Als der Rock noch 30 Zentimeter zum Boden zu reichen hatte

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 Der Jahrgang 1959 trifft den Jahrgang 2018: Der Pflegeberuf verbindet über Generationen hinweg.
Der Jahrgang 1959 trifft den Jahrgang 2018: Der Pflegeberuf verbindet über Generationen hinweg. (Foto: Oberschwabenklinik)
Schwäbische Zeitung

Sechs rüstige älteren Damen, die am 1. April 1959 ihre Ausbildung zu Krankenschwestern am St. Elisabethen-Krankenhaus begonnen hatten, haben vor Kurzem ihrem einstigen Ausbildungsort einen Besuch abgestattet. Vor 60 Jahren gehörten sie der Gruppe von zwölf „freien“ Schwesternschülerinnen und zwei ehrwürdigen Schwestern der Franziskanerinnen von Reute an.

18 bis 28 Jahre waren die Schülerinnen damals alt. Geschlafen wurde nicht etwa zu Hause, sondern im Untergeschoss des EK in Drei- und Vierbettzimmern. „Wir waren eine verschworene Gemeinschaft“, erzählt die Ravensburgerin Agnes Häbe. Seit Jahrzehnten laufen bei ihr die Drähte zwischen den Teilnehmerinnen des Kurses 1959 zusammen. Die Verbindung ist nie abgerissen. Anfangs gab es jährliche Treffen, jetzt finden die Zusammenkünfte alle zehn Jahre statt. Zum 60-Jährigen war es wieder so weit. Bis aus Nordrhein-Westfalen waren die ehemaligen Schülerinnen angereist.

Für die meisten von ihnen war es die erste Begegnung mit dem neuen EK, durch das sie OSK-Geschäftsführer Sebastian Wolf und Pressesprecher Winfried Leiprecht führten. Von ihrem alten Krankenhaus, das ihnen Ausbildungsstätte und ein Stück weit auch Heimat war, ist nichts mehr übrig. Außer den Baumtorsos der Allee zum früheren Südeingang. „Akazien sind es“, präzisiert die Franziskanerin Schwester Olafa.

Suchend schweifen die Augen über einen fremd gewordenen EK-Campus. Die einstigen Schülerinnen haben das alte EK noch genau vor Augen. Damals unterlagen sie einem strengen Regiment. Einen Sonntag im Monat und einen Nachmittag in der Woche gab es frei. Um 21 Uhr mussten die Schülerinnen in der Unterkunft sein, was kontrolliert wurde. Vollverpflegung wurde im Hause geboten, dazu gab es 15 und später 20 Mark Taschengeld.

„Sittsam“ hatte die Kleidung zu sein. Der Rock musste bis auf 30 Zentimeter an den Boden heranreichen. Das wurde nachgemessen. Strümpfe waren Pflicht, an ein ärmelloses Kleid nicht zu denken. Sittsam hatte auch für die „freien“ Schwestern der Lebenswandel zu sein. Wer sich auf eine Liaison mit einem jungen Ravensburger einließ, musste damit rechnen, die Ausbildung abbrechen zu müssen.

Damals, heißt es in der Pressemitteilung weiter, sei in diesem Fall eine baldige Heirat und Kinder erwartet worden – was die Investition in eine Ausbildung als überflüssig erscheinen ließ. Dennoch sei es vor 60 Jahren eine erfüllte Zeit gewesen. „Ich würde heute wieder Krankenschwester werden“, versichert Agnes Häbe. Ihre einstigen Kurskolleginnen pflichten ihr bei.

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