Arbeiten, die vor Leben strotzen

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Anne Carnein (Mitte) im Gespräch mit Besuchern.
Anne Carnein (Mitte) im Gespräch mit Besuchern. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Die Pflanzenwelt der Bildhauerin Anne Carnein ist eine besondere. Eine ebenso fragile wie hintersinnige. Vor allem aber ist sie aus Stoff und sieht täuschend echt aus. Die Eröffnung ihrer Ausstellung „Der Pflanze Traum“ am Montagabend in der Kundenhalle der Sparkasse Ravensburg hat die Blicke der Besucher gebannt. Wie sie das macht, beantwortete Kunsthistorikerin und Galeristin Andrea Dreher in ihrer Einführung.

Gut machen sich die Pflanzenwerke der 1982 in Rostock geborenen Künstlerin innerhalb der hohen weißen Stellwände, die das Karree der Ausstellungsfläche umgrenzen. Sparsam hat sie die mehrheitlich kleinformatigen Arbeiten als Wandobjekte und auf Tischen im Raum platziert. Bis hin zu einer rotblühenden Pflanze hinter Glas in einem Rahmen, die als einzelne Arbeit eine Wandfläche dominiert und doch nicht verloren wirkt. Das gilt für viele ihrer Werke, die miniaturhaft erscheinen und sich doch stark im Raum behaupten. „Boogie“ gehört dazu in Gestalt eines samtigen Pilzes, der selbstbewusst auf zwei Vogelbeinen steckt und so gut wie jedem Betrachter ein Lachen entlockt. Schräg gegenüber dann ein großes wucherndes Geflecht aus Wurzeln, Blüten und Pilzen, das aufgrund seiner trockenen Farbigkeit den Eindruck von Vergangenem im Sinne eines Stilllebens hinterlässt – ins Objekthafte übersetzt. Anne Carnein, die seit vier Jahren im Raum Kißlegg lebt, ist Bildhauerin. Sie hat 2012 ihr Studium der Freien Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe abgeschlossen und war anschließend Meisterschülerin von Stephan Balkenhol.

An die eigene Kleidung rangehen

Zu Textilien kam die Künstlerin aus einem einfachen Grund: Wer Bildhauerei studiere, habe viel mit Dreck, Krach und großen schweren Formaten zu tun. So sei der Platz während des Studiums im Atelier immer enger geworden. Zudem sei sie Nachtarbeiterin, das habe die Verwendung von Stoffen begünstigt. „Ich gehe modellierend vor und da bin ich einfach an meine Kleidung rangegangen“, erzählt sie. Mittels Draht, Garn, Leder, Fell und Schaumstoff entstehen Pflanzen aus der Erinnerung. Wie eine Wurzel funktioniere, steht als Frage am Anfang. Das gelte es sichtbar zu machen unter Zuhilfenahme von Nähmaschine und Stichen per Hand. Hinter ihren Werken steckt Mühe und Zeitaufwand. Das beweist der Detailreichtum, schaut man die Nähte entlang der Verästelungen an oder die irritierenden Farbtöne, die in Wirklichkeit aus verschiedenen Stoffen bestehen.

Carneins Pflanzen Mischwesen, was sich anhand von Titeln wie dem kleinen „Blumengruß“ und dem lebensgroßen, an eine der Wände gelehnten „Porträt“ zeigt. So endet der Stängel des Blumengrußes in einer kleinen Hand und das einer Hagebutte gleichende Gewächs nimmt die Künstlerin als Selbstporträt für sich in Anspruch. Für sie gab es in uralten Zeiten die Vorstellung einer Gleichwertigkeit unter irdischen Wesen. Bei einem Blick in den Raum auf die frei positionierten Arbeiten rückt das Hintersinnige in den Fokus. So bekommen „Die kleinen Blumen“ auf ihren behaart scheinenden Beinchen etwas Spinnenartiges. „Die Geliebte“ in Gestalt einer verblühten Margerite steckt unter einer Glashaube, welche Schutz und Käfig zugleich darstellt. Als surreal, bizarr und gruselig würden ihre Werke gelten, die in fantastische Märchenwelten entführten, so Andrea Dreher. „Für mich strotzen meine Arbeiten vor Leben“, sagt Anne Carnein, der es dabei um die Autonomie von Pflanze und Mensch geht. Zart, verletzlich, widerständig und manchmal auch schön wirken die Gewächse, denen sie ihre abgelegten Stoffhäute vermacht und die längst Alleinstellungsmerkmal besitzen.

Die Ausstellung dauert bis 26. Oktober. Sie ist montags bis freitags von 9 bis 12.15 Uhr, montags, dienstags und freitags von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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