Alwin Nagy,1944 auf der Flucht geboren, feiert sein 50 - jähriges Priesterjubiläum.

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Mann sitzt in Gartenstuhl
Alwin Nagy (Foto: Rainer Kössl)
Rainer Kössl

Hochschwanger mit ihm machte sich die deutschstämmige Mutter von Alwin Nagy im Jahr 1944 von Rumänien aus auf die Flucht Richtung Deutschland. Immer in der Furcht, der vorrückenden russischen Armee in die Hände zu fallen. Mit auf der Flucht ihr Vater. Ihr Mann, Alwins Vater, war an der Front.

Die Flucht gelang nicht. Alwin wurde 1944 in einem russischen Kriegsgefangenenlager im polnischen Schadkowice geboren. Nur die Geburt ihres Kindes rettete der Mutter das Leben. Alle anderen Flüchtlinge wurden hingerichtet.

Der Mutter gelang es, sich mit dem kleinen Alwin zu Verwandten nach Ravensburg durchzuschlagen. Als dann bald nach Kriegsende auch der Vater wieder heimkam, war die kleine Familie wieder komplett und fand in der Grüne-Turm-Straße 5 eine vorläufige Heimat. Alwin Nagy beschreibt im Nachhinein das Verhältnis zwischen einheimischen Ravensburgern und Flüchtlingen als nicht ganz einfach. „Die Leute meinten es gut mit uns. Aber wir spürten, dass wir eine Belastung waren. Du bist auf Gnade und Barmherzigkeit auf das Wohlwollen anderer angewiesen. Kurz: Du trägst das Etikett Flüchtling.“

Menschen, Persönlichkeiten sind es, die den Integrationsweg des heranwachsenden Alwin Nagy begleiten. Der Mesmer von Liebfrauen zum Beispiel: Wilhelm Kübel. Der heutige Priester Alwin Nagy kommt fast ins Schwärmen, wenn er von diesem Mann erzählt: „ein frommer, theologisch gebildeter, überzeugender, bescheidener, gerader Mann“. Später dann in Argentinien in der Begleitung von Basisgemeinden wird Wilhelm Kübel für ihn der angedachte Prototyp des verheirateten katholischen Priesters und Gemeindeleiters sein.

Oder Frau Zimmermann, die Mutter des heute noch allseits geschätzten Hans Zimmermann (DRK ). Der kleine Alwin möchte ums Leben gern zu den Ministranten. Das geht aber leider erst nach der Erstkommunion. Normalerweise. Frau Zimmermann setzt sich beim Pfarrer für den Buben ein. Alwin darf überglücklich zum Altar des Herrn treten. „Ich war anerkannt. Ich gehörte dazu. Was für eine Ehre!“

Später kamen noch dazu die Mitgliedschaft im Bund Neudeutschland und, für den Ravensburger obligatorisch, Trommlercorps und Landsknechte. Der Weg zum Priestertun hatte sich wie von selbst eröffnet. Was ihn in den Universitätstätten Tübingen und München dann an Gottesweisheit und Menschenweisheit erwartete, das hat ihm fast die Sprache verschlagen. In Rom tagte das Konzil mit dem Ziel der Öffnung und Erneuerung der Kirche. Die Lehrer und Vorbilder der jungen Theologiestudenten waren in Rom vor Ort und mischten mit: die Professoren Küng, Ratzinger, Rahner, Haas, Kasper.

Der Weg in die Südamerikanische Kirche war für Alwin Nagy damit vorgezeichnet: Denn dort wurde das Konzil in die Praxis umgesetzt. Bis dahin dass ein Südamerikaner Papst in Rom wurde: Jorge Mario Bergoglio, ehemals Kardinal von Buenos Aires, heute Bischof von Rom und Papst der katholischen Kirche. „Mit ihm sei“, so Alwin Nagy, „das Konzil nach Rom zurückgekommen beziehungsweise in Rom erst angekommen.“

Ob er heute nochmals Priester werden wolle? Alwin Nagy zögert keinen Augenblick: „Ja, unbedingt.“ Und ergänzt: „Mit dem jetzigen Papst auf jeden Fall.“ Er habe diese Entscheidung nie bereut. Im Gegenteil. Dennoch: In einem Interview aus dem Jahr 2010 träumt Nagy von einem neuen Priestertum: „Mir schwebt ein Priestertum vor, das aus der Gemeinde hervorwächst, von unten also, vielleicht auf Zeit, sicher auch später für Frauen geöffnet. Priester brauchen nicht mehr Gemeindeleiter sein. Ihre Aufgabe wird es sein, Basisgemeinden zu vernetzen. Und für Versöhnung zwischen ihnen zu sorgen. Genau das ist meine Aufgabe in Südamerika seit vielen Jahren.“

Alwin Nagy, wenngleich im Ruhestand, pendelt immer noch zwischen seiner Heimat Ravensburg und seiner Heimat Argentinien. Acht Monate dort, vier Monate hier.

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