Alles um der Freiheit willen

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Kafkaesk: Der Autor Karl-Hein Ott las im kleinen Sitzungssaal des Ravensburger Rathauses aus „Endlich Stille“. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Wer träumt nicht von ihr, der geliebten Freiheit? Bloß, wie sie aussehen soll, das wissen die wenigsten. Eher noch, wie sie auf keinen Fall aussehen soll. Zehn Autorinnen und Autoren haben am Freitag in Ravensburg dieses weite Feld abgesteckt, in den Sesseln der achten philosophisch-literarischen Salonnacht „Im blauen Sessel“ Platz genommen, gelesen und vorgetragen.

Mehr als 400 Besucher hatten die Qual der Wahl, sich für maximal zwei Lesungen zu entscheiden und im Innenhof des Humpisquartiers einen Blick in den Dokumentarfilm „Die Eroberung der inneren Freiheit“ von Silvia Kaiser und Aleksandra Kumorek zu werfen. Drei Tage zuvor waren alle Plätze in den Salons in der Marktstraße ausverkauft, freute sich Karin Nowak von der Bürgerinitiative „Im blauen Sessel“.

Sie warf in ihrer Eröffnungsrede eine ganze Palette von „unendlich, endlich, unfreien“ Gedankengängen auf – vom Dasein in einer so genannten freien Marktwirtschaft, ob Arbeit unabhängig macht, mündend in der rhetorischen Frage ans Publikum: „Sind Sie heute aus freiem Willen hier?“, auf die sie herzhaftes Lachen zur Antwort erhielt.

In kurzen Gesprächen mit Moderator Michael Borrasch stellten sich die Autoren vor, was einem die Entscheidung nicht unbedingt leichter machte, hörten sich ihre literarischen, philosophischen und filmischen Schwerpunkte doch alle gut und interessant an.

Stefanie Gleißner aus Berlin las aus ihrem Debütroman „Einen solchen Himmel im Kopf“, in dem die Außenseiterin Johanna zur Heiligen werden will. „Daraus wird aber nichts, sie landet bei der Krankenkasse“, verrät die Autorin. Es fallen so prägnante Sätze wie „Die Freiheit ist im Kampf um Befreiung auf der Strecke geblieben“, und noch drastischer, wenn Gefängnisarzt Joe Bausch das Freiheitserleben im „Knast“ auf den Satz „Wer keine Fantasie hat, ist ´ne arme Sau“ reduziert. Er las und erzählte im Figurentheater bis weit nach 22 Uhr, als sich die meisten Akteure und Gäste schon im Innenhof zum anregenden Austausch über Erlebtes eingefunden hatten.

Die ausgesuchten Salons sind die Zugpferde. Darunter das Musikhaus Lange, wo sich Sven Hillenkamp mit „Das Ende der Liebe: Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“ in einem Saal aus dem 15. Jahrhundert positionierte.

Gegenüber der Freiheit im Kopf eines Jean-Paul Sartre bestünden heute viele Strukturen mit unendlich vielen Möglichkeiten. Nur welche nehmen, alle oder keine! In der Galerie Hölder saß Markus Orths aus Karlsruhe inmitten der Kunst mit „Die Tarnkappe“. Zwischen Macht-rausch und der bedrohlichen Ungewissheit, wer man eigentlich ist, wenn einen keiner sieht.

Sehr lustvoll und kafkaesk ging es bei Karl-Heinz Ott im spätgotischen kleinen Sitzungssaal im Rathaus zu. Wie sich retten, wenn die Chance des rechtzeitigen Neinsagens verpasst ist, damit „Endlich Stille“ herrscht? Einfach aufstehen und gehen, einfach schweigen und innerlich weiterkochen – all das stellte Ott dem Zuhörer zur Wahl. Mit Monika Bittl und „Freiwild“ ging es ins Zunfthaus der Schuhmacher und zur dokumentarischen Aufarbeitung der „Roten Res“ – einer Bauernmagd, die der Obrigkeit mit Raub und Wilderei begegnete.

Politische Freiheit müsse man auch heute noch erkämpfen, sagte die Münchner Autorin im Gespräch. In diese Kerbe, den Mut zum Widerstand nicht aufzugeben, schlug auch der Kurzfilmbeitrag „Stille Wasser“ der Rumänin Anca Miruna Lazarescu im Wirtschaftsmuseum sowie Hermann Vinkes Lesung „Gegen den Strom der Unfreiheit. Zeitzeugen der DDR erinnern sich“.

Ins Offene kommen, ist Freiheit

Philosophische Beiträge leisteten Wilfried Härle mit der Frage nach dem freien Willen und Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz aus Wien. Im alten Festsaal des Instituts für Tanz erörterte sie auf der Basis der schmerzhaften Freiheitserfahrung des Juden Paulus die Bedeutung des Idols und dessen Begrenztheit. Aus der eigenen Verkrümmung herauskommen, aus der Kurve auftauchen, gelinge im Moment der Begegnung mit einem Gegenüber, bei der man durchatmet und an Höhe gewinnt. Ins Offene kommen, das ist Freiheit – so wie aus einem Salon hinaus und erwartungsvoll zum nächsten Zuhörpunkt.

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