Übergriffe auf Rettungskräfte: Dunkelziffer sehr hoch

Lesedauer: 10 Min
Rettungskraft selbst in Not (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Es gibt mehr gewalttätige Übergriffe auf Rettungskräfte, als offizielle Zahlen vermuten lassen. Janina Lara Dressler hat ihre Doktorarbeit an der Uni Bonn zum Thema Gewalt gegen Rettungskräfte verfasst. Die 28-Jährige arbeitet ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz und hauptamtlich beim Deutschen Feuerwehrverband - im Einsatz hat sie selbst schon Gewalt erfahren.

Frau Dressler, Sie haben sich in ihrer Doktorarbeit mit Gewalt gegen Rettungskräfte beschäftigt. Was hat sie dazu bewogen?

Als ich mit der Recherche anfing, gab es noch keine verlässlichen Daten und kaum Dokumentationen von Vorfällen. Es war mir wichtig, dem bis dato nur gefühlten Problem eine wissenschaftliche Grundlage zu geben, damit die Feuerwehren entsprechend reagieren und Gegenmaßnahmen einleiten können. Ich wollte eine sinnvolle Diskussionsgrundlage schaffen.

Sie sind selbst ehrenamtlich beim DRK und sich hauptamtlich beim Deutschen Feuerwehrverband tätig . Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Gewalt im Einsatz gemacht?

Ich habe in einem Rettungsdienst-Einsatz einmal eine Glasflasche aufs geparkte Auto geworfen bekommen, völlig ohne jeden nachvollziehbaren Anlass, einfach so. Von einem Passanten. Da erschrickt man sich schon erstmal und fragt sich, was mit den Leuten nicht stimmt.

Ist die Gewalt gegen Einsatzkräfte tatsächlich ein so neues Problem, oder ist das nur eine subjektive Wahrnehmung?

Diensterfahrene Einsatzkräfte erzählen, dass es schon immer auch körperliche Auseinandersetzungen gegeben hat. Diese wurden allerdings eher ohne Waffengewalt ausgetragen und hinterher wussten alle Beteiligten, worum es ging. Die aktuelle Entwicklung zeigt aber viele Angriffe, die überraschend kommen oder wo überhaupt gar kein Motiv der Täter erkennbar ist. Auch die Häufigkeit und Gefährlichkeit von Angriffen nimmt nach der Wahrnehmung der Einsatzkräfte eindeutig zu.

Erklärvideo: So funktioniert die Rettungsgasse

Wie haben Sie sich im Rahmen ihrer Arbeit angenähert?

Ich habe Dunkelfeldforschung in Form einer kriminologischen Studie betrieben und die vier größten Berufsfeuerwehren Deutschlands nach ihren Gewalterfahrungen im Einsatz befragt, sowohl schriftlich als auch im Interview. Es haben sich über 1600 Einsatzkräfte daran beteiligt. Herausgekommen sind Ergebnisse sowohl zur Quantität als auch zur Qualität von Übergriffen im Einsatzdienst sowie zur juristischen Aufarbeitung und zu möglichen Präventionsansätzen.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie dabei gekommen?

Es gibt wesentlich mehr gewalttätige Übergriffe im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr, als die offiziellen Zahlen das vermuten lassen. Die wenigsten werden gemeldet. Das hat ganz unterschiedliche Gründe, klar ist aber, dass die Forschung noch lange nicht alle Bereiche ausgeleuchtet hat. Insbesondere was die Strafverfolgung anbelangt müssen wir noch viel stärker die bisherige Praxis der Justiz hinterfragen und auch die öffentliche Dokumentation verbessern.

Was hat Sie dabei besonders überrascht?

Ich finde es schon auffällig, dass die allermeisten Einsatzkräfte ihre persönliche Geschichte zu Gewalt im Einsatz erzählen können. Kaum jemand ist mit dem Thema noch nie persönlich in Kontakt gekommen, gerade auf Brennpunktwachen. Die Frustration über das Gefühl, nichts dagegen ausrichten zu können, ist deutlich spürbar. Hier müssen wir als Gesellschaft unseren Einsatzkräften den Rücken stärken, und zwar nicht nur den Rettungskräften der Berufsfeuerwehren in der Großstadt. In Deutschland leben weite Teile der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr nach wie vor vom Ehrenamt. Es kann nicht sein, dass die Feuerwehr und der Rettungsdienst in manche Gebiete nur noch mit Polizeischutz fahren.

Was geht in Menschen vor, die Helfer angreifen?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da wir ja nicht die Täter, sondern die Opfer befragt haben. Es gibt viele verschiedene Täterprofile, die immer wieder auftauchen, so dass eine Verallgemeinerung schwierig ist. Vermutlich ist den Tätern aber eines gemeinsam: Sie stellen ihre Individualinteressen nicht nur über die körperliche Unversehrtheit der Einsatzkräfte, sondern damit auch über das Gemeinwohl. Ich unterstelle den Tätern in vielen Fällen, sofern sie nicht durch Alkohol oder andere Substanzen unzurechnungsfähig sind, ein Egoismusproblem. Gerade im Bereich der politisch motivierten Gewalt fehlt den Menschen offenbar jedes Gefühl für die Angemessenheit oder Verhältnismäßigkeit ihres Verhaltens.

Was kann man dagegen tun?

Ich begrüße eine eindeutige und praxistaugliche Regelung der Straftatbestände. Das Problem liegt meines Erachtens aber weniger im gesetzlichen Rahmen der Strafzumessung, sondern in der Konsequenz seiner Anwendung.Die theoretische Möglichkeit höherer Strafen entfaltet ja nur dann Durchschlagskraft, wenn sie auch verhängt werden.

Feuerwehr wirbt mit Video für mehr Respekt

Die bayerische Feuerwehr wirbt mit einem Webvideo für mehr Respekt. Lassen sich potentielle Täter so erreichen?

Wenn durch solche Videos nur eine Person zum Umdenken gebracht wird, ist schon etwas gewonnen. Solche Beiträge können natürlich nur ein Teil der Präventionsmaßnahmen sein und die Welt nicht allein retten, aber diesen Anspruch hat auch keiner. Ich finde sie aber sehr geeignet, um das Bewusstsein für die Problematik und vielleicht auch die Solidarität mit den Einsatzkräften in der Gesamtbevölkerung zu erhöhen.

Wie beeinflusst die Gefahr die Arbeit der Rettungskräfte?

Jeder hat seine eigene Art und Weise, mit Gewalterfahrungen umzugehen. Manche stumpfen ab und nehmen nur noch sehr heftige Angriffe überhaupt als solche wahr, andere ziehen sich zurück und leiden stärker unter der psychischen Belastung, die Gewalterfahrungen mit sich bringen können. In schlimmen Fällen entwickeln sich auch körperliche Symptome wie Schlafstörungen und Depressionen bis hin zur Posttraumatischen Belastungsstörung.

 

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen