Angst vor Bienensterben: Wachs verunreinigt

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Die Gefahr bei Mittelwänden aus gepanschtem Wachs besteht unter anderem darin, dass sich die frisch geschlüpften Bienen aus den
Die Gefahr bei Mittelwänden aus gepanschtem Wachs besteht unter anderem darin, dass sich die frisch geschlüpften Bienen aus den gummiartigen Waben nicht befreien können und sterben. (Foto: Colourbox)
Schwäbische Zeitung

Die Imker in Deutschland sind besorgt: Seit geraumer Zeit tauchen bundesweit Bienenwachstafeln – sogenannte Mittelwände – auf, die mit Paraffin und Stearin gestreckt wurden – also mit Substanzen, die eigentlich für die Herstellung von Wachskerzen verwendet werden. Gerüchten zufolge stammt das gepanschte Bienenwachs aus Süddeutschland, vermutlich auch aus der Region Ravensburg. Das Gefährliche daran: Imker, die verunreinigte Wachsplatten gekauft haben, setzen ihre Bienen einer tödlichen Gefahr aus.

„Das Ganze ist eine undurchschaubare Geschichte“, sagt Klaus Wallner von der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“. Wallner wird in der Imkerszene als „Wachs-Papst“ bezeichnet. Keiner kennt sich so gut mit Bienenwachs aus wie er. Täglich untersucht er Wachsproben auf Rückstände. Bei verschiedenen Proben, die er jüngst kontrolliert hat, hat er eine Zumischung von fremden Stoffen festgestellt: darunter Paraffin, ein Abfallprodukt aus der Erdölindustrie, und Stearin, das aus pflanzlichen oder tierischen Fetten hergestellt wird. Beides sind Rohstoffe für Kerzen, gehören aber nicht in das reine Bienenwachs, das Imker für ihre Bienenvölker zukaufen. Doch wie gelangten die Substanzen in das Bienenwachs? „Schwer zu sagen“, meint Wallner. Drei Möglichkeiten sind denkbar: Erstens, ein Händler hat die Stoffe bei der Wachsverarbeitung aktiv hineingemischt. Zweitens, dem Händler wurde von seinem Lieferanten verfälschtes Wachs untergejubelt. Drittens, ein Imker hat dem Händler bereits verunreinigtes Wachs zur Verarbeitung gegeben.

Einer der Imker, denen die Fälschung zuerst aufgefallen ist, stammt aus Norddeutschland. Er hatte Wachstafeln von einem Händler aus Süddeutschland gekauft. Für seine Bienen sollten die sechseckig vorgeprägten Platten eine Erleichterung sein. Die Insekten sollten sie zur Aufzucht ihrer Larven und zur Lagerung von Honig und Pollen nutzen. Doch die gut gemeinte Hilfe stellte sich schnell als Risiko heraus: Ein Teil der Waben zerbrach. Auch bemerkte der Imker, dass keine neuen Bienen schlüpften, weil die Larven starben. Die Population stagnierte. Und die Bienen, die schlüpften, verhielten sich seltsam. Sie brachten keinen Honig mehr. Für Imker eine Katastrophe.

Eigenschaften ändern sich

Frank Neumann vom Bienengesundheitsdienst in Aulendorf erklärt die Sache so: „Wenn reines Bienenwachs stark gestreckt wird, zum Beispiel mit Paraffin oder Stearin gestreckt wird, dann ändern sich die physikalischen Eigenschaften des Bienenwachses.“ Betroffen sind beispielsweise der Schmelzpunkt und die Konsistenz: „Bei verfälschtem Wachs laufen die Waben schon bei einer Außentemperatur von 30 Grad Celsius zusammen“, sagt Neumann. Außerdem könnten in einigen Fällen die Bienen nicht schlüpfen, weil das Wachs auch Eigenschaften wie Gummi habe. „Die Bienchen kommen aus diesen Gummiwaben nicht heraus.“ Daneben nennt Neumann ein weiteres Problem: „Gepanschtes Wachs gibt Inhaltsstoffe an den Futtersaft ab, mit dem sich die Larven ernähren. Dadurch können im schlimmsten Fall Verkümmerungen oder Ausfälle bei der Brut entstehen.“

Nach Informationen der „Schwäbischen Zeitung“ sollen die verunreinigten Bienenwachstafeln ihren Ursprung unter anderem bei einem Händler aus der Region Ravensburg haben. Auf Nachfrage beim Ravensburger Landratsamt heißt es: „Uns ist die Situation bekannt. Wir wissen von den Vorwürfen.“ Das Veterinäramt ist bereits tätig geworden und geht der Sache nach. „Die Untersuchungen laufen“, informiert das Amt. Das Regierungspräsidium Tübingen ist ebenfalls in Kenntnis gesetzt. Ein Sprecher teilt mit: „Aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Prüfung können wir allerdings noch keine Auskünfte hierzu geben.“ Wie die „Schwäbische Zeitung“ jedoch in Erfahrung bringen konnte, gibt es eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.

Gestrecktes Wachs ist billiger

Welche Ausmaße die Wachsfälschungen letztlich haben, lässt sich kaum abschätzen. „Wir können nicht sagen, wer und wie viele Händler und Imker betroffen sind“, sagt Klaus Wallner von der Uni Hohenheim. Die Krux ist nämlich: Bienenwachs gilt nicht als Lebensmittel. Entsprechend lasch sind hier die gesetzlichen Regelungen. Zertifikate existieren meist nicht und die Bienenwachstafeln sind auch nicht mit Nummern versehen, sodass eine Rückrufaktion möglich wäre. Für Betrüger, die vorsätzlich handeln, sind das Idealbedingungen. Zumal chinesische Lieferanten gestrecktes Wachs zu niedrigen Preisen anbieten. Dieses Wachs mischen Händler zu, um ihre Wachsmenge zu steigern. „Seit drei, vier Jahren sind die Weltpreise für Bienenwachs nach oben gegangen. Da versucht jetzt der eine oder andere, sich einen Kostenvorteil zu verschaffen“, so „Wachs-Papst“ Wallner. Er macht klar: „Man kann hier schon von mafiösen Strukturen sprechen.“

Das Schlimme daran ist laut dem Bienenexperten aber nicht nur der Imageschaden für das deutsche Bienenwachs, das bislang als unverfälscht galt, sondern auch, dass das gepanschte Wachs nun in Umlauf kommt. Das geschieht so: Die Imker liefern ihre Wachsblöcke bei einem Händler ab. Der schmilzt diese wiederum in großen Kesseln ein, um daraus neue Mittelwände zu produzieren. Dabei werden reines und unreines Wachs miteinander vermischt. Der Schaden nimmt seinen Gang. Eine Lösung des Problems könnte sein, bei jeder Wachs-Charge eine Probe zu entnehmen. „Aber das ist aufwendig und teuer“, erklärt Wallner.

Der Endverbraucher, der gerne Honig auf sein Frühstücksbrötchen schmiert, kann indes aufatmen: „Honig enthält in der Regel keine Wachsrückstände“, erklärt Frank Neumann vom Bienengesundheitsdienst in Aulendorf. Eine Gefahr für den Menschen bestehe deshalb nicht.

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