Decke der Zirkuskuppel oder die passende Stimmung in die Manege.

Normalerweise betreut Oehler riesige Festivals, Großveranstaltungen und komplizierte Theater. „Da sind die Einstellungen meistens vorgegeben. Hier kann ich unheimlich kreativ sein.“ Damit er all seine Ideen auch umsetzen kann, hat er viel Material mitgebracht. Eineinhalb Wochen montierte er seine Lampen, verlegte Kabel und verknüpfte 2000 Lichtkanäle. Jetzt sind 40 000 Watt Lichtleistung bereit.

„Spot nach oben“, ruft Elmar Kretz. Unten in der Manege wirft Sharon Berousek bei ihrer Tempojonglage silbern funkelnde Kegel in die Luft. „Kannst du so arbeiten oder blendet es dich?“, fragt Kretz übers Mikrofon. Sharon grätscht sich gerade in einen Spagat und fängt trotzdem alles auf, was sie in der Höhe verteilt hat. Wie ein Flummi springt sie hoch, klemmt sich die Kegel unter den Arm: „Nein, passt. Danke!“ Fertig. Nächste.

Leckerli für die Kamele

Die Begeisterung für das bevorstehende Spektakel bewegt nicht nur die Artisten, sondern auch die Kamele. Fröhlich buckelnd hopst die Viererbande im Kreis herum. Bis eine dunkelhaarige Tiertrainerin für Ordnung in der Mannschaft sorgt. Pirouetten, Hinlegen, Aufstehen, Antraben – bei den Tieren klappt alles wie am Schnürchen. Nach einer Portion Leckerli dürfen alle zurück in ihren Auslauf hinter dem Zirkuszelt.

Im Zelt spricht Clown Jimmy Folco derweil mit leeren Stuhlreihen – und ist dabei trotzdem ulkig. Auch die Artisten, die bei ihrer poetischen Nummer an elastischen Bändern hängen, die imposanten Handstandakrobaten und die Dame mit den Hula-Hoop-Reifen in der transparenten Kugel sind so ausdrucksstark, als wären die Ränge bereits voll.

Sogar die Hengste von Elmar Kretz scheinen es kaum erwarten zu können: Verspielt kaspern sie durch die Manege. Der Zirkusdirektor lächelt, bevor er sie auf ihre Plätze schickt. Dann das Finale, ein lautes „Dankeeeee, Rrrrrrravensburg!“, und die Probe vorbei. „Das ist das beste Programm das ich je hatte“, sagt Elmar Kretz und ist glücklich. Bei der neunten Spielzeit seiner Show hätte er etwas ganz Außergewöhnliches zusammengestellt. „So eine Art spektakuläres Theater im Zirkuszelt.“

Die Premierenvorstellungen am Freitag sind bereits ausverkauft. Für alle anderen Vorstellungen gibt es noch Karten an der Zirkuskasse, unter Telefon 0751/29555700 oder unter www.winter-circus.de.

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