Altkleiderdieb gesteht seine Tat

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Aus diesen Container am Wertstoffhof in Gaisbeuren hatte sich der Angeklagte unberechtigt bedient. (Foto: Archiv: Kara Ballarin)
Kara Ballarin

Am Donnerstagnachmittag ist vor dem Amtsgericht Ravensburg ein Vorfall verhandelt worden, der Ende August vergangenen Jahres in Bad Waldsee Aufsehen erregt hat. Ein Mann hat Altkleider aus Containern der Malteser gestohlen, die am Wertstoffhof in Gaisbeuren stationiert sind. Er wurde dabei beobachtet, es kam zu einem Gerangel zwischen dem Zeugen und dem Dieb, der mit seinem Auto flüchtete. Kurze Zeit später schnappte die Polizei den Flüchtenden in Bad Waldsee (wir berichteten: „Altkleiderdieb in Gaisbeuren auf frischer Tat ertappt“, SZ vom 31. August 2012). Richterin Barbara Haber verhängte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten – drei Jahre ausgesetzt auf Bewährung – sowie ein Bußgeld von insgesamt 3000 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Richterin Haber und die beiden Schöffen wollten sich ein Bild machen vom 37-jährigen Angeklagten S. Im Alter von 13 Jahren ist er mit seinen Eltern und dem Bruder aus seiner Heimat Bosnien-Herzegowina vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Zur Schule ging er nie. Mit 16 begann er bei einer Firma zu arbeiten, die im Altkleiderbereich tätig ist. Und er blieb dort rund 16 Jahre, bis es „Schwierigkeiten“ gegeben haben, wie S. sagt – Überwerfungen unter anderem beim Thema Lohnzahlung.

Der Arbeitgeber kündigte S. 2010, also machte er sich in der Altkleiderbranche selbstständig. S. berichtet davon, dass diese Entscheidung seinem ehemaligen Chef ein Dorn im Auge gewesen sei und berichtete, dass seine eigenen Container angezündet oder beschädigt wurden, dass er immer wieder platte Reifen an seinem Auto hatte. So habe er Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.

30 000 Euro habe er in seine Selbstständigkeit investiert, einen großen Teil davon zahle er noch immer ab, sagte S. Er ist geschieden; von seiner neuen Partnerin, mit der er seit zehn Jahren zusammen ist und zwei Kinder hat, lebt er derzeit getrennt. Zudem zahle er eine Wohnung ab, in der die Partnerin mit den Kindern lebe.

Frage nach Altkleiderhandel

Neben dem konkreten Fall ging die Richterin auch immer wieder der Frage nach, wie der Handel mit Altkleidern denn funktioniere. Doch sagte Haber auch, dass darüber bestimmt noch viel Interessantes zu sagen wäre, hier aber nicht zur Debatte stünde.

S. räumte sämtliche Vorwürfe zum konkreten Vorwurf ein. „Ich wurde in diesem Zeitraum dermaßen beschädigt, dass ich mit den Zahlungen nicht mehr hinterher kam“, sagte S. Er nannte es einen Akt von Rache, denn die Firma, die für die Altkleidercontainer zuständig ist, ist das Mutterunternehmen der Firma, für die er bis zur Selbstständigkeit gearbeitet hatte. „Es stimmt alles, was im Protokoll steht, aber nicht, dass ich ihn geschlagen habe“, sagte S.

Mit „ihn“ meinte er Thomas Gäßler, der als Zeuge vernommen wurde. Gäßler arbeitet für das Mutterunternehmen. Auffällig sei gewesen, dass über einen Zeitraum von einem Jahr immer mittwochs die Container in Gaisbeuren leer gewesen seien. Der Verdacht sei auf den ehemaligen Mitarbeiter des Tochterunternehmens S. gefallen. So habe er am Abend des 28. Augusts die Polizei darüber informiert, dass er sich in der Nacht auf die Lauer legen werde. Gegen 4.22 Uhr am frühen Mittwochmorgen habe sich S. in Gaisbeuren am Container zu schaffen gemacht. Er habe die Polizei verständigt und sei dann im Dunkeln auf S. zugegangen.

Gäßler habe S. mit seiner neu gekauften Kamera fotografiert, S. sei auf ihn aufmerksam geworden und habe versucht, ihm die Kamera abzunehmen. Es folgte ein Gerangel, Gäßler sei zu Boden gegangen und in sein Auto geflohen. S. sei hinterher gekommen und habe versucht, die Kamera vom Beifahrersitz zu nehmen, was ihm schließlich, nach weiterem Gerangel, auch gelungen sei. Bereits vorher habe er S. angeboten, die Fotos auf der Speicherkarte gemeinsam mit ihm zu löschen, doch S. habe sich nicht darauf eingelassen, sondern weiter an der Kamera gezerrt.

Psychische Folgen bleiben

Die Folgen für Gäßler: Schnittwunden am Handgelenk, Verletzungen am Knie und an der Seite sowie Striemen am Hals. „Er hat mich nicht gewürgt, aber zu Boden gedrückt“, sagte Gäßler. Während die körperlichen Verletzungen nach gut zwei Wochen verheilt gewesen seien, kämpfe er noch immer mit den psychischen Folgen der Auseinandersetzung, erklärte Gäßler. „Ich habe gute Menschenkenntnis und kannte ihn, also dachte ich, ich könnte beruhigend auf ihn einwirken, bis die Polizei kommt“, sagte Gäßler. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so ausartet.“ Dass S. mit der Kamera floh und von der Polizei in Bad Waldsee gestellt wurde, berichtete auch ein Polizist, der damals mit im Einsatz war.

Richterin Haber verwies auf die zum Teil einschlägigen Vorstrafen von S. – darunter Diebstähle von Altkleidern und von Containern. Staatsanwalt Seitz wollte den Akt der Rache nicht gelten lassen. „Der Auszug aus dem Vorstrafenregister zeigt, dass Sie in erster Linie an Ihren eigenen Vorteil gedacht haben“, sagte er. Der Wert des Diebstahl sei wohl vergleichsweise gering. Als wesentlich bedeutender sah er die zweite Tat an – den Raub der Kamera mit vorsätzlicher Körperverletzung. Da es die erste Freiheitsstrafe wäre und der Angeklagte die Taten eingeräumt habe, forderte er eine Gesamtfreiheitsstrafe für die Taten von einem Jahr, zudem eine Geldbuße von 3000 Euro.

Anwalt Jürgen Filius schloss sich der Staatsanwaltschaft an – allein die Geldbuße solle um 1000 Euro niedriger ausfallen. „Ich bin überzeugt, dass das Verfahren und die Strafe ausreichend sind“ sagte er, schließlich arbeite sein Mandant, zahle Unterhalt für seine Kinder und wolle den Schaden wieder gutmachen. S. entschuldigte sich bei Gäßler – reichlich spät, wie dieser sagte.

Dass das Urteil der Richterin mit einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung höher ausfiel, begründete sie damit, dass der Raub nicht als minderschwerer Fall angesehen werde, „wenn man hört, wie sie Herr Gäßler getrieben haben.“ S. muss zudem 1500 Euro in Raten an den Geschädigten zahlen und weitere 1500 Euro an den Kinderschutzbund Bad Waldsee. Wenn der Angeklagte nicht innerhalb einer Woche Berufung einlegt, wird das Urteil rechtskräftig.

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