2000 Musikfans kommen zur „Jazztime in town“ nach Ravensburg

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Julius Böhm

Für einen Abend lang war Ravensburg die Hauptstadt des Jazz. Aus 13 Restaurants, Bars und anderen Lokalitäten der Stadt klangen Soul, Blues, Rock und ganz klassischer Swing auf die Straße. Rund 2000 Ravensburger und Musikfans aus der Umgebung ließen sich von dem Regenwetter nicht abhalten und schlenderten von Mini-Konzert zu Mini-Konzert.

Finnischer Flamenco-Jazz in der Bücherei

Wohl der musikalische Höhepunkt der 23. Ravensburger Jazznacht war das finnische „Jonas Widenius Trio“, das drei Mal in einer vollbesetzten Stadtbücherei spielte. Mit seiner Akustikgitarre kann Joonas Widenius scheinbar alles: Spielt er alleine, besetzt er mit den sechs Saiten dennoch alle Stimmen und fügt sie technisch perfekt und mit atemberaubender Fingerfertigkeit zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Mit seinen beiden Mitstreitern an Bass und Schlagzeug zeigt der Finne Flamenco-Jazz, in den aber Einflüsse aus gesamten Welt der Musik einfließen. Barbara Coatti hat sich das finnische Trio gleich ein zweites Mal angehört: „Das Programm ist sehr abwechslungsreich und wir konnten einige Künstler sehen, aber der Flamenco-Jazz hat mich so beeindruckt, dass ich es unbedingt noch einmal sehen wollte – das war meine erste Jazznacht und ich werde wiederkommen.“

Völlig andere Musik, völlig andere Stimmung im Lüderitz: Dort spielte Jakob Manz mit seiner vierköpfigen Band „The Jakob Manz Projekt“. Der Nachwuchsstar, der Donnerstag erst seinen 19. Geburtstag feiert, kann sein Alt-Saxofon so dermaßen zum Kreischen bringen, dass das Publikum dazwischenjubeln und -grölen muss. Es wirkt so, als würde jeder der vier Jungs an Schlagzeug, Klavier, Bass und Alt-Sax in seine eigene Welt des Modern Soul verschwinden, und am Ende entsteht daraus ein fetziges, mitreißendes Kunstwerk. Da schließt der sonst so harte Familienvater in der ersten Reihe schon mal die Augen und grooved verträumt mit.

Grooven ist das eine. Im Haus der katholischen Kirche wurde sogar getanzt. „The Chive Sisters“ rissen mit ihrem Swing im Stile der 30er- und 40er-Jahre einige Zuhörer mit. Die drei reizenden, in bunte Pailletten-Kleider gehüllten Damen sangen sich dreistimmig durch die Zeit der Gatsby-Parties und streuten die ein oder andere A-Capella-Runde ein. Ein Zuhörer zur „Schwäbischen Zeitung“: „Wie in der Musik so häufig dominieren die Männer auch heute Abend das Geschehen. Aber die beste Show machen eindeutig die Mädels hier.“

Junges Talent kehrt zurück in die alte Heimat

Anna-Lucia Rupp kommt gebürtig aus Oberschwaben und ist in Ravensburg zur Schule gegangen, ehe sie das Musikstudium nach Dresden zog. Als „Sonobe Unit“ zog es die 25-jährige Sängerin im Duett mit dem Gitarristen Lukas Häfner zurück in die Heimat.

Und im Humpisquartier saßen viele Zuhörer nur ihretwegen: „Das ist ein superschönes Gefühl, so viele Gesichter zu kennen – ein ganz anderes nach Hause kommen. Und auch das Quartier als Location ist großartig: Hier verbindet sich Kultur mit Moderne und die Akustik ist unglaublich. Wie ein Bett.“ Unter Einfluss von Pop, Folk, Jazz und Blues haben die beiden ihren unverwechselbaren Stil entwickelt. In verschiedenen Bands und Duos tourt die Anna-Lucia Rupp durch Deutschland und verdient mit der Liebe zur Musik ihr Geld.

Trotz der großen Vielfalt an Künstlern und der hohen musikalischen Qualität, die viele Besucher gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“ lobten, geht der Zuspruch der Ravensburger Jazznacht zurück. Mitorganisator Fritz Erb von Jazztime stellt fest: „Dieses Jahr waren es deutlich weniger Zuhörer und daran ist nicht nur das schlechte Wetter schuld.“

Vor 20 Jahren habe man mit der Jazznacht noch ein Alleinstellungsmerkmal gehabt. Inzwischen sei die Konkurrenz landauf, landab mit zahlreichen ähnlichen Formaten und Musikfesten groß.

Und trotzdem: „Ravensburg hat sich daran gewöhnt, jedes Jahr diese besondere Nacht zu erleben. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr so leicht raus – und wollen wir auch gar nicht. Deshalb machen wir weiter und legen besonderen Wert auf die Qualität der Künstler.“

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